<p class="x_MsoNormal"><span data-olk-copy-source="MessageBody">Bad Salzuflen-Schötmar. „Wir sind auf der Fahrt nach Auschwitz“ – so stand es auf einer Postkarte, die die Schötmaraner Familie Hamlet 1943 an Freunde in Herford schickte. In dem Konzentrationslager im heutigen Polen endete ihr Leben. Wie Millionen andere jüdische Menschen wurden sie im deutschen Namen im Holocaust ermordet.</span></p> <p class="x_MsoNormal">Den Lebensweg und die Stationen der Deportation der Cousins Paul und Richard Hamlet sowie von dessen Ehefrau Lina hat Pia Gillner recherchiert. Sie absolviert derzeit ein studentisches Volontariat im Stadtarchiv Bad Salzuflen. Am Donnerstag, 15. Mai, wird sie in der Wandelhalle über die Geschichte der drei Menschen sprechen, die aller Wahrscheinlichkeit nach in den Gaskammern des Vernichtungslagers Auschwitz ermordet wurden. Der Vortrag beginnt um 18.30 Uhr, der Eintritt ist frei.</p> <p class="x_MsoNormal">„Kein Lebensweg gleicht dem anderen“, sagt Pia Gillner. Dennoch stehen die Stationen von Richard, Lina und Paul Hamlet exemplarisch für das Schicksal vieler jüdischer Menschen, die von den Nationalsozialisten verfolgt, deportiert und ermordet wurden, weil sie Juden waren oder als solche kategorisiert wurden.</p> <p class="x_MsoNormal Zwischenzeile" data-semantic="p">Zur Schließung gezwungen</p> <p class="x_MsoNormal">Richard und Lina Hamlet betrieben in der Augustastraße 4 in Bad Salzuflen eine Pension, bis sie von den Nationalsozialisten zur Schließung gezwungen wurden. „Schon vor der Machtübernahme 1933 übten die Nazis so viel Druck aus, dass sich kaum noch jemand traute, in jüdischen Pensionen zu übernachten“, sagt Gillner. Die Familie Hamlet habe sich damals sogar bei den Behörden beschwert – ein Zeichen für ihren Mut und ihr Selbstbewusstsein.</p> <p class="x_MsoNormal">Zurück zur Postkarte: Sie wurde noch im Deportationszug am 30. Januar 1943 geschrieben. Als sie bei den Freunden der Familie in Herford eintraf, waren Richard, Lina und Paul Hamlet vermutlich bereits tot. „Es ist sehr wahrscheinlich, dass sie schon bei ihrer Ankunft in Auschwitz aufgrund ihres Alters an der Rampe zur Vernichtung ausgesondert wurden“, erklärt Gillner. Alle drei waren älter als 50 Jahre. Fotos von den drei Salzuflern besitzt das Stadtarchiv nicht, aber es existieren noch Zeitungsanzeigen, die für die Pension warben.</p> <p class="x_MsoNormal">Am 27. Juli 1942 wurden Richard und Lina Hamlet zusammen mit Paul Hamlet und weiteren Jüdinnen und Juden aus Bad Salzuflen nach Bielefeld deportiert. Der Sammelpunkt in Bad Salzuflen befand sich vermutlich im Bereich zwischen Amtsgericht und altem Rathaus – genau lässt sich das nicht belegen, da entsprechende Unterlagen zerstört wurden. In Schötmar war der Sammelplatz auf dem Marktplatz. „Die Menschen mussten sich am helllichten Tag unter den Augen der Öffentlichkeit dort einfinden“, berichtet Gillner.</p> <p class="x_MsoNormal Zwischenzeile" data-semantic="p">Gleichgültige Bevölkerung</p> <p class="x_MsoNormal">Die Reaktionen der Bevölkerung seien überwiegend gleichgültig gewesen. „Während am 31. Juli 1942 in Bad Salzuflen der ,Tag der Kriegsmarine‘ mit Bootsmanöver und Kaffeetrinken im Kurpark gefeiert wurde, war der Deportationszug mit den jüdischen Bürgerinnen und Bürgern längst unterwegs“, so Gillner – ein bedrückendes Bild der Gleichzeitigkeit von Verdrängung und Gewalt.</p> <p class="x_MsoNormal">Denn von Bielefeld aus wurden die drei Hamlets am 31. Juli 1942 in das Ghetto Theresienstadt im heutigen Tschechien deportiert – ein sogenanntes „Sammellager“, das in Wahrheit eine Art Konzentrationslager war. Dort kamen sie am 1. August mit den Transportnummern 141 bis 143 an. „Dieser Transport mit 590 Menschen war die größte Deportation aus dem Gau Westfalen-Nord, zu dem Bad Salzuflen gehörte“, erklärt Gillner.</p> <p class="x_MsoNormal">Nur wenige Monate später, am 29. Januar 1943, wurden Richard, Lina und Paul Hamlet weiter nach Auschwitz deportiert. „Es ist fast ein Wunder, dass sie bis dahin überlebt hatten“, sagt Gillner. Gerade die Sommermonate in Theresienstadt galten als besonders tödlich – aufgrund der katastrophalen hygienischen Bedingungen grassierten Krankheiten, was von den Nationalsozialisten bewusst provoziert wurde. Besonders perfide: In einem Propagandafilm von 1944 versuchte das NS-Regime, Theresienstadt als angeblich „lebenswerte“ jüdische Siedlung mit Kultur, Sport und Sauna darzustellen.</p> <p class="x_MsoNormal Zwischenzeile" data-semantic="p">Nach Ankunft ermordet</p> <p class="x_MsoNormal">Am 30. Januar 1943 trafen Richard, Lina und Paul Hamlet in Auschwitz ein – zusammen mit 997 weiteren Menschen. 783 von ihnen wurden direkt nach der Ankunft ermordet. „Es ist sehr wahrscheinlich, dass auch die drei Hamlets unter diesen Opfern waren“, so Pia Gillner. Offiziell für tot erklärt wurden sie erst im Verlauf der 1950er Jahre.</p> <p class="x_MsoNormal">Nur wenige Angehörige der großen Familie Hamlet überlebten den Holocaust – darunter Richards und Linas Sohn Rolf. Er wurde am 25. Oktober 1923 geboren und konnte am 16. Dezember 1938 mit einem sogenannten „Kindertransport“ nach England fliehen. Er überlebte und starb im Jahr 2003. Auch sein gleichaltriger Großcousin Egon Hamlet, Sohn von Paul und seiner verstorbenen Frau Anna Hamlet, konnte 1939 auf diese Weise vor den Nazi-Schergen flüchten.</p>