Lage. Es ist eines der bekanntesten Gebäude der Zuckerstadt: das Technikum an der Langen Straße. Und es hat eine sehr bewegte Geschichte, die vor einem Jahrhundert begann und vor drei Jahrzehnten eine lang gezogene Kurve nahm: Die ehemalige Ingenieurschule mit der prägenden, neoklassizistischen Fassade wandelte sich Mitte der 1990er Jahre von einem reinen Lernort in einen multifunktionalen „Tempel“ für Musik, Kunst, Kultur und eben auch Bildung. So aufgestellt, ist das Technikum aus Lage nicht mehr wegzudenken. Man müsste es erfinden, wenn es das Haus nicht gäbe. Doch der Reihe nach. Erbaut wurde das Technikum im Zeitraum von 1924 bis 1926 - also in den „Goldenen 20er Jahren“, die alles andere als glänzend enden sollte. Die Weltwirtschaftskrise Ende des Jahrzehnts ging auch an der Zieglerstadt nicht spurlos vorbei, und die Arbeitslosenzahl wuchs im Gleichschritt mit der galoppierenden Inflation sprunghaft. Das war auch deshalb für die Technikerschule eine erste schwere Zeit, weil sie damals nicht von der öffentlichen Hand, sondern privat geführt wurde. Ziegler absolvieren ihren Meister Das sollte sich erst 1971 ändern, als die Einrichtung der damals neu gegründeten „Fachhochschule Lippe“ zugeschlagen wurde, aber zehn Jahre später ihren Status verlor, weil die Hochschultätigkeit auf den Standort Lüttfeld in Lemgo konzentriert wurde. Doch zurück zu dem Beginn: Im Technikum besuchten in den Anfangsjahren unter anderem Ziegler Meisterkurse. Und das vor allem im Winter, wenn ihre „Saison“ ruhte, wie der Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) als Betreiber des Ziegeleimuseums in Lage auf seiner Homepage mitteilt. Gleichzeitig habe die Schule Brenner- und Sprengkurse sowie Kesselwärterlehrgänge angeboten. Daneben bildete sie laut dem LWL Ingenieure in den Bereichen Elektrotechnik, Maschinenbau, Bauingenieurwesen, Tonindustrie und Architektur aus. Seine wirtschaftlich stärkste Zeit hatte das Technikum demnach in den 1930er Jahren. Die damals 700 bis 800 Schüler und Studenten kamen nicht nur aus Lippe, sondern zum Beispiel auch aus den Niederlanden nach Lage. In der Nazi-Zeit baute das „Nationalsozialistische Flieger-Korps“ (NSFK) am Technikum Flugzeugmodelle für die Luftwaffe unter Oberbefehlshaber Hermann Göring. Erst Bomber, dann Jagdflugzeuge Das sollte im Zweiten Weltkrieg „ernste“ Folgen haben. Die Flugzeugwerke Focke-Wulf richteten im Herbst 1943 im Technikum eine Abteilung ein, in der französische Spezialisten unter deutscher Anleitung Jagdflugzeuge und Kampfbomber entwickeln sollten. Der Grund: Der Hauptsitz von Focke-Wulf in Bremen wurde immer öfter von alliierten Fliegern bombardiert. Der ehemalige Kreisarchivar Dr. Hansjörg Riechert hatte über den Umzug der Flugzeugwerke in einem Beitrag im „Historischen Jahrbuch Lage 2011“ veröffentlicht. Demnach arbeiteten im Technikum Spezialisten unter Leitung des Chefkonstrukteurs Kurt Tank am „Ta 400“, einem Langstreckenbomber, der als Schulterdecker mit bis zu sechs Motoren ausgerüstet werden sollte. Mit der Einrichtung des sogenannten „Jägerstabes“ fanden die Arbeiten an dem Großflugzeug 1944 ihr Ende. An seine Stelle rückte die Konstruktion von Jagdflugzeugen, mit der Hitler verzweifelt eine Wende des Kriegsgeschehens einläuten wollte, als die deutschen Soldaten bereits auf nahezu allen Fronten auf dem Rückzug waren. Es sollte ein verzweifelter Versuch bleiben: Auch die Flugzeuge, die in Lage konstruiert wurden, wurden - wenn überhaupt - nur noch in kleiner Stückzahl produziert. Und Anfang Mai 1945 rückten amerikanische Truppen in Lippe ein, und der Krieg war auch für die Lagenser beendet. Eine Lagenser Institution In der Wirtschaftswunderzeit blühte die technische Ausbildung an der Langen Straße wieder auf. 1988, sieben Jahre nach Schließung des zwischenzeitlichen Hochschulstandorts, wurde das Gebäude in die Denkmalliste der Stadt Lage eingetragen und fünf Jahre später von der Stadt erworben. Die Gesamtkosten für den Umbau des Gebäudes beliefen sich laut Angaben des Teutoburger Wald Tourismus auf umgerechnet rund 4,2 Millionen Euro, wobei 70 Prozent der Kosten durch NRW-Städtebauförderungsmittel abgedeckt wurden. Nach Umbau und Restaurierung wurde das heutige Kulturzentrum im Technikum im Herbst 1995 eröffnet. Nutzer sind heute die Musikschule Lage, die Volkshochschule Lippe-West, die Kunststiftung Sibylle Dotti und die Kluckhuhn-Stiftung. Zahlreiche Veranstaltungen unterschiedlichster Art bieten die Volkshochschule Lippe-West, die Musikschule Lage und die Dotti-Stiftung in der Langen Straße an. Fazit: 100 Jahre nach der Entstehung ist das Technikum mehr denn je eine Lagenser Institution.