Detmold. Das Musiktheater ist eine der Stärken und einer der Schwerpunkte des Landestheaters Detmold. Das Repertoire ist groß - und in den letzten 200 Jahren wurden zahllose Opern und Operetten aufgeführt. Jede Spielzeit ist fordernd. Darüber sprach die LZ mit Chordirektor Francesco Damiani und Generalmusikdirektor Per-Otto Johansson. Herr Johansson, Herr Damiani – das Landestheater Detmold hat einen vollen Spielplan und ein beeindruckendes Repertoire. Wie behalten Sie bei diesem Pensum eigentlich die Nerven? Per-Otto Johansson: (lacht) Kaffee hilft. Und gute Musik. Im Ernst: Natürlich ist der Spielplan fordernd, aber genau das macht ja den Reiz aus. Wir haben ein sehr engagiertes Team und vertrauen einander. Wenn die Prozesse in den Proben gut zusammenwachsen und das Publikum begeistert ist, hat sich jede Mühe gelohnt. Es ist immer eine große Freude. Francesco Damiani: Ich stimme zu. Für mich ist der Chor wie eine zweite Familie – wir ziehen alle an einem Strang. Theater ist Teamarbeit. Der Schlüssel zum Erfolg liegt in einer guten Planung, Leidenschaft und Kommunikation. Ich schaffe mir einen Überblick in der Jahresplanung, dann weiß ich, wie viele Proben zur Verfügung stehen. Und ja, ein bisschen Wahnsinn gehört dazu! Der Chor begleitet ja immer mehrere Produktionen gleichzeitig und ist immer parallel im Betrieb. Aber ein Adrenalin-Stoß vor der Premiere beflügelt jeden Künstler. Wie sieht ein typischer Tag bei Ihnen aus – falls es so etwas überhaupt gibt? Per-Otto Johansson: Wenn ich Zeit habe, laufe ich morgens vor den Orchesterproben, die immer von 10 Uhr bis 12.30 Uhr stattfinden. Typisch ist eigentlich nur, dass kein Tag dem anderen gleicht. Ein Tag kann mit einer Orchesterprobe beginnen, dann folgt eine Durchlaufprobe mit Solisten. Abends gibt es auch viele Proben, wenn nicht gerade ein Konzert oder eine Vorstellung anstehen. An manchen Tagen haben wir frei, wenn andere Leute arbeiten müssen. Das Familienleben sieht anders aus. Meine zwei erwachsenen Töchter und mein Sohn leben in Schweden. Ich bin seit 25 Jahren immer unterwegs und die Familie kennt das nicht anders. Francesco Damiani: Es ist sehr unterschiedlich. Ich stehe morgens mit meinen Kindern auf, die zur Schule gehen. Da ich noch Abteilungsleiter bin, erledige ich vor der ersten Chorprobe um 10 Uhr bereits Büroarbeiten. Manchmal haben wir noch bis 15 Uhr Sitzungen und Besprechungen. Dann bin ich wieder zuhause und kümmere mich um meine Kinder. Um 18 Uhr ist wieder eine Chorprobe bis in den Abend oder eine Vorstellung. Wenn wir Gastspiele haben, kann es recht spät werden. Am nächsten Tag geht es dann gleich weiter. Herr Johansson, Sie haben Ihre erste Spielzeit 2022/23 mit „Madama Butterfly“ eröffnet. Wie wichtig war dieser Auftakt für Sie? Per-Otto Johansson: Sehr wichtig. „Butterfly“ ist ein Stück, das sehr unter die Haut geht – musikalisch wie emotional. Es war mir ein Anliegen, gleich zu Beginn eine Verbindung zum Ensemble und zum Publikum aufzubauen. Ich glaube, das ist gelungen. Es war der erste Schritt, um meine musikalische Handschrift hier zu zeigen. Ich war sehr zufrieden, vor allem, weil wir hier so viele hervorragende Künstler im Haus haben. Herr Damiani, Sie leiten nicht nur den Chor, sondern konzipieren auch Formate wie „Vielklang“. Was reizt Sie an solchen Projekten? Francesco Damiani: Das ist ein Grund, warum ich gern in Detmold bin. Ich liebe es, Grenzen zu sprengen – auch musikalisch. Ich bin nicht nur Chordirektor, sondern