Mindestens 23 Opfer: Ermittler äußern sich zu Lügder Missbrauchsfällen

Janet König

Enormes Medieninteresse bei der Pressekonferenz am Mittwoch im Kreishaus. - © Bernhard Preuss
Enormes Medieninteresse bei der Pressekonferenz am Mittwoch im Kreishaus. (© Bernhard Preuss)

Detmold/Lügde. Unfassbares soll sich auf einem Campingplatz in Elbrinxen zugetragen haben. Ein 56-jähriger Mann aus Lügde und mindestens ein weiterer Täter sollen über mehrere Jahre hinweg 23 Kinder im Alter zwischen vier und 13 Jahren missbraucht haben. Darunter ist auch ein sechsjähriges Pflegekind, das bei dem 56-Jährigen auf dem Campingplatz lebte. Die Gesamtzahl der Opfer dürfte allerdings weitaus höher liegen.

Bei einer offiziellen Pressekonferenz haben Polizei und die Detmolder Staatsanwaltschaft am Mittwoch Hintergründe zu dem Fall bekanntgegeben. Das Medieninteresse ist gewaltig.


Gegen drei Männer wird wegen schweren sexuellen Missbrauchs ermittelt. Daneben geht es auch um die Herstellung und Verbreitung kinderpornografischer Dateien. Laut Staatsanwältin Jacqueline Kleine-Flaßbeck handelt es sich bei den mutmaßlichen Haupttätern um einen 56-jährigen Camper aus Lügde und zwei weitere Täter aus Steinheim und Stade. Der Lügder soll mit dem 33-jährigen Bekannten aus Steinheim, der ebenfalls in Lügde im Januar festgenommen wurde, die Kinder abwechselnd vor der Kamera sexuell misshandelt haben. Der 48-Jährige aus dem niedersächsichen Stade habe als Auftragsgeber fungiert und aus dem Hintergrund Regie geführt.

Es sind bisher 13.000 Dateien mit kinderpornografischen Inhalten gesichtet worden. Die Ermittler stellten nach fünf Durchsuchungen Material von insgesamt 14 Terabyte sicher - darunter diverse Festplatten und 400 CDs. Ob der arbeitslose Luegder mit der Verbreitung der eigenständig produzierten kinderpornografischen Filme auch seinen Lebensunterhalt finaziert hat, steht noch nicht fest.  Die Ermittlungen dazu dauern weiter an.

Offenbar Ort grauenvoller Taten: Ein Campingplatz in Lügde. - © Vera Gerstendorf-Welle
Offenbar Ort grauenvoller Taten: Ein Campingplatz in Lügde. (© Vera Gerstendorf-Welle)

Die Polizei hat mittlerweile 23 Opfer identifiziert, die sexuell missbraucht wurden. Sie sollen alle zwischen 4 und 13 Jahre alt sein. Die Zahl ist laut Ermittlungsleiter Guntmar Weiß keine abschließende. Die Ermittler gehen außerdem von mehr als 1.000 Einzeltaten aus. Der Tatzeitraum erstreckt sich offenbar von 2008 bis Dezember 2018. Die Opfer sollen zum Großteil aus dem Umfeld des Campingplatzes kommen. Der 56-lährige Lügder, der dauerhaft auf dem Campingplatz lebte, soll diverse Ausflüge mit Quads und Pferden organisiert haben, um in Kontakt mit Kindern zu kommen. Auch sein inzwischen achtjähriges Pflegekind sei als Köder benutzt worden, um an andere Opfer heranzukommen.

Die Mutter des Mädchens sei mit der Erziehung des Kindes überfordert gewesen. Laut Stellungnahme des Jugendamtes Hamelln-Pyrmont sei das Kind daher auf den ausdrücklichen Wunsch der Mutter in der Obhut des 56-Jährigen übrgeben worden. Die Ermittler beschreiben das Verhältnis von Mutter und 56-Jährigem als Bekanntschaft. Das Jugendamt war offenbar 2016 vor Ort und hat eine Kindeswohlgefährdung ausgeschlossen. Ein Vater hatte zuvor einen Verdacht ans Jugendamt gemeldet. Die Ermittlungskommission "Camping" ermittelt auch, ob ein strafrechtlich relevantes Fehlverhalten der Behörden vorliegt. Sowohl das Jugendamt des Kreises Lippe als auch des Kreises Hameln/Bad Pyrmont waren involviert. Die Mutter stammt demnach aus dem Nachbarkreis.

