Barntrup. Gisbert Herrmann ist Handwerker durch und durch. Groß geworden ist er quasi in Ziegeleien. Sein Vater war Ziegelmeister. Und so durfte er in den dortigen Schlossereien oft „basteln“, wie er sagt. Sein Vater war es auch, der in ihm die Vorliebe für Lloyd-Autos weckte - durch ganz besondere Urlaube. Vor sieben Jahre kaufte der heute 85-jährige Barntruper dann einen solchen Oldtimer und restaurierte ihn aufwendig. Herrmann wuchs in Niederschlesien auf. Während des Zweiten Weltkriegs wurde sein Vater eingezogen. Der Hanomag-Pkw, den die Familie besaß, wurde daher aufgebockt. Die Räder seien für den Krieg verwendet worden. Als kleiner Junge habe er sich dort gerne zum Mittagsschlaf hingelegt. 1946 wurde die Familie nach Westdeutschland vertrieben. Ein Jahr später kam sein Vater aus der Kriegsgefangenschaft nur mit einem selbst gebauten Holzkoffer zurück. Solch einen hat Herrmann heute noch als Hommage an seinen Vater auf das Dach seines Oldtimers gespannt. Insgesamt zog der Barntruper in seinem Leben 22-mal um. Er besuchte drei verschiedene Volksschulen, die Mittelschule und zwei Berufsschulen. Der Grund: „Immer, wenn sich meinem Vater die Chance bot, mehr in einer anderen Ziegelei zu verdienen, zogen wir weiter“, berichtet der 85-Jährige. Der erste Urlaub 1954 1954 kaufte sein Vater den Lloyd 400. Zu dritt ging es damit in den Urlaub: in den Schwarzwald, am Bodensee vorbei, in die Schweiz und über den Klausenpass nach Lichtenstein. „Abends haben wir dann auf einer Wiese oder am Waldrand angehalten und unseren Lloyd zu einem Nachtlager umgebaut. Campingplätze gab es damals ja noch nicht“, erinnert sich Herrmann. Die Oberteile der Sitze kamen ab und wurden in den Fußraum gelegt. Die Unterteile wurden verkehrt herum wieder eingesetzt und vor die Rücksitzbank geschoben. Seine Mutter hatte aus einem Jutesack einen Schlauch genäht, den der damals 14-Jährige mit gerupftem Gras füllen musste. Das wurde dann in den Spalt zwischen die Sitze gestopft und eine Steppdecke über alles gelegt. So hatten die drei eine Liegefläche. Vorm Schlafengehen wurden die selbst angebauten Kartoffeln im mitgebrachten Dampfkochtopf auf einem Benzinkocher gegart. „Gaststätten waren finanziell nicht drin“, so Herrmann. Auf selbst gebauten Klappstühlen und einem Tisch aß die Familie zu Abend. „Das passte alles in den Lloyd rein“, sagt der Barntruper. Auf dem Hubschrauberlandeplatz Einmal sei die Familie morgens um 5 Uhr von einem lauten Geräusch wach geworden. „Da landete ein Hubschrauber neben uns. Der Pilot erzählte, dass wir auf seinem Landeplatz standen. Er transportierte Lebensmittel für die Almen“, erinnert sich der 85-Jährige. 1955 ging es im Lloyd nach Berchtesgaden und von dort nach Österreich über die Großglockner-Alpenstraße. „Das war ein Abenteuer vollgepackt und mit nur 13 PS. Berghoch ging es noch ganz gut. Der Lloyd hat ja eine Luftkühlung, aber bergab wurden die Bremsen heiß. Da mussten wir rechts ranfahren“, weiß Herrmann noch. 1956 ging es für die Familie, die damals in Vechta lebte, über den Brenner nach Venedig und weiter nach Triest, wo sie zum ersten Mal einen Campingplatz ansteuerte. „Auf der Fahrt hatten wir bei einer Zeltfabrik in Ulm angehalten und ein Hauszelt gekauft, das wir zum ersten Mal an einem See in Füssen nutzten. Damals sind wir Touren gefahren ...“, blickt der Barntruper zurück. Doch 1957 war es damit vorbei, Gisbert Herrmann kam in die Lehre zum Fernmeldehandwerker. Ein Jahr später machte er den Führerschein und lieh sich ab und an den Lloyd seines Vaters aus, der mittlerweile das Modell 600 mit mehr PS hatte, um mit Freunden an den Niederrhein zu fahren. Er selbst hatte nur ein Kleinmotorrad von Göricke. Später holte er sich eine DKW SB 200 von 1937. „Die habe ich für 25 Mark erstanden und selbst restauriert“, sagt Herrmann. Dann wechselte er mit dem Heinkel Kabinenroller auf drei Räder. Mit dem Gefährt war er auch im Urlaub in Berchtesgaden. „Allerdings hatten wir einen Motorschaden unterwegs.