Kreis Lippe. 2009 wurde ein Jahr der Rückschau – und der Neuentdeckung. 2000 Jahre nach der berühmten Varusschlacht im Teutoburger Wald widmete sich eines der ambitioniertesten Ausstellungsprojekte Deutschlands der Begegnung von Römern und Germanen. „Imperium – Konflikt – Mythos“ lautete der Titel der dreiteiligen Großausstellung, die sich auf die Standorte Haltern am See, Kalkriese und Detmold verteilte. Gemeinsam erzählten sie nicht nur von einer historischen Niederlage, sondern auch von kulturellem Austausch, Identitätsfragen und der Macht von Mythen. Vor allem in Detmold – am Fuße des Hermannsdenkmals – wurde deutlich, wie stark die Figur des Arminius in der deutschen Geschichte aufgeladen wurde. Zwischen Nationalstolz und politischem Missbrauch, zwischen heldenhafter Erinnerung und historischer Dekonstruktion: Die Ausstellung traf einen Nerv. Und sie war mehr als nur ein Blick zurück. Heute, 16 Jahre später – zum 150. Geburtstag des Hermannsdenkmals – lohnt sich ein Rückblick auf das, was damals im Gesamtwert von 12 Millionen Euro entstand, was blieb und was sich verändert hat. Denn viele Inhalte leben bis heute weiter – in Museen, in Debatten und im kollektiven Gedächtnis. Imperium: Die römische Weltmacht unter der Lupe Im westfälischen Haltern am See, wo einst das Römerlager Aliso lag, präsentierte der Ausstellungsteil „Imperium“ im LWL-Römermuseum die politische, militärische und kulturelle Dimension des römischen Weltreichs zur Zeit des Kaisers Augustus. Die Schau machte deutlich, dass Rom um 9 n. Chr. nicht nur ein Imperium mit Legionen war, sondern eine faszinierende Hochkultur mit ausgeklügelter Infrastruktur, Verwaltung, Handwerkskunst und Kosmopolitismus. Ausgestellt wurden mehr als 300 Exponate – darunter originale Feldzeichen, prachtvolle Helme, Schmuckstücke, aber auch Alltagsgegenstände aus römischen Lagern. Herausragend war ein spektakulärer Fund: ein nahezu vollständiges Marschlager-Modell mit Tonmodellen, Keramikfragmenten und Funden aus dem ganzen Imperium. Ein besonderer Publikumsmagnet war die monumentale Playmobil-Inszenierung mit rund 15.000 Figuren: eine kindgerechte, aber dennoch detailreiche Darstellung römischen Lagerlebens und der Marschformationen. Ergänzt wurde die Schau durch audiovisuelle Medien: 3D-Rekonstruktionen, interaktive Tafeln und eine spektakuläre Computeranimation, die den Feldherrn Publius Quinctilius Varus in Lebensgröße lebendig werden ließ – basierend auf antiken Münzporträts und forensischer Rekonstruktion. Auch Augustus kam zu Wort: als Statue mit eingesprochener Stimme, die seine Politik erklärte. Noch heute ist das LWL-Römermuseum Haltern einer der bedeutendsten Orte für römische Militärgeschichte nördlich der Alpen. Teile der Ausstellung „Imperium“ wurden dort dauerhaft übernommen – das Playmobil-Lager wird regelmäßig gezeigt, ebenso wie Teile der archäologischen Funde, die das Imperium als geordnetes und mächtiges, aber keineswegs unbesiegbares Gebilde darstellen. Konflikt: Die blutige Begegnung zweier Welten Im niedersächsischen Kalkriese, dem wohl wahrscheinlichsten Ort der Varusschlacht, stand im Zentrum der Ausstellung „Konflikt“ das Aufeinandertreffen zweier ungleicher Mächte: die militärisch überlegenen Römer und die kämpferischen, zersplitterten Germanenstämme. Die Ausstellung präsentierte Funde, die den Konflikt nicht nur militärisch, sondern auch kulturell und wirtschaftlich erklärten. Herausragend waren über 700 