Lage-Heiden. Der Wunsch, ein Buch zu schreiben, begleitet Brigitte Fenner seit vielen Jahren. Lange habe sie darauf gewartet, dass ihr „ein passendes Thema vor die Füße fällt“, verrät die Pfarrerin aus Heiden rückblickend. Es sollten dann die Schicksale zweier längst verstorbener Frauen sein, die intensiv berührten und zu dem jüngst erschienenen Roman „Versuchen, irgendwie ein Mensch zu sein“ inspirierten. Auf dem Esszimmertisch von Brigitte Fenner stapelt sich die Literatur. Von Biografien über Fachbücher hat die 61-Jährige alles verschlungen, was von oder über Ruth Charlotte Cohn und Hannah Arendt veröffentlicht worden ist. Ruth Charlotte Cohn (1912-2010) war eine deutsche Psychoanalytikerin und gehörte zu den einflussreichsten Vertretern der humanistischen und der psychodynamischen Psychologie. „Sie war die Begründerin der Themenzentrierten Interaktion, einem pädagogisch therapeutischen Konzept, welches für die Gemeindearbeit anwendbar ist“, erzählt Brigitte Fenner, die sich selbst entsprechend weitergebildet hat. „Wir sind nicht allmächtig, wir sind nicht ohnmächtig, wir sind partiell mächtig“, sind Aussagen von Ruth Cohn, die die Pfarrerin aus Heiden ins Grübeln gebracht haben. Unglaubliche Parallelen Ein Film über die jüdische deutsch-US-amerikanische politische Theoretikerin und Publizistin Hannah Arendt (1906-1975), die als meistzitierte Philosophin der Gegenwart gilt, brachte Brigitte Fenner dann auf die Idee, die Schicksale der beiden Frauen zueinander in Beziehung zu bringen. „Als ich mir die Werdegänge der beiden nebeneinandergelegt habe, sind mir unglaubliche Parallelen aufgefallen“, berichtet Fenner, dass sich die beiden auf ihren Wegen so leicht hätten begegnen können: In den Gassen Heidelbergs, in den Straßen Berlins, in den Cafés von Lissabon, wo sie als Emigrantinnen 1914 verzweifelt auf ihre Visa warteten. Oder dann in New York, wo die beiden Frauen nur wenige Straßen voneinander entfernt wohnten und arbeiteten. Im Roman schafft die Autorin eine fiktive Begegnung und kreiert mit der angehenden Pfarrerin Friederike eine Figur, die das geistige Erbe der Damen in die Gegenwart holt. „Ich war sehr ehrlich mit mir selbst“ „Friederike hätte ich auch Brigitte nennen können“, outet sie lachend ihr Alter Ego. Der andere Name habe ihr jedoch die Freiheit gelassen, einige Zeitpunkte abzuwandeln und ihre Familie außen vor zu lassen. Brigitte Fenner studierte Evangelische Theologie in Wuppertal, Hamburg, Heidelberg und Berlin, was die Ortskenntnisse erklärt und „ihre“ Gemeinde wird auch sofort „ihre“ Dorfkirche, wo sie seit mehr als 25 Jahren tätig ist, wiedererkennen, obwohl Heiden als Ort des Geschehens im Buch namentlich nicht auftaucht. Das Buch habe dazu beigetragen, sich intensiv mit dem eigenen Lebensweg auseinanderzusetzen. „Ich war sehr ehrlich mit mir selbst“, so die stellvertretende Superintendentin, die offen von einer Zeit schreibt, in der sie an Gott gezweifelt habe und warum sie später trotzdem überzeugte Pastorin sein konnte. Mit ihrem Roman möchte Brigitte Fenner auch Menschen abholen, die nichts mit Theologie zu tun haben. Die Leser lernen drei beeindruckende Frauen kennen, deren Themen wie Freiheit, Gleichheit, Demokratie und Verantwortung wichtiger denn je sind. Das „Versuchen, irgendwie ein Mensch zu sein – Hannah Arendt und Ruth Cohn – eine Begegnung“ ist im Patmos Verlag erschienen und überall erhältlich, wo es Bücher gibt. ISBN 978-3-8436-1569-3.