“ Vater und Sohn bauten 1962 gemeinsam das Haus der Familie in Sarstedt. Das Material dafür wurde im Lloyd transportiert. Gisbert Herrmann brauchte bald ein Familienfahrzeug. Sein erstes Auto wurde ein Renault Dauphine. „Den bin ich aber nur fünf Jahre gefahren. Dann war er durchgerostet“, sagt der Barntruper und lacht. Dann holte er sich einen Ford 17 M und in den 80ern gleich vier Mercedes-Benz „Strich-Achter“. Im elterlichen Garten baute er sie um, beziehungsweise schlachtete sie aus. „Das habe ich mir alles selbst angeeignet. Die waren komplett durchgerostet“, erinnert sich Herrmann. Auch ein kleines Boot baute er um, mit dem es an der Weser entlang nach Bodenwerder ging, sowie einen ausrangierten Postbus, in dem sich mal ein mobiles Postamt befand. Dabei handelte es sich um einen Daimler 308, der zum Wohnwagen wurde. Daran kam Herrmann durch seine Arbeit als Fernmeldetechniker bei der Bundespost, später war er bei der Telekom. Mit den drei Kindern und seiner Frau ging es in dem Gefährt und dem Boot im Schlepptau bis zur italienischen Halbinsel Gargano an die Adria. „Das hat Spaß gemacht“, sagt der 85-Jährige. Später baute er auch noch einen Hanomag Tempo zum Wohnmobil um. Seit 1996 lebt Gisbert Herrmann in Barntrup, engagierte sich 14 Jahre lang bei der historischen Museumseisenbahn. In seiner Werkstatt werkelt er noch immer viel an alten Fahrzeugen. Von seinem verstorbenen Großvater übernahm er zum Beispiel dessen alte DKW Hummel, setzte sie instand und fuhr damit 2017 zu einem Oldtimertreffen nach Hameln. Dort entdeckte er einen Lloyd und kam mit dem Besitzer ins Gespräch. „Er hatte seine Werkstatt in Bad Pyrmont gerade aufgegeben und hatte dort noch einen Lloyd 400 stehen“, berichtet der Barntruper. Er fuhr nach Bad Pyrmont und kaufte den Lloyd, der mehr als 40 Jahre auf einem Bauernhof in Holzminden vor sich hingammelte. Er hatte sehr viel Rost. „Da war schon ’ne Menge zu tun: ausbeulen, spachteln, schleifen, lackieren und und und ...“ Außerdem bekam das Modell 400 einen neuen Motor, den aus dem Modell 600. Statt 13 hat er nun 25 PS, fährt maximal 100 statt 70 Stundenkilometer. Herrmann schraubte mehr als fünf Jahre am Lloyd. „Der TÜV hat ihn mir anstandslos abgenommen. Ich mache damit nicht nur Oldtimer-Fahrten, sondern nutze ihn auch als Zweitwagen“, sagt Herrmann stolz. „Wenn ich mit dem Ding durch die Gegend fahre, winken mir die Leute zu oder zeigen den Daumen hoch. Wenn ich irgendwo parke, bin ich noch nicht ausgestiegen, da werden die ersten Fotos gemacht.“ Einmal im Monat fährt er zum Stammtisch der Oldtimerfreunde Extertal nach Asmissen. Dort tauschen sich die Mitglieder aus, helfen mit Teilen oder machen gemeinsame Ausfahrten, zuletzt zum Beispiel zur Ziegelei Lage. Zusammen fahren sie auch zu Treffen. „Das macht Spaß. Man lernt neue Leute kennen und führt Benzingespräche“, freut sich der 85-Jährige. Dort kam er auch auf die Idee für sein neustes Projekt: einen Anhänger für seinen Lloyd. LZ-Serie „Mein Oldie und ich“ Besitzen auch Sie einen Oldtimer mit einer besonderen Geschichte? Egal ob mit zwei oder vier Rädern, die LZ-Redaktion sucht Lipperinnen und Lipper, die ihr Herz an ein betagtes Gefährt verloren haben und darüber erzählen wollen. Die LZ-Serie „Mein Oldie und ich“ will diese Menschen und ihre Leidenschaft vorstellen. Wer mitmachen möchte, kann sich per E-Mail an redaktion@lz.de wenden. Wir freuen uns auf Sie!