auch Kapellmeister. Mit Formaten wie „Vielklang“ können wir neue Klangwelten von der Gregorianik bis hin zur Neuen Musik betreten und Genregrenzen überwinden sowie Menschen überraschen. Der Chor wächst dadurch, schärft seine Sinne und bleibt wach. Er kann mehr als Oper, und das zeigen wir gern. Musik darf berühren, unterhalten, provozieren – und manchmal auch alles auf einmal. Wie funktioniert eigentlich die Zusammenarbeit zwischen Orchester und Chor, Generalmusikdirektor und Chordirektor? Francesco Damiani: Wie eine gute Ehe. Theater ist immer Teamarbeit. Man muss zuhören, Kompromisse finden – aber auch wissen, wann man führt und wann man folgt. (lacht) Man muss auch bereit sein, sich auf neue Regieeinfälle einzulassen. Musiktheater entwickelt sich ständig weiter und ist nicht mehr so, wie vor 20 Jahren. Per-Otto Johansson: Ganz genau. Es ist ein Geben und Nehmen. Sturheit und darauf zu bestehen, das letzte Wort zu haben, wäre sehr dumm. Bei großen Opernproduktionen wie „La Traviata“ oder „Das Mädchen aus dem goldenen Westen“ ist die Koordination zwischen Orchester, Chor, Solisten und Regie entscheidend. Wir sprechen viel miteinander, stimmen uns ab – und am Ende wächst alles im gemeinsamen Prozess harmonisch zusammen. Apropos Produktionen – auf dem Spielplan stehen Werke wie „The Wreckers“, „Die Reise nach Reims“ oder auch „La Cage aux Folles“. Ein breites Spektrum. Wie wählen Sie die Stücke aus? Per-Otto Johansson: Wir wollen Vielfalt zeigen – musikalisch, stilistisch, inhaltlich. Es geht auch darum, das Publikum zu fordern, aber nicht zu überfordern. Ein Mix aus bekannten Klassikern und spannenden Neuentdeckungen ist uns wichtig. Ich kann der Intendanz Vorschläge machen, aber der Spielplan wird am Ende von der Intendanz gemeinsam mit der Musiktheaterdramaturgie gemacht. Wir schauen, was machbar und was gut für unsere Künstler ist. Das Landestheater Detmold ist die größte Reisebühne Europas, da es mit seinen Ensembles (Oper, Schauspiel, Ballett, Junges Theater, Konzerte) in über 60 Orten in Deutschland und im Ausland auftritt. Es ist das größte der vier Landestheater und das einzige mit einem eigenen Musiktheaterensemble in Nordrhein-Westfalen. Die Wünsche der Gastspiel-Orte spielen natürlich auch eine Rolle. Daher haben wir einen sehr langen Vorlauf. Francesco Damiani: Wir planen immer zwei Spielzeiten mit der Intendanz im Voraus. Die nächste Spielzeit steht schon fest und wird bereits für Gastspiele angeboten und verkauft. Die übernächste Spielzeit ist weitgehend geplant. Wie viele Mitglieder sind im Chor und Orchester? Per-Otto Johansson: Das Orchester hat 53 feste Stellen aus unterschiedlichen Nationen. Bei Bedarf wird aufgestockt. Die Kommunikation läuft auf Deutsch und ein bisschen Englisch. Ich habe Deutsch schon in der Schule in Schweden und in Greifswald am Theater Vorpommern erlernt. Francesco Damiani: Wir haben 20 feste Choristen aus verschiedenen Nationen. Die Mehrsprachigkeit am Theater ist eine Bereicherung. Die Kommunikation im Chor läuft aber immer auf Deutsch. Das ist absolut notwendig, denn wir müssen ja auch auf Deutsch singen. Als Italiener habe ich die deutsche Sprache im Studium in Mannheim gelernt. Gibt es ein Highlight, das Ihnen persönlich besonders am Herzen liegt? Per-Otto Johansson: Es gab so viele Highlights. „Lady Macbeth von Mzensk“ (Schostakowitsch) war musikalisch eine Entdeckung. So ein Werk auf die Bühne zu bringen, ist ein Geschenk. „Xerxes“ von Händel, meine