Detmold. Ein Schreibblock, ein Stift und ein anonymer Briefkasten: Im Detmolder Kunstraum „das delikat“ haben zwei Künstlerinnen Passanten dazu eingeladen, auf einem Zettel eine einfache Frage zu beantworten: „Was macht dich wütend?“ Entstanden ist ein Projekt, das alltägliche Gedanken, persönliche Erfahrungen und gesellschaftliche Themen in den öffentlichen Raum holt. Die Idee zur „Wutwand“, wie die Künstlerinnen Nora Maciol (39) und Vera Jessen (42) sie nennen, sei nach einer spontanen Begegnung entstanden: Während Jessen im Kunstraum gearbeitet hatte, kommentierten vorbeigehende Kinder etwas Abfälliges. „Das hat mich für den Moment verunsichert – nicht weil ich mich über sie geärgert hätte, sondern weil ich mich zu der Zeit intensiv mit dem Thema Mobbing auseinandersetzte“, sagt Jessen. Die Künstlerinnen waren weniger wütend auf die Kinder, sondern vielmehr fasziniert von der offenbar zugrunde liegenden Provokation. „Wir fragten uns, was Menschen so wütend macht, dass sie provozieren wollen und ob nicht in uns allen eine solche Wut steckt.“ Diese Überlegungen führten schließlich zur anonymen Mitmachaktion, bei der Passanten ihre eigenen Gefühle über einen Briefkasten mitteilen konnten. Hinzu kam die angespannte politische Lage nach der Bundestagswahl. Gemeinsam entwickelten die Künstlerinnen die Idee, draußen einen anonymen Briefkasten mit Zettel und Stift anzubringen, damit die Leute aufschreiben können, was sie wütend macht. „Wir hatten aber anfangs keine konkrete Vorstellung, was wir mit den eingeworfenen Zetteln machen wollten“, erinnert sich Maciol. Auch, ob das Angebot überhaupt angenommen würde, sei beiden zunächst unklar gewesen. Ungerechtigkeit, Fitnessstudio-Verträge und Männer Neun Wochen lang sei der anonyme Briefkasten zugänglich gewesen. Manchmal haben die beiden Künstlerinnen sogar sehen können, wer Zettel eingeworfen habe. Hierbei sei jedes Alter vertreten gewesen. Beim Durchsehen der Zettel kam ihnen schließlich die Idee, die handschriftlichen Antworten ans Schaufenster zu kleben – mit der Eingangsfrage darüber. „Die Antworten waren total vielfältig“, sagt Nora Maciol. Von Ungerechtigkeit, komplizierten Fitnessstudioverträgen oder Männern alles dabei. Der ungerechte Chef, schlechte Bezahlung, gemeine Klassenkameraden, das Testament, indem der Vater einen nicht erwähnt hat - das alles und mehr sei in den Briefkasten eingeworfen worden. Auch das Patriarchat. Ein Begriff, der mehrfach genannt, aber kein einziges Mal richtig geschrieben worden sei, wie viele andere Dinge auch, die im Briefkasten gelandet seien. Bei der Fensterinstallation sei es den beiden Künstlerinnen um ein urteilsfreies Nebeneinander unterschiedlichster Ursachen für Wut gegangen. Auch wenn das, wie sie sagen, manchmal schwer auszuhalten war. Aber sind denn wirklich alle Antworten ausgestellt worden? „Nein“, erklärt Vera Jessen, „Namen und persönliche Daten haben wir aussortiert. Und gegen Ende des Projekts kamen noch zwei Aussagen rein, die unserer Meinung nach re-traumatisierend sein könnten. Die haben es auch nicht ins Fenster geschafft.“ Inzwischen sind alle Zettel wieder abgehängt, werden aber im Atelier der Künstlerinnen aufbewahrt. Ein weiteres Projekt dieser Art, etwa mit der Frage „Was macht dich glücklich?“, sei vorerst nicht geplant. „Wichtig ist uns hier ja, die Wut, so schwer es auch ist, für sich allein stehen zu lassen“, erklärt Vera Jessen. Und obwohl das Thema etwas mit Wut zutun hatte, seien beide dankbar über die vielen Antworten. Insgesamt 179 Stück haben sie gezählt. Seit März betreiben Nora Maciol und Vera Jessen den Kunstraum „das delikat“ in der Schülerstraße 28 in Detmold. Es sei ein Ort, der für Kunst, Kultur und kulturelle Bildung genutzt werden soll, erklären beide. Maciol und Jessen kennen sich durch ein gemeinsames Studium und haben später auch beruflich zusammengearbeitet. Nach ihrem Umzug mit der Familie nach Detmold konnte Nora Maciol ihre Kollegin davon überzeugen, gemeinsam einen Kulturort zu gründen. Der Kunstraum „das delikat“ wird im Rahmen des Programms „In Zukunft Detmold“ unterstützt. Das Projekt „Tapetenwechsel“, in dessen Rahmen unter anderem auch die sogenannte „Wutwand“ entstanden ist, wird zusätzlich durch das Ministerium für Kultur und Wissenschaft des Landes Nordrhein-Westfalen sowie durch Soziokultur NRW gefördert.