Leihgaben aus der Grabstätte Illerup (Dänemark) – germanische Waffen und Ausrüstungsgegenstände, die einen Einblick in die Taktik und Ästhetik der germanischen Kämpfer gaben. Daneben standen berühmte römische Funde aus Kalkriese selbst: Masken, Kettenhemden, Schleuderbleie mit eingravierten Botschaften, Münzen mit dem Konterfei des Augustus. Ein dramatischer Höhepunkt war der „Neupotz-Schatz“, ein spektakulärer Fund aus dem Rhein mit beschlagnahmter Beute germanischer Plünderer – darunter Bronzestatuetten, Luxusgeschirr und ein Wagen. Diese Beutegüter erzählten vom Reichtum der Römer – und ihrer Anfälligkeit für Überfälle und Revolten. Das Ausstellungsgelände bot auch ein begehbares Geländeprofil mit archäologischen Installationen. Der rekonstruierte Erdwall, die Simulation des Schlachtfeldes und ein Audio-Walk mit dramatischer Vertonung sorgten für eindrückliche Erlebnisse – besonders für Schulklassen. Seit 2009 wurde in Kalkriese massiv investiert: Die Ausstellung wurde modernisiert, neue Funde wie der Schnurrbart-Helm und das Legionärskettenglied integriert. Der Museumskomplex gilt heute als einer der modernsten Archäologieparks Europas. Der Konflikt lebt hier weiter – in Form von Wissen, Dialog und Grabung. Mythos: Wie aus Arminius Hermann wurde In Detmold entfaltete sich im Lippischen Landesmuseum der dritte Ausstellungsteil: „Mythos“. Er widmete sich der Frage, wie aus der historischen Figur Arminius ein deutsches Nationalidol wurde – und warum das Hermannsdenkmal zur Projektionsfläche für Patriotismus, Widerstand und für problematische Ideologien wurde. Die Ausstellung verfolgte den Arminius-Mythos von Tacitus über die Humanisten, die Rezeption im 18. Jahrhundert bis hin zur nationalistischen Überhöhung im 19. Jahrhundert. Ein Fokus lag auf Ernst von Bandel, dem Schöpfer des Denkmals. Seine Tagebücher, Skizzen und Modelle zeigten den Denkmalbau als Lebenswerk und Spiegel der Zeit. Auch die Instrumentalisierung des Hermanns im Dritten Reich wurde thematisiert: uniformierte Aufmärsche, Reden unter dem Standbild, militaristische Propaganda. Die Ausstellung sparte nicht mit kritischem Blick: Hermann als Held und Waffe – ein deutscher Mythos mit Schattenseite. Besonderer Clou: eine Installation mit Hermann-Bildnissen aus allen Jahrzehnten – von der Briefmarke über das Bieretikett bis hin zur Instagram-Inszenierung. So wurde der Mythos entlarvt, aber auch verständlich gemacht. Der Detmolder Ausstellungsteil ist noch in weiten Teilen im „Mythos“-Raum zu sehen und wird laufend aktualisiert mit neuen Forschungserkenntnissen und wechselnden Medienbeiträgen. Im Jubiläumsjahr 2025 spielt er erneut eine wichtige Rolle: Führungen, Workshops und Sonderformate knüpfen direkt an die Impulse von 2009 an. Was bleibt vom Varusjahr? Das Varusjahr war ein Meilenstein der Geschichtsvermittlung. In Lippe war es auch ein Jahr der Begegnung: Hunderttausende Besucher strömten zum Denkmal. Die Waldbühne am Hermannsdenkmal wurde neu erschlossen, die Stadt ins-zenierte sich als historische Bühne. Auch 2025 werden viele Veranstaltungen an das Jahr 2009 erinnern: mit neuen Fragen, neuen Formaten, aber immer mit dem Wissen um die Tiefe der Geschichte. Hermann für die Ohren Lust auf mehr spannende Fakten rund ums Hermannsdenkmal? Im Podcast „Mythos Arminius“ erzählen wir die Geschichte von Arminius und dem Hermannsdenkmal. Alle Folgen gibt es jetzt auf LZ.de/podcast und überall dort, wo es Podcasts gibt.