erste Barockoper, war natürlich auch super. Francesco Damiani: Für mich war die Chor-Oper „Turandot“ von Puccini ein ganz großer Moment. Mit nur 20 festen Choristen kann man das nicht schaffen. Wir haben den Chor mit Studierenden der Hochschule und dem Extrachor auf 50 Choristen verstärkt. Das war ein Gänsehautmoment. Wenn Sie einen Wunsch frei hätten für die Zukunft des Landestheaters – welcher wäre das? Per-Otto Johansson: Mehr Geld für die Planungssicherheit. Ich wünsche mir weiterhin so ein neugieriges, offenes Publikum – und Raum für künstlerisches Risiko. Trotz Kürzungen der öffentlichen Hand müssen wir unsere Qualität halten und weiterentwickeln. Theater darf nie bequem werden. Francesco Damiani: Wir haben uns schon auf den Weg gemacht. Aber wir sollten noch vielfältiger werden, in die Stadt gehen und ein breiteres Publikum ansprechen. (Am 6. November hat beispielsweise ein Chorkonzert im Jugendzentrum „Alte Pauline“ stattgefunden - die Red.). Ich wünsche mir, dass wir weiterhin junge Menschen für Musik begeistern können – sei es im Publikum oder auf der Bühne. Denn ohne Nachwuchs gibt es keine Zukunft. Wie gefallen Ihnen das Theater und die Stadt? Per-Otto Johansson: Ich liebe das Theater. Natürlich ist Detmold etwas klein und manchmal fehlt der Flow der Großstadt. Das Theater ist jedoch ein „funkelnder Diamant“. Es gibt hier so viel Gutes. Letztes Wochenende habe ich in Stockholm dirigiert. Das ist dagegen eine Kulturfabrik mit Reizüberflutung. In Detmold hat das Theater einen viel intimeren Fokus, was mir besser gefällt. Mein Vertrag wurde gerade bis 2029 verlängert und ich werde hier weiter Wurzeln schlagen. Ich mache viel Sport und habe ein Rennrad, mit dem ich die wunderschöne Umgebung entdecke. Francesco Damiani: Ich lebe schon seit acht Jahren in Detmold und die Stadt ist nicht so klein, wie man denkt. Für das Familienleben finde ich die Stadt sehr gut. Eine kleine Gemeinschaft kann manchmal mehr entwickeln als eine große Fabrik, die nur in Abteilungen denkt. Man kann hier mit weniger Mitteln manchmal mehr bewegen. Persönlich Der schwedische Dirigent Per-Otto Johansson ist mit seinen begeisternden Interpretationen ein gefragter Gastdirigent bei führenden Orchestern und Opernhäusern in Skandinavien sowie im Benelux-Raum. Seit der Spielzeit 2022/23 ist er Generalmusikdirektor am Landestheater Detmold. Zunächst studierte Per-Otto Johansson an der Musikhochschule in Malmö. Nach ersten Erfolgenwar er von 2006 bis 2009 als 1. Kapellmeister am Theater Vorpommern engagiert. Regelmäßig ist Per-Otto Johansson an der Königlichen Oper in Stockholm und an der dänischen Nationaloper sowie an einer Vielzahl anderer Opern- und Konzertorchester in Skandinavien zu Gast. Francesco Damiani, geboren in Pescara, Italien, studierte zunächst Klavier bei Filomena Montopoli am Conservatorio „Luisa D’Annunzio“ in seiner Heimatstadt, später auch Komposition und Orchesterleitung. Er setzte seine Studien an der Musikhochschule Mannheim fort und dirigierte diverse Orchester. Von Oktober 2008 bis Januar 2011 war er musikalischer Assistent an der Opernschule Mannheim und für die Spielzeit 2013/14 als Solorepetitor mit Dirigierverpflichtung am Theater Bielefeld. Von 2014 bis 2017 kehrte er als Musikalischer Leiter der Jungen Oper sowie als Assistent des Chordirektors und Dirigent in der Oper zurück an das Nationaltheater Mannheim. Seit September 2017 ist er am Landestheater Detmold als Chordirektor und Kapellmeister engagiert.