Kreis Lippe. Diesen Mittwoch im Juni wird Barbara M. (Name geändert) so schnell nicht vergessen: Das Telefon klingelt, ihre Tochter meldet sich, weinend, schluchzend, sagt, es sei etwas Schreckliches passiert. Dann meldet sich ein - vermeintlicher - Polizist. Am Ende überweist Barbara M. fast 44.000 Euro, erst im letzten Moment schaltet sich ihr Verstand wieder ein, wie sie sagt. Beinahe wäre die Lipperin Telefon-Betrügern ins Netz gegangen. „Ich möchte einfach aufklären“, denn dass sie auf so einen Trick hereinfallen könnte, habe sie nicht für möglich gehalten. „Ich bin eigentlich überhaupt nicht leichtgläubig.“ Aber die Stimme ihrer Tochter sei so real gewesen, erzählt die Lipperin. „Ich dachte sofort, mit dem Baby ist irgendwas“, das Gedankenkarussell habe sich gedreht. „Ich war so aufgewühlt, die Stimme meiner Tochter war so echt.“ Dabei wusste die Tochter von nichts, „sie war fassungslos, dass ihre Stimme für so eine Masche missbraucht worden ist“. Die Masche ist keine unbekannte: Nachdem Barbara M. auf die Stimme der „Tochter“ angesprungen ist, berichtet der falsche Polizist von einer tödlich verletzten 42-jährigen Frau und einem achtjährigen Kind, das durch die Schuld der Tochter Hirnverletzungen erlitten habe und im Koma liege. „Er sagte, meine Tochter habe den Unfall verschuldet, weil sie bei Rot über die Ampel gefahren ist.“ Einen Klick von der Überweisung entfernt Mit einem Seitenblick habe sie sogar gesehen, dass der Anruf von einer anonymen Nummer gekommen sei, habe - „noch im Besitz meines Verstandes“ - gefragt, woher sie wissen könne, dass es kein Fake-Anruf sei. „Da wurde der angebliche Polizist aggressiv, meinte, wie ich es wagen könne, so eine Frage zu stellen, hier sei gerade ein Mensch gestorben.“ Der bloße Gedanke daran macht sie noch immer fassungslos. „Ich habe gefragt, was mit meiner Tochter ist, ob das Baby okay ist, wo mein Schwiegersohn ist. Alles Stichworte, die dieser Mann sofort in seine Geschichte eingearbeitet hat.“ Dann habe noch einmal die „Tochter“ ins Telefon gesprochen, mit der Bitte, ihr zu helfen, „es ist alles wahr“, habe sie gesagt. Die Tochter sollte in Gewahrsam genommen werden, über Nacht in Untersuchungshaft. „Ich dachte nur, das geht nicht, sie stillt doch noch.’ Der Mann am anderen Ende der Leitung meinte nur, dann müsse ich eine Bürgschaft übernehmen und 72.000 Euro zahlen.“ Und zwar beim Amtsgericht Coburg. Ein kurzer Lichtblick, liegt Coburg schließlich nicht in Lippe. „Das hiesige Gericht habe bereits geschlossen, das muss er schnell gegoogelt haben“, ist sie überzeugt. Aus Coburg wurde dann das Amtsgericht Hannover, der falsche Polizist verleitete die Lipperin, von einem anderen Telefon aus - in seinem Beisein - ihre Bank anzurufen. „Ich hatte gefragt, ob ich ihn zurückrufen könne, doch das sei nicht möglich, meinte er, er stehe schließlich am Unfallort.“ Nur einen einzigen Klick hätte es am Ende noch gebraucht, bis Barbara M. satte 44.000 Euro auf ein ausländisches Konto überwiesen hätte - mehr ging nicht, der Mann am Telefon war trotzdem zufrieden. Aber: „Die IBAN-Nummer hatte mich stutzig gemacht, die fing mit ,Sk’ an.“ Noch immer in Gedanken dabei Doch sie nimmt - den vermeintlichen Polizisten noch immer am Festnetz-Telefon - noch einmal ihr Handy, geht in einen Nebenraum und ruft ihren Schwiegersohn an. „Ich habe ihn gefragt, wo meine Tochter und das Baby sind, er meinte, sie seien zu Hause. Und da habe ich meine Tochter dann auch erreicht.“ Der Anrufer habe sich daraufhin einiges anhören müssen, bevor Barbara M. auflegte. Immer wieder habe es während dieses 30-minütigen Telefonats Momente gegeben, in denen sie hätte stutzig werden müssen, und doch sei ihr Verstand wie ausgeschaltet gewesen. „Zum Glück ist der immer mal wieder aufgeflackert.