Barntrup-Selbeck. Früher, als die Gesellschaft noch stärker dörflich strukturiert und christlich geprägt war, gehörte der Tod als normales Thema ganz selbstverständlich zum Leben dazu. Man bereitete sich darauf vor, und nahezu das ganze Dorf war involviert, wenn eine Beerdigung anstand. Damals waren sogenannte Sterbekassen in Dörfern und kleinen Städten keine Seltenheit. Wenn ein Mitmensch gestorben war, zahlten alle im Dorf einen kleinen Obolus, um den Hinterbliebenen finanziell unter die Arme zu greifen. Heute ist diese Form der bürgerlichen Selbsthilfe fast verschwunden. Doch im kleinen Barntruper Ortsteil Selbeck lebt diese Tradition weiter. Gründung 1924: Verein zur „Hülfe am Grab“ Und sie reicht lange zurück. Die Selbecker Sterbekasse wurde im Jahr 1924 als Verein zur „Hülfe am Grab“ gegründet, erklärt Otto Piesk, der seit mehr als 20 Jahren die Sterbekasse verwaltet. Damals wollte man die Versorgung der Hinterbliebenen sicherstellen, wenn ein Mitglied starb. Zu der Zeit übten die meisten Menschen im Ort den Beruf des Wanderzieglers aus. Heute ist die Sterbekasse zwar kein eigener Verein, gehört aber weiter als unabhängige Gruppe zum Ziegler- und Heimatverein Selbeck. Vor 100 Jahren erhielten Hinterbliebene 80 Mark aus der Sterbekasse. Zur damaligen Zeit war das viel Geld und deckte etwa die Kosten für einen Sarg. Heute zahlt die Sterbekasse 400 Euro aus. „Das ist vielleicht kein Vermögen, aber in der Situation kann man oft jeden Euro gebrauchen. Vor allem, wenn man selbst nicht viel hat. Und die Krankenkassen zahlen ja auch schon lange kein Sterbegeld mehr an die Angehörigen aus“, erklärt Otto Piesk. Sammlung von Tür zu Tür Wenn in Selbeck um 11 Uhr die Glocken der Kirche geläutet werden, weiß jeder: Einer der unsrigen ist gestorben. Und dann macht sich Julia di Mario auf den Weg. Sie ist die Tochter von Otto Piesk und als Kassiererin seit 2009 für die Sterbekasse tätig. Julia zieht von Tür zu Tür und sammelt von jedem Mitglied 5 Euro ein. Auch das gehört zur Tradition und ist Ausdruck des starken Zusammenhalts im Dorf. „Wir könnten das Geld ja auch per Einzugsermächtigung sammeln. Aber wir haben uns bewusst dagegen entschieden“, betont Otto Piesk. Zur Auszahlung besucht Piesk die Hinterbliebenen. „Aber erst nach der Beisetzung, damit die Betroffenen vorher ihre Ruhe haben“, sagt er. Als man ihm vor mehr als 20 Jahren das Amt des Vorsitzenden der Sterbekasse antrug, nahm er es gerne an. Er empfinde es als eine große Ehre und Anerkennung, „schließlich bin ich Beutelipper und kein gebürtiger Selbecker“. Als gelerntem Sanitäter sei dem heutigen Inhaber einer Fahrschule der Tod nicht fremd. Aber selbstverständlich lassen ihn die Besuche bei den Hinterbliebenen nicht kalt – oft genug kannte er die Verstorbenen selbst auch gut. „Es geht auch nicht nur um die Übergabe der 400 Euro, sondern um das persönliche Gespräch, das gemeinsame Erinnern“, sagt er und lächelt. „Das wollen wir auf jeden Fall aufrecht erhalten“, betont Piesk. Und auch, wenn 400 Euro kein Vermögen sind, die Dankbarkeit der Angehörigen sei immer groß. Dreiviertel aller Selbecker sind in der Sterbekasse Aktuell hat die Selbecker Sterbekasse 86 Mitglieder – ein beachtlicher Wert, wenn man bedenkt, dass der Ort nur rund 380 Einwohner hat. Da Familien durch ein zahlendes Mitglied einbezogen sind, werden so gut Dreiviertel der Bevölkerung des Dorfes in der Sterbekasse geführt und im Fall des Falles mit den allen Mitgliedern zustehenden Leistungen bedacht. Wie gesagt: Die Dorfgemeinschaft ist in Selbeck intakt. Jedes Jahr in der „stillen Zeit“ – zwischen Volkstrauertag und Totensonntag – findet die Jahreshauptversammlung der Sterbekasse statt. Zu diesem Anlass werden die Namen aller Verstorbenen des vergangenen Jahres verlesen, und es wird ihrer gedacht. In geselliger Runde bei Glühwein, Punsch und Keksen tauschen die Mitglieder Erinnerungen aus und geben so manche Anekdote – mal lustig, mal traurig – zum Besten. „Früher wurde auch noch viel Platt gekürt“, erinnert sich Piesk. Bei diesen Treffen erfahren insbesondere die jüngeren Mitglieder der Sterbekasse oder neu Zugezogene etwas vom Dorfleben vergangener Zeiten. Neue Mitglieder sind in der Sterbekasse immer willkommen. Einzige Bedingung: Man muss in Selbeck wohnen. Die Pflege des wunderschön in der Natur gelegenen kirchlichen Friedhofs liegt den Mitgliedern des Ziegler- und Heimatvereins sehr am Herzen. Alljährlich treffen sich einige von ihnen zum Hecke schneiden und zur Rasenpflege oder Ruhebänke bekommen einen neuen Anstrich. Auch als es darum ging ein neues Stelenbeet anzulegen, wo teilanonyme Bestattungen möglich sind, hat sich der Verein gekümmert. „Man findet immer einen, der ein bestimmtes Handwerk beherrscht und helfen kann“, freut sich Otto Piesk.