Kreis Lippe. „Für Wohnungslose wird der Winter zum Überlebenskampf“ oder „Obdachlosen droht Kältetod“, so lauten in diesen Tagen immer wieder Schlagzeilen in den Nachrichten. Zivilcourage zeigen in diesem Zusammenhang auch verschiedene Hilfsorganisationen, die für betroffene Menschen im Einsatz sind. Beispielsweise die Malteser Lage/Lippe. Jeden Samstag gehen Ehrenamtliche mit dem Wärmebus auf Tour. Die LZ durfte mitfahren. Früher Nachmittag an der Malteser-Wache in Kachtenhausen. Die Brötchen sind bereits geschmiert, Kaffee und Tee gekocht, die Kisten mit Mützen, Handschuhen, Socken, Schlafsäcken sowie Hygiene-Sets im Bulli verstaut. „Alles bereit?“, fragt Karin Wolff in die Runde. Andrea Zörnig, Stephanie Wagner und Jörg Margraf nicken und steigen in den Wärmebus, hinter dessen Steuer Karin Wolff bereits Platz genommen hat. Die 68-Jährige gehört zu den Ehrenamtlichen der ersten Stunde bei diesem Projekt der Malteser, das vor drei Jahren von Nils Brandes ins Leben gerufen worden ist. Als Koordinatorin sorgt sie jede Woche dafür, dass ein Team von drei bis vier Leuten zur Verfügung steht. Wolffs Handy klingelt. Stephanie Mock vom Nahkauf in Heidenoldendorf ist dran. Ob es auch klappe, dass die Tüten mit weihnachtlicher Überschussware, die sie mit ihrer Familie als Marktbetreiber spenden möchte, abgeholt werden. „Wir sind schon auf dem Weg“, antwortet Karin Wolff und drückt aufs Gas. „Das wissen wir sehr zu schätzen“ Lebkuchen, Kekse, Schokolade: Die Ausbeute ist mehr als reichlich. Jörg Margraf wirft einen Blick auf das Haltbarkeitsdatum. „Kein Problem, das können wir auch die nächsten Wochen noch verteilen“, urteilt der Schornsteinfegermeister, der genau wie die heutige Crew um Andrea Zörnig und Stephanie Wagner noch relativ neu im Wärmebus-Team ist. Man sei gespannt, wie viele Menschen man auf der heutigen Runde antreffe. Zuerst steuert Karin Wolff den vorwiegend als Treffpunkt der Trinker-Szene bekannten Hasselter Platz in Detmold an. Hier herrscht reger Trubel. 20 Männer und Frauen haben sich versammelt. Ein Mann kommt direkt angelaufen und begrüßt Wolff herzlich, nimmt sie sogar kurz in den Arm und stellt sich anschließend der Reporterin als Jakob vor. „Diese Leute kommen jede Woche vorbei, um uns zu helfen. Dass sie dafür ihre freie Zeit opfern, obwohl zu Hause die Familie wartet, wissen wir sehr zu schätzen“, gibt der 51-Jährige mit Blick auf die Ehrenamtlichen zu Protokoll, während ihm ein paar Tränen der Freude in die Augen schießen. Es ist ehrliche Dankbarkeit, die den Maltesern entgegengebracht wird. Jakob scheint die warme Tasse Kaffee ebenso zu genießen wie die Aufmerksamkeit. Im Gespräch erzählt er offen, dass er nach dem Tod seiner Frau vor vier Jahren hier gelandet sei. Früher sei er Vermessungstechniker gewesen, habe für Hilfsorganisationen wie die Malteser gespendet und sogar in Köln als Ehrenamtler bei der Tafel geholfen. Jakob schimpft auf die Regierung und die Gesellschaft, die seiner Meinung nach so kalt geworden seien. „Wir am Rand, wir gehören auch dazu“, betont er und klopft einem jungen Mann freundschaftlich auf die Schulter. Dieser verrät schüchtern, heute noch nichts gegessen zu haben. Das Bürgergeld habe nicht gereicht. „Mord auf Raten“ Während Andrea und Stephanie am Klapptisch hinter dem Bulli die belegten Brötchen und Heißgetränke ausgegeben, gehen Karin Wolff und Jörg Margraf aktiv auf die Leute zu, bieten die gespendeten Süßigkeiten an und fragen nach, wo Bedarf besteht. Eine ältere Frau fragt bescheiden nach dicken Handschuhen. Sie fahre täglich Fahrrad und es sei eine sibirische Kältefront gemeldet, da seien warme Hände Gold wert, erzählt sie, während sie sich eine Brötchenhälfte mit Käse schmecken lässt. Als Rentnerin könne sie sich solch einen Luxus aus einer Bäckerei nicht leisten, betont die 70-Jährige und spricht von wachsender Altersarmut, die einem Mord auf Raten gleichkomme. 