So flog der Missbrauchsskandal in Lügde auf

Erol Kamisli und Martin Krause

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Ort des Geschehens: Blick auf den Campingplatz Eichwald in Elbrinxen, aufgenommen mit einer Drohne. Die Dorfgemeinschaft versucht, mit dem Unfassbaren klar zu kommen. Seelsorger und Schulen versuchen, dabei Hilfestellung zu geben. - © Guido Kirchner/dpa
Ort des Geschehens: Blick auf den Campingplatz Eichwald in Elbrinxen, aufgenommen mit einer Drohne. Die Dorfgemeinschaft versucht, mit dem Unfassbaren klar zu kommen. Seelsorger und Schulen versuchen, dabei Hilfestellung zu geben. (© Guido Kirchner/dpa)

Detmold. Es waren zwei der Opfer, die die Ermittler auf die Spur der mutmaßlichen Kinderschänder von Elbrinxen gebracht haben. Sie konnten sich an die Stimmen und vor allem die Namen der Männer erinnern, die im Live-Chat Anweisungen zum sexuellen Missbrauch gegeben haben sollen. Dank der Hinweise der heute 14 und 15 Jahre alten Mädchen wurde das Trio verhaftet. Auch eine Mutter soll Ende 2018 Anzeige erstattet haben. Die Tatverdächtigen sitzen inzwischen wegen schweren Kindesmissbrauchs in Untersuchungshaft. Weitere Mittäter sind nicht ausgeschlossen.

Das sagen die Verteidiger

Rechtsanwälte: Johannes Salmen aus Lage vertritt den 56-jährigen Hauptbeschuldigten: „Ich habe mit ihm kurz die Vorwürfe besprochen", sagt Salmen. Inzwischen sei sein Mandant aus der JVA Detmold in ein anderes Gefängnis verlegt worden. Zu den Vorwürfen will er laut Salmen erst einmal nichts sagen. Der Mandant muss sich derzeit wegen schweren sexuellen Missbrauchs an mindestens 29 Minderjährigen sowie Herstellung und Verbreitung von Kinderpornos verantworten.

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Jann Henrik Popkes aus Schlangen verteidigt einen 48-jährigen, ledigen Handwerker aus Stade, der via Internet im Herbst 2010 und Januar 2011 an zwei kostenlosen Sex-Livechats teilgenommen haben soll. „Mein Mandant hat den Hauptverdächtigen im Internet kennengelernt und ist auch zu einem Besuch nach Lippe eingeladen worden. Er lehnte ab", sagt Popkes. Die Polizei sei auf ihn gekommen, weil ein Mädchen, das damals vor laufender Kamera missbraucht worden sei, sich an den Namen des Handwerkers erinnern konnte. Der Vorwurf gegen den Mann lautet Anstiftung zu schwerem sexuellen Missbrauch an Minderjährigen in zwei Fällen.

Jürgen Bogner verteidigt einen 33-jährigen, ledigen Arbeitslosen aus Steinheim. Er muss sich wegen Beihilfe zu schwerem sexuellen Missbrauch in mindestens drei Fällen verantworten. Der Mann hatte ebenfalls einen Dauerstellplatz auf dem Campingplatz . Er kannte und unterstützte nach Darstellung der Staatsanwaltschaft den Hauptverdächtigen.

Das sagt die Staatsanwaltschaft

Zwei Oberstaatsanwälte und eine Staatsanwältin kümmern sich um die Missbrauchsfälle und auch um die Vorwürfe gegen Polizei und Jugendämter, denen Strafvereitelung im Amt vorgeworfen wird. Zur Kritik, dass die betroffenen Mitarbeiter von Jugendämtern und Polizei während der laufenden Ermittlungen nicht vom Dienst freigestellt werden, wollte sich Oberstaatsanwalt Ralf Vetter nicht äußern.

Vetter betonte, dass die 13.000 kinderpornografischen Dateien, die bei der Festnahme des Hauptbeschuldigten sichergestellt worden seien, nicht alle auf dem Campingplatz aufgenommen worden seien. Der Hauptverdächtige habe sich viele Dateien aus den Internet gezogen. Nur ein „kleiner Teil" der Bilder und Filme enthalte Aufnahmen aus dem Elbrinxer Fall. Vor allem die Übergriffe auf das heute achtjährige Pflegekind des Hauptbeschuldigten seien in Videos und Fotos festgehalten worden: „Wir haben keine Hinweise, dass er die Kinderpornos zum Verkauf anbot, um seine Hartz IV-Bezüge aufzubessern."

Das sagt die Polizei

Derweil ist die Ermittlungskommission im Bielefelder Polizeipräsidium auf 20 Ermittler erweitert worden, berichtet Polizei-Sprecherin Sonja Rehmert. Das Team unter Leitung von Kriminaldirektor Bernd Flake werde voraussichtlich noch um weitere Experten aufgestockt. Dabei sei es möglich, dass lippische Kollegen für eine gewisse Zeit nach Bielefeld kommen.

Landrat will Ermittlungen abwarten

„Es ist ein Behördenversagen an allen Ecken und Kanten", kritisierte NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU) die lippische Polizei. Die Beamten seien 2016 Hinweisen nicht nachgegangen. Deswegen sei auch gegen Polizisten Strafanzeige gestellt worden.

„Wir prüfen jetzt ganz genau, woran das gelegen hat, um daraus Konsequenzen zu ziehen", sagte Reul. Das kommentiert Landrat Dr. Axel Lehmann, Chef der Kreispolizeibehörde, so : „Die Bereitschaft, die Vorgänge selbstkritisch aufzuarbeiten und mit der Staatsanwaltschaft zu kooperieren, umfasse natürlich auch die Polizei Lippe." Die Beurteilung des Verhaltens einzelner Mitarbeiter in dieser Angelegenheit liege bei den Ermittlungsbehörden.

Die Frage, ob er die politische Verantwortung für das „Behördenversagen", wie Innenminister Reul es nannte, übernehmen werde, ließ Landrat Lehmann unbeantwortet.

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