Kreis Lippe. Gestiegene Energiekosten, Fachkräftemangel, überbordende Bürokratie: Die Unternehmen auch in Lippe haben seit geraumer Zeit mit einigen Hürden zu kämpfen. Doch was brauchen sie, was wünschen sie sich von der Politik und warum ist Lippe als Standort doch gar nicht so schlecht? Beim Empfang der lippischen Wirtschaft, zu dem die Industrie- und Handelskammer Lippe (IHK) geladen hatte, kamen diese und weitere Themen auf den Tisch. IHK-Präsident Volker Steinbach führte mit den Worten ein: „Wir leben in einer bewegten Gegenwart“, sprach damit Ukraine- und Nahostkrieg an, die nicht nur Leid und Elend für die Menschen vor Ort, sondern auch gestiegene Preise, Probleme bei Geschäftsbeziehungen und Unsicherheit bei uns brächten. Die Unternehmen bräuchten Planbarkeit und Verlässlichkeit, „wir haben die Zeichen der Zeit erkannt und werden die Veränderungen stemmen, da bin ich sicher“, betonte er zuversichtlich. Das gelinge aber nur mit einem funktionierenden Wirtschaftsstandort und einer guten Zusammenarbeit mit der Politik. IHK-Geschäftsführerin Svenja Jochens betonte, es brauche jetzt Mut zur Veränderung, „die Wirtschaft braucht sichtbare Schritte und einen aktiven Gestaltungsspielraum“, lautete ihr Appell an Politik und Verwaltung. „Die Unternehmen sind Partner bei der Lösung der drängenden Aufgaben.“ Vertrauen und pragmatische Ansätze Und so berichtete Ehrengast Peter Adrian, Präsident der Deutschen Industrie- und Handelskammer (DIHK) und Immobilienunternehmer, dann auch unter anderem von seinem Austausch mit der Bundespolitik. Auch wenn sein Platz am Tisch leer blieb: Probleme mit dem Triebwerk seines Flugzeugs hatten ihn gehindert, nach Detmold zu reisen. Doch dank der Technik wurde er per Video zugeschaltet. Es brauche Vertrauen und weniger Regularien, Unternehmen solle ein „kalkulierbares Risiko“ zugestanden werden, denn ohne dieses gebe es „keinen Raum für Entwicklung“. Denn gerade mit Blick auf Asien betonte Adrian: „Wir müssen innovativ werden“, und dazu brauche es die Unterstützung der Politik. Zudem verunsichere die Zolldebatte mit den USA Unternehmen auf beiden Seiten und gefährde Arbeitsplätze. Beim Thema Klimaschutz plädierte er dafür, nicht an unrealistischen Zielen festzuhalten, es brauche pragmatische Ansätze. Ob die Unternehmen wirklich politisches Gehör finden, werde sich zeigen. „Aber ich bin verhalten optimistisch.“ Doch was brauchen die Unternehmen vor Ort? Andreas Henkel, stellvertretender Hauptgeschäftsführer, diskutierte darüber mit Melanie Lehmann, Geschäftsführerin des Blomberger Kunststoff-Unternehmens Oskar Lehmann, und Oliver Voßhenrich, Geschäftsführer des Bad Salzufler Unternehmens für Warenpräsentation POS Tuning. „So schön wie die Toscana“ Bei einer Umfrage hätten 86,5 Prozent der Unternehmen in Lippe erklärt, sie seien mit dem Standort zufrieden, erklärte Henkel. Melanie Lehmann wusste Gründe dafür: Lippe sei „klein, aber fein“, hier sei alles etwas persönlicher, der Kontakt zu Stadt, Kreis, IHK und Arbeitgeberverband sei sehr gut, dazu lobte sie Lippes Bildungslandschaft und den attraktiven Lebensraum für die Menschen - und das sei für die Unternehmen wichtig, weil die Arbeitnehmer dann hier leben möchten. Für die Unternehmen spielten Energiekosten eine große Rolle, ebenso Bürokratie, aber auch die Gewerbesteuer und - „mein persönliches Thema“, wie Melanie Lehmann mit einem Lachen erklärte - ein stabiles Mobilfunknetz. Aber auch die medizinische Versorgung sei wichtig, insbesondere für die Mitarbeiter. „Lippe ist so schön wie die Toscana“, schwärmte dann auch Oliver Voßhenrich. „Wir müssen früh anfangen, Menschen für die Jobs hier zu begeistern“, sagte er, am besten bereits in Schule oder Kita, bei der Sportförderung, aber auch über die Ausschreibungen von Abschlussarbeiten an den Hochschulen. „Wir müssen uns breit aufstellen.“ Doch es fehlten nicht nur Fachkräfte, sondern Menschen, „gezielte Zuwanderung ist eine Riesenchance“. Aber es brauche pragmatische Ansätze, statt sie mit Sprachkursen zu quälen, die Sprache lerne man im praktischen Umgang sowieso. Politik und Wirtschaft Hand in Hand Ein schönes Beispiel, wie überbordende Bürokratie die Fachkräftegewinnung aus dem Ausland blockiert, hatte Peter Adrian aus seiner Praxis in petto. Ein Gastronom wollte einen Spezialitäten-Koch aus Thailand einstellen. Warum das nicht möglich sei, hatte die Deutsche Botschaft dem Unternehmer auf drei Seiten wortreich mitgeteilt, es widerspreche den Paragrafen 43 bis 89 sowieso und 12 bis 62 irgendwas und außerdem dürfe ein ausländischer Spezialitätenkoch nur eingestellt werden, wenn ... Adrian sparte sich den Rest des Schreibens, das für spöttisches Lachen und Kopfschütteln im Saal sorgte. Melanie Lehmann und Oliver Voßhenrich erklärten, was sich wohl viele Unternehmer wünschten: Neben der hier bereits guten Zusammenarbeit mit den Kommunen und dem Kreis, dass die Handelnden ihren Ermessensspielraum nutzten, um Vorgänge zu vereinfachen und zu beschleunigen. Politik und Wirtschaft sollten Hand in Hand gehen, sich austauschen, um sich gegenseitig besser zu verstehen - für die Zukunft der Region und des Wirtschaftsstandortes Lippe und Deutschland.