Polizeigewerkschaft OWL: "Wir werden bundesweit als depperte Dorfsheriffs dargestellt"

Janet König und Erol Kamisli

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Die Kreispolizeibehörde in Detmold. - © Bernhard Preuß
Die Kreispolizeibehörde in Detmold. (© Bernhard Preuß)

Kreis Lippe. Laut Gewerkschaft der Polizei (GdP) arbeiten fast 370 Beamte bei der lippischen Polizei – seit dem Wochenende weiß die Öffentlichkeit, dass darunter mindestens drei Beamte sind, die vor einigen Jahren mit sexuell motivierten Taten aufgefallen und teils nach Lippe versetzt worden sind. Die GdP spricht von Vorverurteilungen und kritisiert auch die abwertenden Aussagen des Sonderermittlers.

Wie berichtet, war Ingo Wünsch, Beamter des Landeskriminalamtes, während der internen Sonderermittlungen auf die drei Fälle gestoßen. Er meldete diese am 27. Februar nach Düsseldorf. Einen Tag später setzte Innenminister Herbert Reul die Obleute im Innenausschuss in Kenntnis. Der Schritt in die Öffentlichkeit sei nicht geplant gewesen. „Es wurde bewusst nur im politischen Raum mitgeteilt", sagt Wolfgang Beus, Sprecher des Innenministeriums. Für die Beamten vor Ort erschwere das Bekanntwerden der internen Ermittlungsergebnisse die Situation, dies wisse das Ministerium.

Nach derzeitigem Kenntnisstand ist keiner der Beamten mit dem Fall Lügde betraut gewesen, auch 2016 nicht, als erste Anzeigen gegen den heute Hauptbeschuldigten Andreas V. eingingen. Michael Kling, stellvertretender Vorsitzender der GdP in Ostwestfalen-Lippe: „Dass die drei Fälle mit Lügde und dem Verschwinden der Asservate verknüpft werden, ist völlig unseriös. Die Beamten arbeiten nicht in Detmold. Inzwischen stehen alle lippischen Polizisten unter Generalverdacht." Wie alle Polizeibeamte, haben sie aber auch Zugang zur Asservatenkammer gehabt. „Die Stimmung ist absolut im Keller, daran ist auch die Informationspolitik des Ministeriums schuld", kritisiert Kling, der seit 24 Jahren Polizist ist.

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Ermittlungen


Gegen zwei Polizisten seien im Zusammenhang mit den Ermittlungen im Missbrauchsfall Lügde Disziplinar- sowie Strafverfahren eingeleitet worden, teilt die Detmolder die Kreispolizeibehörde mit. Den Beamten wird unter anderem grob fehlerhafte Sachbearbeitung vorgeworfen. Weitere Einzelheiten wollte die Behörde nicht nennen.

Äußerungen von Innenminister Reul und des Sonderermittlers über die Vorgänge in Lippe, in denen von „Polizeiversagen" gesprochen werde, seien eindeutige Vorverurteilungen ohne Rücksicht auf Verluste. „Wir werden bundesweit als depperte Dorfsheriffs dargestellt, die ihren Job nicht können", kritisiert Kling. Er würde sich wünschen, dass Reul sich öffentlich vor seine lippischen Beamten stelle oder einfach mal die Kreispolizeibehörde in Detmold besuche – von Düsseldorf nach Lippe sei es gar nicht so weit. „Er ist immer willkommen" , fügt Kling hinzu.

Unterdessen lassen die neuesten Entwicklungen den Hamelner Opferanwalt Roman von Alvensleben fassungslos zurück. „Es ist unbegreiflich, dass diese drei Beamten noch im Dienst der Polizei arbeiten", sagt er. Er vertritt ein zehnjähriges Mädchen, das von Andreas V. missbraucht worden sein soll. Dass ein Beamter, der wegen des Besitzes von 3000 Bildern mit kinderpornografischem Inhalt verurteilt wurde, weiter als Polizist in Lippe tätig ist, wolle er als Anwalt in seine Beweisführung mit aufnehmen – es unterstreiche die fahrlässige Arbeitsweise der Behörden.

Rechtsanwalt von Alvensleben erwägt, die Länder NRW und Niedersachsen auf Schadensersatz und Schmerzensgeld zu verklagen. Derzeit prüft der Hamelner, welche Summe infrage kommt. Dabei müsse berücksichtigt werden, dass Opfer sexuellen Missbrauchs ein Leben lang gezeichnet seien – er gehe von einer Summe im sechsstelligen Bereich aus.

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