Blomberg. „Das Wort vom ,Nie wieder’ verliert in der heutigen Zeit immer mehr an Bedeutung“, resümierte der jüdische Pianist Matitjahu Kellig im Rahmen einer Podiumsrunde im Anschluss an sein Konzert am Wochenende in der Martin-Luther-Kirche Blomberg. Pfarrerin Bettina Hanke-Postma, seit vielen Jahren engagiert in der christlich-jüdischen Zusammenarbeit der Lippischen Landeskirche, und Kirchenpädagogin Monika Korbach hatten zu einem anregenden Konzertabend mit anschließender Diskussion eingeladen. Neben Kellig, der als Pianist eine Professur an der Hochschule Detmold ausübt, war Blombergs Bürgermeister Christoph Dolle Gast auf dem Podium. Musikalischer Dialog In sieben Klavierstücken, die Kellig zu Beginn des vorangegangenen Konzerts als Septologie betitelte, gelang dem 77-Jährigen ein tiefgehender Dialog zwischen der gefühlvollen Musik des Barocks und zeitgenössischen israelischen Komponisten des 20. Jahrhunderts. Während Bach und Scarlatti als ruhige Ankerpunkte Gelegenheit zum Träumen boten, schaffte Kellig mit der Musik der israelischen Komponisten Ben Zion Orgad, Paul Ben-Haim und Lior Shambadal einen lebhaften, teils dramatisch und aufrührenden Gegensatz zu den verträumten Klangfarben des 17. und 18. Jahrhunderts. Retrospektive Kellig lud mit der Auswahl der Stücke die Zuhörerinnen und Zuhörer zu seiner sehr persönlichen Klangreise ein und präsentierte zugleich eine Retrospektive seines musikalischen Lebens. Er verstehe sich als „Wanderer zwischen den Welten, im Dialog zwischen den Religionen“, betonte der renommierte Pianist, der in den vergangenen Dekaden in mehr als 60 Ländern über 80 Konzerte gegeben hatte. „Menschen, die Kultur miteinander teilen, bekriegen sich nicht“, ergänzte Bürgermeister Dolle. Dennoch, so bedauerte das Blomberger Stadtoberhaupt, seien derzeit „einige junge Menschen kaum noch für die Erinnerungskultur an den Holocaust erreichbar.“ Jüdisches Leben polizeilich geschützt In einer Zeit des erwachenden Antisemitismus sei es wichtig „Formate zu schaffen, in denen Menschen ihre Kultur miteinander teilen“, sagte der Bürgermeister. Es sei geboten „politische Phrasen mit Leben zu füllen und jeden Tag als Gesellschaft für ein ,Nie wieder’ einzustehen“, betonte Dolle. Wie nötig dieser Appell ist, machte Kellig deutlich: „Seit dem 7. Oktober 2023 hat es einen erschreckenden Anstieg judenfeindlicher Anfeindungen in Deutschland gegeben.“ Jüdisches Leben finde nur noch „polizeilich geschützt in Synagogen hinter Stacheldraht statt.“ Gegen den Antisemitismus „Gegen den aufkeimenden Antisemitismus und Rassismus ein Zeichen zu setzen“, sei ihre Motivation für diese Veranstaltung gewesen, beschreiben Bettina Hanke-Postma und Monika Korbach ihr ehrenamtliches Engagement. Bereits das Einbinden der acht Stolpersteine in Blombergs Stadtbild war für Hanke-Postma ein Herzensprojekt. Sie wolle mit diesen Aktivitäten dazu beitragen, den zunehmenden judenfeindlichen Angriffen und der schwindenden Erinnerungskultur entgegenzuwirken. Das einheitliche Credo am Ende der Podiumsrunde: der gemeinsame Appell an jeden Menschen unserer Zivilgesellschaft für den Zusammenhalt einzustehen und dem Hass entgegenzutreten.