<p class="x_MsoNormal"><span data-olk-copy-source="MessageBody">Bad Salzuflen-Schötmar.</span> Am Donnerstag, 5. Juni, lädt das Stadtarchiv zu einem besonderen Abend in die Wandelhalle im Kurpark ein: Unter dem Titel „Auf Spurensuche: Von Schötmar nach Riga“ berichtet der Historiker Jan-Willem Waterböhr über ein weitgehend verdrängtes Kapitel der regionalen Geschichte. Die Veranstaltung beginnt um 18.30 Uhr. Der Eintritt ist frei.</p> <p class="x_MsoNormal">Im Mittelpunkt seines Vortrags stehen die Deportationen jüdischer Bürgerinnen und Bürger aus Ostwestfalen-Lippe in das Ghetto Riga während der NS-Zeit. Waterböhr zeichnet die Wege der Opfer nach, zeigt die Verflechtungen zwischen lokalem Geschehen und dem Holocaust auf und wirft einen eindringlichen Blick auf die Verantwortung in der Gegenwart.</p> <p class="x_MsoNormal">Unsere Redaktion hat im Vorfeld mit dem Historiker gesprochen. Nach Stand der Forschung hat es wohl mindestens vier Deportationen von Bad Salzuflen und Schötmar aus gegeben, sagt Waterböhr. So mussten Jüdinnen und Juden am 10. Dezember 1941 einen Lkw besteigen, der sie zunächst nach Bielefeld gebracht hat. Von dort aus ging es weiter mit dem Zug in das Konzentrationslager nach Riga.</p> <p class="x_MsoNormal Zwischenzeile" data-semantic="p">Auf dem Marktplatz sammeln</p> <p class="x_MsoNormal">Weitere Transporte fanden am 31. März 1942 nach Warschau und am 31. Juli 1942 nach Theresienstadt statt. „Wahrscheinlich hat es auch eine Deportation am 10. Juli 1942 nach Auschwitz gegeben“, so Waterböhr. In Schötmar mussten sich die Menschen auf dem Marktplatz sammeln, ob es auch einen Sammelpunkt in Bad Salzuflen gab, lasse sich nicht mit Sicherheit sagen.</p> <p class="x_MsoNormal">Auch wie viele als von den Nazis als Juden klassifizierte Menschen aus Bad Salzuflen deportiert wurden, sei bisher nicht zweifelsfrei geklärt, sagt Waterböhr. Aus Lippe insgesamt geht man von 145 Menschen aus, die deportiert wurden. „Zehn haben überlebt“, sagt der Wissenschaftler.</p> <p class="x_MsoNormal">Anfang 1933 wohnten in Bad Salzuflen und Schötmar 117 Menschen jüdischen Glaubens, wie der Historiker Franz Meyer recherchiert hat. 49 von ihnen gelang es, rechtzeitig Deutschland zu verlassen, 64 wurden im Holocaust ermordet, aber nicht alle zwingend im Zusammenhang mit Deportationen. Dass die beiden Zahlen in der Summe nicht 117 ergeben, hängt mit natürlichen Todesfällen in der Zeit von 1933 bis 1942 zusammen sowie mit einer gewissen Fluktuation der Menschen.</p> <p class="x_MsoNormal Zwischenzeile" data-semantic="p">Zuarbeit der Reichsbahn</p> <p class="x_MsoNormal">Dass die Menschen aus Bad Salzuflen und Schötmar zunächst nach Bielefeld gebracht wurden, von wo aus sie mit der Bahn weitertransportiert wurden, habe auch den Grund, dass sich in der Stadt die Gestapo-Außendienststelle Bielefeld befunden hat, die auch für Lippe zuständig war, sagt Waterböhr. Ein Gestapo-Mitarbeiter hat die Deportation nach Riga fotografisch festgehalten.</p> <p class="x_MsoNormal">Mehr als 20 Bilder sind erhalten geblieben, von denen Waterböhr beim Vortrag viele zeigen wird. Zu sehen sind vollgepackte Waggons; nicht nur aus Lippe, sondern auch aus Münster, Osnabrück und Bielefeld selbst wurden Jüdinnen und Juden in die Waggons gezwungen. Handelte es sich bei der Deportation nach Riga noch um Personenwaggons, wurden bei späteren Transporten Viehwagen eingesetzt, wie Waterböhr berichtet.</p> <p class="x_MsoNormal">Ein Augenmerk legt der Wissenschaftler in dem Vortrag auch auf die reibungslose Zu- und Zusammenarbeit mit Reichsbahn und Stadtverwaltungen, die das Deportieren und fabrikmäßige Töten von Millionen von Menschen erst möglich machten. So trugen auch Institutionen zum Holocaust bei, die originär nicht der nationalsozialistischen Vernichtungsideologie anhingen.</p> <p class="x_MsoNormal Zwischenzeile" data-semantic="p">Erster Schritt zum Massenmord</p> <p class="x_MsoNormal">„Wichtig ist mir, aufzuzeigen, dass die Vernichtung nicht erst in Auschwitz ihren Lauf nahm“, sagt Waterböhr. Also nicht in vergleichsweise fernen Orten außerhalb Deutschlands. Der erste Schritt auf dem Weg zum Massenmord fand unter den Augen der deutschen Öffentlichkeit statt. Neben den Sammelpunkten wurden Menschen, die nach NS-Lesart als „Volljuden“ galten, in sogenannten Judenhäusern gettoisiert, wie Waterböhr sagt.</p> <p class="x_MsoNormal">In Bad Salzuflen diente das Geschäftshaus der Obermeyers in der Langen Straße 41 als „Judenhaus“, sowie die Obere Mühlenstraße 8. „In Schötmar waren es die Häuser Schlossstraße 16 sowie die Schülerstraße 18, 20 und 22“, sagt der Historiker. Davon, dass es seitens der nichtjüdischen Nachbarn nennenswerte Proteste oder zum Ausdruck gebrachtes Missfallen gegeben hätte, sei derzeit nichts bekannt. Deshalb müsse man immer wieder erinnern.</p>