“ Insbesondere die Stimme der Tochter habe die Glaubwürdigkeit des Anrufs aber für sie erhöht. Auch jetzt noch beschäftige sie dieses Telefonat, die Frage, woher diese so echt klingende Stimme kam, wie sie und ihre Tochter, die rund 500 Kilometer von Lippe entfernt lebt, in Verbindung gebracht werden konnten. „Ich wache mit dem Gedanken an diesen Anruf auf und schlafe mit ihm ein. Frage mich, wie ich so dumm sein konnte, Polizisten würden doch nie Geld verlangen, und habe Aggressionen, was solche Leute anderen Menschen antun.“ Ihr Rat: Nicht auf anonyme Anrufe reagieren, ein innerfamiliäres Codewort ausmachen, zurückrufen statt dranzubleiben. Echte falsche Stimme Telefonbetrug mit gefälschten Stimmen, auch unter Zuhilfenahme Künstlicher Intelligenz (KI) sei technisch möglich, aber selten eindeutig nachweisbar, wie Polizeioberkommissar Yannick Thelaner, Sprecher der Kreispolizeibehörde, erklärt. Es genügten bereits wenige Sekunden Audiomaterial, um einen überzeugenden Stimmklon zu erzeugen. Täter nutzen bei Schockanrufen, auch ohne KI, oft frei verfügbare persönliche Daten, zum Beispiel aus Telefonbüchern, Todesanzeigen oder sozialen Medien, um gezielt Familienmitglieder mit Namen anzusprechen.“ Wichtig sei aber: Stimmen könnten auch ganz ohne den Einsatz von KI-Technologie verwechselt werden, insbesondere in emotional belastenden Stresssituationen - wie bei Barbara M. „Die psychische Ausnahmesituation, in die Opfer durch die Schockanrufe versetzt werden, kann die Wahrnehmung erheblich beeinträchtigen und zu Fehleinschätzungen führen.“ Sprich: Es könnte eine echte Frau gesprochen haben oder eben auch eine ähnlich klingende Stimme auf Band zum Einsatz gekommen sein. Kürzlich erst war ein Bad Salzufler mittels KI auf Betrüger hereingefallen: Ein falscher Elon Musk“ hatte sich bei dem 82-Jährigen per Videoanruf gemeldet, auf Englisch dessen Talent und gelobt und erklärt, er wolle ihn mit einem Tesla beschenken. Am Ende musste der Mann 2700 Euro zahlen, um seinen vermeintlich neuen Tesla beim Zoll auszulösen. Hierbei handelte es sich um ein sogenanntes „Deepfake“-Video (künstlich erstelltes Video). Thomas Konrad, Kriminalhauptkommissar bei der lippischen Kripo, sagte dazu, es sei unfassbar, was bereits jetzt technisch alles möglich sei. „Wir haben es hier mit absoluten Profis zu tun, die alle Register der Manipulation ziehen können.“ Lesen Sie auch: Falscher „Elon Musk“ meldet sich bei Bad Salzufler und verspricht einen Tesla als Geschenk Doch noch etwas beschäftigt Barbara M.: „Als ich bei der Polizei die Anzeige aufgeben wollte, wurde mir platt gesagt, das passiere öfter, auch deutschlandweit.“ Es sei mühsam gewesen, die Polizisten vor Ort empathielos, als ob sie die Anzeige nicht aufnehmen wollten. „Dabei habe ich doch sogar eine Kontonummer“, sagt sie verständnislos. „Wir sind im Umgang mit Opfern geschult“, betont Thelaner, bei Bedarf stehe das Kommissariat für Prävention und Opferschutz immer zur Verfügung. Jede Anzeige werde professionell aufgenommen. „Wer sich nicht ernst genommen fühlt, kann sich jederzeit an unsere Beschwerdestelle wenden.“ Die Polizei empfiehlt Sofortiges Beenden verdächtiger Gespräche: Anrufe, bei denen es um die Auszahlung von Geldbeträgen oder die Übergabe von Wertgegenständen geht, sollten unmittelbar beendet werden. Keine Preisgabe persönlicher Daten: Niemals persönlichen Daten am Telefon an Unbekannte weitergeben. Rückruf unter bekannter Nummer: Den angeblichen Gesprächspartner unter der bekannten Rufnummer zurückrufen, um sicherzugehen, dass es wirklich diese Person ist. Familiäre Aufklärung: Das Thema in der Familie besprechen und insbesondere ältere Angehörige für diesen Bereich der Kriminalität sensibilisieren. Anrufbeantworter als Schutz: Gerade bei älteren Menschen sollte vor jedem eingehenden Telefongespräch ein Anrufbeantworter eingeschaltet werden, damit in Ruhe entschieden werden kann, wer zurückgerufen wird. Weitere Informationen und Präventionshinweise sind auf der Internetseite der Polizei zu finden: https://lippe.polizei.nrw