Bad Salzuflen. „Sterben ist bunt.“ So hieß das Seminar, an dem Marcel Nerger vor Kurzem teilgenommen hat. Es sollte vorbereiten auf einen Einsatz in der Begleitung Trauernder, und zwar „tiergestützt“. „Da haben wir gesehen, wie zum Beispiel Hunde als Eisbrecher eingesetzt werden können“, erzählt Nerger, der seit Dezember 2024 ehrenamtlich für den Verein Courage arbeitet. „Es ist interessant und spannend zu sehen, wie vielfältig das Thema ist - und wie viele Möglichkeiten es gibt, Menschen zu helfen. Trauer muss nicht todernst sein.“ Mit einer gewissen Lockerheit an das Thema Verlust heranzugehen hilft auch Justine Leubecher. Die 24-Jährige stieß ebenfalls vor einem halben Jahr zum Verein, der seine Räume in der Innenstadt am Markt hat und dort auch seine Beratungen anbietet. Leubecher wurde wie ihr Ehrenamtskollege Nerger über einen Infostand in der Weihnachtszeit auf Courage aufmerksam - und war fasziniert. Ein Tabuthema Leubecher ist Hebamme und zudem seit zehn Jahren in der Kinder- und Jugendarbeit ihrer Gemeinde aktiv. Mit Verlust und Trauer wurde sie in beiden Bereichen bereits öfter konfrontiert, hatte den Umgang damit jedoch immer als schambehaftet und tabuisiert wahrgenommen. „In den meisten Familien geht es sehr verschwiegen zu - oft ist das ein Schutzmechanismus, gerade im Hinblick auf Kinder“, erläutert sie ihre Erfahrungen. Unterdrückte Gefühle, die „nicht da sein dürfen“, könnten jedoch im weiteren Verlauf des Lebens zum Problem werden, sind sich beide Ehrenamtliche sicher. Dabei sei es normal, dass auch Emotionen wie Erleichterung, Wut oder gar Hass im Prozess des Abschieds aufkommen. Eine Verdrängung könne sogar die Entstehung psychischer Krankheiten oder Störungen begünstigen. Daher ist ihnen die Bildungsarbeit in den Kitas, die neben der Beratung eine Grundsäule des Vereins ist, besonders wichtig. Verlust hat viele Facetten Trauer, betonen sie, könne dabei nicht nur beim Tod eines geliebten Menschen auftreten. Auch die Trennung der Eltern, der Übergang vom Kindergarten in die Schule, der Wegzug eines besten Freundes und selbst der Verlust des Kuscheltieres könnten das Gefühl auslösen. „Trauer hängt mit einem Strukturverlust zusammen“, so Leubecher. Wichtig sei es, Kinder ernstzunehmen, ihren Verlust nicht kleinzureden oder mit einer schnellen Lösung - „ich kaufe dir ein neues Kuscheltier“ - aus der Welt schaffen zu wollen. In diesem Umgang schult der Verein sowohl die Erzieher als auch Mütter und Väter bei entsprechenden Elternabenden. „Kinder trauern anders als Erwachsene, nämlich eher in Wellen“, so Leubecher. „Sie sind sogenannte Pfützenspringer“, erklärt Nerger. „Sie springen in die Trauer hinein und dann auch schnell wieder heraus.“ Wer dies wisse, können Kinder besser begleiten. Möglichst offen und ehrlich mit ihren zu sprechen sei wichtig. „Sie füllen die Leerstellen sonst mit ihrer Fantasie“, so Leubecher. Gespräche beim Spaziergang Marcel Nerger und ihr ist kaum anzumerken, dass sie sich vor ihrer Mitgliedschaft im Verein Courage noch gar nicht intensiv mit Trauerarbeit beschäftigt hatten. Beide kamen nicht über eigene Verluste zum Thema, sondern einfach durch Interesse an der Materie. Rund 20 Personen gehören zum Team, und jeder bringe bei den zweiwöchentlichen Treffen seine Ideen ein. Nerger, der in der Verwaltung einer Einrichtung für Menschen mit Behinderungen tätig ist und wie Leubecher einen eigenen Hund hat, möchte - inspiriert durch das Seminar - eine „Walk & Talk“-Gruppe für Trauernde anbieten. Leubecher arbeitet an Konzepten wie „Gefühlsyoga für Kinder“, das den Kleinen helfen solle, ihre Emotionen auszudrücken. Das Schöne an ihrem Ehrenamt sei, dass jede und jeder seine Talente und Blickwinkel einbringen könne. Denn so unterschiedlich wie jeder Mensch seien auch die Bedürfnisse in der Trauerbegleitung. So könne der eine vielleicht eher in einer Gruppe beim Spaziergang ins Gespräch kommen, während die andere sich in der Privatsphäre einer Eins-zu-Eins-Beratung wohler fühle. Am wichtigsten sei ihnen, dass niemand sich in seinem Schmerz alleingelassen fühle. „Wir möchten so viele Menschen erreichen, wie es nur geht“, formuliert Leubecher ihr Ziel. Im Auto Abstand gewinnen Rituale seien beim Trauern wichtig und sie helfen auch ihnen, schwierige Situationen hinter sich lassen zu können. Während Leubecher auf eine Dusche und frische Kleidung schwört, ist für Nerger sein Auto ein „Safe Space“, in dem er bei guter Musik im wahrsten Sinne Abstand gewinnen könne. Nicht jeder in ihrem Umfeld habe ihre Begeisterung für das „schwierige Thema“ direkt verstehen können. „Du bist so jung, warum beschäftigst du dich damit?“, zitiert Leubecher eine der Reaktionen. Andere, so Nerger, hätten eher Respekt bekundet. Mittlerweile könne er sich, gestützt durch weitere Lehrgänge, auch vorstellen, selbst direkt mit Betroffenen zu arbeiten. Das sei für Vereinsmitglieder jedoch keine Pflicht. „Es gibt so viele weitere Bereiche, wo es etwas zu tun gibt“, so Nerger. Die Vorsitzenden Jason Maximilian Jochem und Kevin Kößler verstünden sich allerdings darauf, Neulinge an die verantwortungsvolle Aufgabe heranzuführen. „Trauer muss kein Angst-Thema sein“, sagt Justine Leubecher. „Und es tut sehr gut, für die Menschen da zu sein.“