Skeptische Neugier kann bei Digitalisierung 4.0 helfen

Marianne Schwarzer

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Kritischer Geist: Prof. Dr. Sascha Friesike ermuntert die Zuhörer im Hangar 21, zu hinterfragen, was an Glaubenssätzen durch die digitale Welt geistert. - © Vera Gerstendorf-Welle
Kritischer Geist: Prof. Dr. Sascha Friesike ermuntert die Zuhörer im Hangar 21, zu hinterfragen, was an Glaubenssätzen durch die digitale Welt geistert. (© Vera Gerstendorf-Welle)

Detmold. Am Ende des Abends schaut ein Fuchs von der Leinwand herunter: Für Prof. Dr. Sascha Friesike gestern im Hangar 21 das Symbol für seinen Appell: „Bewahren Sie sich eine skeptische Neugier." Denn genau das ist beim diesjährigen Auftakt der Veranstaltungsreihe Zukunftsperspektiven sein Thema: „Irrtümer der Digitalisierung."

Ein Mann, ein Mikro und ein paar an die Wand geworfene vermeintliche Wahrheiten – mehr braucht der junge Wissenschaftler, der an der Universität Amsterdam lehrt, nicht für seinen furiosen Ritt durch den Dschungel einer digitalen Welt.

„Wir hatten ja gehofft, die Digitalisierung geht an Lippe vorbei", hat LZ-Geschäftsführer Ralf Freitag zur Begrüßung der Gäste im Hangar 21 noch gescherzt. Dabei haben die Initiatoren ganz bewusst die dritte Auflage der Veranstaltungsreihe dem Thema Digitalisierung 4.0 gewidmet. Und der erste Gastredner räumt gleich mit einigen Sätzen auf, die sicher so schon in Chefetagen lippischer Firmen gefallen sind und auch schon mal in LZ-Artikeln gestanden haben.

„Digitalisierung verändert die Gesellschaft" ist so einer. Prof. Friesike will den so nicht stehen lassen: „Der Satz drückt Verantwortungslosigkeit aus, so als wenn die Digitalisierung einfach wirkt und wir dagegen machtlos seien." Doch so sei es nicht: „Das ist wie ein gewebter Teppich, es ist noch nicht ausgehandelt, wie sich die Digitalisierung auswirken wird."

Dazu liefert Prof. Friesike ein Beispiel aus dem richtigen Leben: Seit Taxifahrer im Iran im Internet über eine App von Fahrgästen bewertet werden können, hat es sich mit der Feilscherei und willkürlicher Preisverdoppelung während der Fahrt: Die Jungs sind höflich und tragen sogar den Koffer, weil sie scharf auf gute Bewertungen sind, um mehr Fahrgäste zu bekommen. Segen der Technik, der auch ein Fluch sein kann: In Malaysia führt eine Bewertungsapp dazu, dass sich Pensionsbesitzer von ihren Gästen erpressen lassen müssen, die mit schlechter Bewertung drohen. „Sie sehen: Die Folgen sind viel komplexer, als man landläufig denkt."

Und neue Technologie löse wahrlich nicht immer Probleme: In einem Unternehmen mit schlechtem Wissensmanagement soll ein firmeninternes Wiki alle Mitarbeiter auf denselben Stand bringen. Nach einem Jahr hat es nicht funktioniert: „Und die Lösung sollte ein neues Wiki sein." Anders ausgedrückt: „Wenn es beim Golfspiel nicht läuft, liegt es nicht immer am Schläger."

Höchst amüsant und eloquent deckt Prof. Dr. Friesike die Schwächen vermeintlich großer Würfe auf: Innovations Labs, in machen Firmen groß in Mode, bringen nicht mehr Kreativität, grenzen aber die Mitarbeiter jenseits der Labortüren aus und lähmen deren Innovationskraft.

Wenn ältere Herren in grauen Anzügen versuchen, von manchen Dilettanten in Start Ups zu lernen, bringt sie das nicht unbedingt weiter. Und wenn eine Ministerin von Flugtaxis spricht in einem Land, das nur eine 2,3-prozentige Glasfaserversorgung hat, dann stimmt da was nicht. Wie der Fuchs schon suggeriert: Skeptische Neugierde ist eine gute Idee.


Konservativ in die digitale Zukunft

Kommentar von Dirk Baldus

Treibt uns die Digitalisierung an? Oder treibt sie uns vor sich her? Die Geister, die die Technik rief, tanzen manchem Entscheider Nacht für Nacht über die Bettdecke.

Maß und Mitte – also gute konservative Werte – sind selbst in einer der entscheidenden Zukunftsfragen beste Wahl. Wer jedem binären Spuk nachrennt, verliert schnell die Puste.

In diesen aufgeregten Zeiten verdienen Worte wie die des jungen Forschers Sascha Friesike mehr Gewicht. Als 35-Jähriger ein Digital Native, also ein durch neue Medien geprägter Mensch, mahnt er zu mehr Gelassenheit, zu gesunder Skepsis. Der Querdenker entzaubert Großraumbüros, entlarvt firmeninterne Denkfabriken und hält als analoger Eulenspiegel den Start-up-Huldigern mit Augenzwinkern die bittere Wahrheit vor.

Wichtiger noch: Er erinnert an die wertvolle Erkenntnis, dass Technik Mittel zum Zweck bleiben wird. Keine künstliche Intelligenz wird jemals menschliche Empathie ersetzen, kein Programmierer auf Knopfdruck Kreativität erzeugen.

Ideen, die den Alltag der Menschen besser machen, entstehen dort, wo sich schlaue Köpfe aufeinander einlassen, sich zuhören und im Team an einer Lösung arbeiten. Dem entgegen steht die derzeitige Praxis an Schulen und Hochschulen, in der das Eintrichtern von Wissen wichtiger ist als die Förderung kreativer Prozesse. Wissen und Verstehen sind zwei Paar Schuhe.

Weitere Veranstaltungen der Reihe

Noch drei weitere Vorträge präsentieren die Lippische Landes-Zeitung und die Akademie Denkflügel gemeinsam mit der Kulturfabrik im Hangar 21, erstmals der Lippe Bildung eg , Beresa und Weidmüller, Vera Veggie und Liebharts Privatbrauerei. Am Dienstag, 20. November, wird Dr. Martin Emrich die Zuhörer in die Geheimnisse der Schwarmintelligenz einweihen. Unter anderem schaut der Rhetorik-Experte, welche Vernetzungsprinzipien von Tierschwärmen sich auf die Arbeitswelt 4.0 übertragen lassen. Im neuen Jahr, am 29. Januar 2019, spricht Stephanie Borgert über „Denkfehler 4.0. Warum die Digitalisierung Ihr kleinstes Problem ist." Den Abschluss der kleinen Reihe bestreitet Helmut Muthers am 26. Februar mit „Tablets statt Tabletten." Karten gibt’s in allen LZ-Geschäftsstellen.

Fotostrecke: Zukunftsperspektiven mit Prof. Dr. Sascha Friesike


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