Detmold. Ob überproportional viele Bestsellerromane oder Bachelorarbeiten im Lieblingscafé geschrieben werden, ist nicht überliefert. Fest steht dagegen: Im Café Halbstark in Detmold sind sowohl die Zeiten literarischer als auch arbeitstechnischer Ergüsse lange vorbei. Zumindest digital. Seit zwei Jahren herrscht hier - im Herbst und Winter - ein absolutes Laptopverbot. Die Betreiber hatten einfach genug. Dabei ist der Trend selbst kein Geheimtipp mehr. In deutschen und internationalen Großstädten sind die mit Piktogrammen verzierten Verbotsschilder auf Tischen oder überdimensionalen Schildern an der Tür längst ein vertrautes Bild - für den Kreis Lippe scheint das Experiment „no laptops" dagegen bisher einzigartig zu sein. Halbstark-Chef Christian Langemann hat die Entscheidung trotz anfänglichen Protestes nie bereut. „Es hat einfach Überhand genommen", sagt er. Teilweise hätten Gäste mit ihren Laptops über Stunden einen Tisch blockiert, der eigentlich für vier Personen vorgesehen sei - und sich dabei auch noch an nur einem Getränk festgehalten. Café auf wechselnde Tische angewiesen Für das kleine Café ist so ein Verzehrverhalten rein wirtschaftlich eine Katastrophe. Mit gerade einmal knapp 20 Sitzplätzen im Innenraum sei der Laden auf wechselnde Kundschaft angewiesen. „Hätten wir noch eine Etage mehr, würde es uns wahrscheinlich nicht stören. So geht es einfach nicht", sagt Langemann. Ein bisschen stört die ständige digitale Arbeit im Café aber auch die Atmosphäre. Wer beim Besuch nur auf sein Laptop fixiert sei, bekomme die eigentliche Philosophie des Ladens gar nicht mit. „Die Leute sollen hier miteinander eine gute Zeit haben", sagt der Café-Betreiber. Wer arbeiten wolle, könne auch einen der vielen Co-Working-Spaces nutzen. „Da hat Detmold inzwischen gut aufgerüstet." Die Einsicht dafür ist aber offenbar nicht immer da. Obwohl die entsprechenden Hinweisschilder samt englischem Erklärtext schon länger im Einsatz sind, ernten Christian Langemann und sein Team noch heute gelegentlich schockierte Blicke für das Verbot. „Es ist schon irre, wie manche Menschen sich davon persönlich angegriffen fühlen", sagt er. Einige ignorierten die Hinweise sogar absichtlich und echauffierten sich dann, wenn das Personal sie darauf anspreche. Saisonales Verbot spaltet Gemüter Auf den Schildern ist derweil klar formuliert, dass Laptops wegen der begrenzten Sitzplätze im Herbst und Winter nicht länger erlaubt sind. „Wir sind dankbar für dein Verständnis und freuen uns, dich auf einen guten Kaffee willkommen zu heißen", steht auf dem Schild. Den freundlichen Ton bekäme das Team von „digitalen Nomaden" nicht immer zurück. Die meisten Gäste - vor allem die Stammgäste - seien mit dem saisonalen Verbot aber fein. Dass das Halbstark sich als kleines Café für diesen Weg entschieden hat, kann Michael Knuth, Vizepräsident des hiesigen Hotel- und Gaststättenverbands (DEHOGA Lippe) nachvollziehen. „Jeder Gastronom muss seine Belegungsquote individuell ausrechnen", sagt er. „Gerade Geschäfte mit einer begrenzten Quadratmeterzahl müssen ihre Tische mehrfach besetzen, damit es sich wirtschaftlich lohnt." Dabei müssten immer der Personaleinsatz, der Wareneinkauf und die Preisgestaltung mitbedacht werden. Cafés in einer Größenordnung wie das Halbstark müssten sicher jeden Stuhl mindestens dreieinhalb mal an einem Arbeitstag besetzen, um die Kosten zu decken, schätzt der Gastronom. Michael Knuth, der auch Vorsitzender der DEHOGA Ortsgruppe Detmold ist, führt in der Residenzstadt neben dem Burgerrestaurant Café Outback selbst ein klassisches Café - das Verve Kaffe in der Innenstadt. Er kennt „das Problem" daher gut. In dem alten Fachwerkhaus gehören auf zwei Etagen Laptops an den Tischen zum gewohnten Anblick - von Schule über Studium bis hin zu Business scheinen alle Branchen vertreten. Digitale Arbeit beim Matcha Latte oder Cappuccino sei daher normal. „Das gehört für uns einfach mit dazu, wir haben nichts dagegen", sagt Knuth. Gastronomen agieren mit Vorsicht Das funktioniere aber eben nur, wenn die Belegungsquote passe und genug Platz gegeben sei. Dass das Halbstark mit seinem Laptopverbot in Lippe offenbar eine Vorreiterrolle einnimmt, liege wahrscheinlich mit an der Vorsicht mancher Kollegen. „Vielleicht haben einige Gastronomen auch Sorge davor, ihren Gästen damit vor den Kopf zu stoßen", schätzt Knuth. Aber wie sieht es bei den Kollegen aus? Das Café Mia in Lemgo, das platztechnisch ähnlich begrenzte Kapazitäten hat, hat ein Laptop-Verbot im eigenen Laden nie erwogen. „Wir kennen das zwar auch, dass sich Gäste den ganzen Tag an ein Getränk klammern, aber das hat nicht unbedingt etwas mit Laptops zu tun", sagt die Ex-Chefin Sarah-Janine Westerheide, die vor drei Monaten die Leitung abgegeben hat. Der kleine Laden in Lemgo hätte aber den Vorteil, sagt Westerheide, dass er durch die Theke und andere Ecken ein paar Einzelplätze innehabe, an denen Gäste mit Laptop nicht gleich mehrere Sitzplätze blockierten. Die Entscheidung der Kollegen in Detmold findet sie dennoch mutig. „Ich kann es mir vorstellen, dass es dafür auch Kritik gab", sagt die Café-Mitarbeiterin. „Aber man muss halt auch sehen, wo man bleibt." Das Halbstark selbst ist auch in diesem Winter vom Laptop-Verbot überzeugt. „Natürlich ecken wir mit diesen Dingen auch mal an, aber das stört uns nicht", sagt Christian Langemann. Und wenn das Frühjahr kommt, sieht die Platzsituation auf der Terrasse wieder entspannter aus.