50 Jahre habe sie gearbeitet, um nun am Existenzminimum zu kratzen. Die Seniorin ist an diesem Nachmittag nicht die Einzige, die dieses Leid klagt. Es herrscht fast eine Stunde lang reges Treiben um den Wärmebus. Karin Wolff muss sogar im benachbarten Supermarkt Nachschub an Aufschnitt und Brötchen holen. Auch die Kaffeekannen sind am Ende leer, für die nächste Station bleibt nur noch Tee. „Das hatten wir ja noch nie“, zeigt sich die Organisatorin überrascht angesichts des steigenden Bedarfs. Es geht weiter zum Gorki-Park am Parkhaus „Lustgarten“. Hier trifft sich eher die Szene, die nicht Alkohol, sondern härtere Drogen konsumiert. Zehn Leute teilen sich Tisch und Bänke, es wirkt wie ein Picknick. Während im Gros eher Zurückhaltung herrscht, löst sich ein gut gekleideter Mann aus der Gruppe und kommt strahlend zum Wärmebus. Mit Namen und Handschlag stellt er sich höflich vor, bittet jedoch direkt darum, dass keine Fotos gemacht werden. „Schlechte Erfahrungen“, nennt er als Grund. Ab Februar sei er obdachlos, falls nicht noch ein Wunder geschehe, erzählt der zweifache Vater auf Nachfrage resigniert. Nach einem schweren Arbeitsunfall, der ihn fast das Leben gekostet habe, sei es für ihn sozial steil bergab gegangen. Mit Demut auf den Heimweg Auch die anderen im Park kommen nun auf Einladung von Karin Wolff und Jörg Margraf dazu. Früchtetee und Schwarztee finden dankbare Abnehmer, auch Mützen, Hygiene-Artikel und die Süßigkeiten werden hier verteilt. Am Ende sind alle Warmhaltekannen leer, die letzten Brötchen verspeist und alle Beteiligten zufrieden. „Es ist ein gutes Gefühl, wenigstens ein klein wenig helfen zu können“, sind sich die Malteser einig. Für alle sei es eine Herzensangelegenheit geworden, man kehre sowohl mit vielen Geschichten und Eindrücken als auch mit einer großen Portion Demut heim. „Danach weiß man wieder zu schätzen, wie gut es einem geht und wie wertvoll es ist, ein Dach über dem Kopf zu haben“, beschreibt Andrea Zörnig ihre Motivation. Auf dem Rückweg tauschen sich alle über das heute Erlebte aus. Karin Wolff fährt noch kurz eine Schleife, am Gemeindehaus der Kirchengemeinde an der Schillerstraße in Lage vorbei, wo sich ab und an ein Obdachloser aufhält. Heute ist er nicht vor Ort. Die Wärmebus-Fahrt endet wieder an der Wache, mit routinierten Griffen sind alle Kisten ausgeladen. „Für nächste Woche muss ich Nachschub an Handschuhen und Mützen besorgen, um unsere Vorräte wieder aufzufüllen. Wir sind ja förmlich abgebrannt“, verkündet Karin Wolff gut gelaunt und man merkt ihr an, dass dieses Projekt für die Bankkauffrau im Ruhestand keine Last, sondern ein Herzensprojekt ist. Unterstützung gesucht Der Wärmebus der Malteser fährt immer samstags von Oktober bis März und wird durch Spenden finanziert. Auch Sachspenden wie Schlafsäcke, warme Kleidung oder Lebensmittel sind willkommen und können jeden Samstag zwischen 14 und 14.30 Uhr oder nach telefonischer Vereinbarung an der Malteser-Wache in Kachtenhausen, Am Wurstekrug 4, abgegeben werden. Außerdem sucht das Team weitere ehrenamtliche Mitstreiter. Wer Interesse hat, kann sich unter der Telefonnummer 0151-27281354 oder per E-Mail an waermebus.lippe@malteser.org melden.