Kreis Lippe nimmt Stellung

Bereits Ende 2016 wurde beim Jugendamt Kreis Lippe eine Kindeswohlgefährdung angezeigt. Diese Anzeige bezog sich auf den Verdacht der Verwahrlosung eines Kindes – nicht eines möglichen Missbrauchs, heißt es in einer Stellungnahme des Kreis Lippes. Das lippische Jugendamt habe umgehend die Situation vor Ort geprüft. Die Einschätzung der Mitarbeiter ergab: Das Kind lebte in keinem verwahrlosten Umfeld, sodass das Jugendamt das Kind nicht in Obhut nahm. Das Jugendamt Kreis Lippe empfahl allerdings, die Unterbringung und häusliche Situation auf Dauer zu verändern. Diese Einschätzung sowie der Hinweis auf eine latente Kindeswohlgefährdung wurden an die zuständige Behörde in Hameln-Pyrmont weitergeleitet, mit der Bitte, die Unterbringung des Kindes zu überprüfen. Die Zuständigkeit sei nach Hameln gefallen, da die Mutter in dem Landkreis wohnt.

Fotostrecke: Mindestens 23 Kinder auf Campingplatz missbraucht

Als im Jugendamt des Kreises Lippe schließlich Ende 2018 die Strafanzeige wegen Kindesmissbrauchs bekannt wurde, sei das Kind noch am selben Tag in Obhut genommen und in einer geprüften Bereitschaftspflegefamilie im Kreis Lippe untergebracht worden. Die zuständige Behörde in Hameln-Pyrmont wurde ebenfalls in Kenntnis gesetzt, das Jugendamt dort übernahm schließlich auch die Obhut des Kindes.

Nach Bekanntgabe des Ermittlungsstandes bietet der Kreis Lippe jetzt auch ein Beratungstelefon an, um passende Ansprechpartner zu vermitteln. Das Beratungstelefon ist von Montag bis Freitag von 9 bis 18 Uhr unter Tel. 05231-621633 erreichbar.

Kreis Hameln-Pyrmont nimmt Stellung

Auch der Kreis Hameln-Pyrmont hat sich am Mittwochabend in einer ausführlichen Stellungnahme zu den Vorwürfen geäußert. Die Entscheidung, das Kind in die Obhut des Mannes zu geben, habe insbesondere auf dem Wunsch der Mutter des Kindes beruht, heißt es dort. Weil diese ihrer Fürsorgpflicht nicht habe nachkommen können, habe sie selbst vorgeschlagen, ihr Kind, bei dem Lügder dauerhaft unterzubringen. Das Mädchen sei zuvor schon gelegentlich bei dem Lipper gewesen.  Nach der Unterbringung habe ein Prüfungsverfahren des Landkreises Hameln-Pyrmont stattgefunden, anschließend sei im Januar 2017 dann ein Pflegeverhältnis für das Kind anerkannt worden.

Weder der Gesundheitszustand, die finanzielle Lage noch das erweiterte Führungszeugnis des Mannes hätten bei der Behörde Grund zur Beanstandung gegeben. Grund für die Entscheidend sei vorrangig die gute Bindung des Kindes zu dem Pflegevater gewesen. Der mutmaßliche Täter hätte sich sehr für das Kind eingesetzt. Es soll auch erkennbar deutliche Verbesserungen des Entwicklungszustandes des Kindes gegeben haben, die auch durch Berichte aus den betreuenden Einrichtungen belegt wurden, schreibt der Kreis Hameln-Pyrmont in der offiziellen Stellungnahme.

"Die Wohnsituation ist sicherlich nicht optimal, hat im Vergleich zu einer funktionierenden sozialen Bindung allerdings einen deutlich geringeren Stellenwert und ist kein Indiz für die Feststellung für eine Kindeswohlgefährdung", heißt weiter.Die Wohnunterkunft auf dem Campingplatz entspreche einem winterfesten Wochenendhaus, bestehend aus mehreren Räumen mit Waschmöglichkeit, Küche und einem eigenen Schlafbereich für das Kind, das in gutem Pflegezustand und auch aufgeräumt vorgefunden wurde.

Der Pflegevater habe sich dort seinen Lebensmittelpunkt geschaffen, auf dem Campinggelände Freizeitaktivitäten koordiniert, sei dort beliebt und in dem sozialen Umfeld eng eingebunden gewesen. Zu keinem Zeitpunkt des Aufenthaltes des Kindes hätte es konkrete Hinweise auf seelische oder sexuelle Auffälligkeiten oder Übergriffe gegeben.

Leider liege es in der Struktur der Pädophilen, über lange Zeit, nicht selten über viele Jahre oder gar Jahrzehnte unentdeckt zu bleiben und ihr unrechtmäßiges Tun gekonnt zu verbergen, wenn nicht gar professionell zu verschleiern, heißt es weiter. Dadurch könnten laut Stellungnahme auch erfahrene Mitarbeiter des Jugendamtes nicht hinter die Fassade dieser Menschen blicken. Auch dann nicht, wenn, wie in diesem Fall, eine engmaschige Betreuung aufgebaut wurde. Einen vergleichbaren Fall habe es bisher im Jugendamt des Landkreises Hameln-Pyrmont nicht gegeben.

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