Café Vielfalt löst mit Anti-AfD-Post bei Facebook Debatte aus

Seda Hagemann und Freya Köhring

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Das Café Vielfalt in der Lemgoer Mittelstraße. - © Marlen Grote
Das Café Vielfalt in der Lemgoer Mittelstraße. (© Marlen Grote)

Lemgo. Darf ein Café, in dem Menschen mit und ohne Behinderung arbeiten, das für eine Vielfalt der Gesellschaft steht, öffentlich bei Facebook schreiben, dass AfD-Wähler im Café nicht erwünscht sind? Die Leitung des Café Vielfalt in Lemgo veröffentlichte am Tag nach der Bundestagswahl einen solchen Beitrag auf der Facebookseite des Cafés, der seitdem heiß diskutiert wird. Zudem gab es auch einen Aushang an der Tür. Am Mittwochnachmittag wurde der Beitrag von der Facebookseite des Cafés wieder gelöscht. Auch der Aushang wurde abgenommen

Was hatte das Café Vielfalt überhaupt veröffentlicht? Auf der Facebook-Seite des Cafés, das zur Lemgoer Stiftung Eben-Ezer gehört, stand:

"Liebe Gäste, in unserem Team arbeiten Menschen mit und ohne Behinderungen, Deutsche und Ausländer. Und das ist gut so. Zum Schutz unseres Teams sind AfD-Wähler bei uns nicht erwünscht."

Dieser Facebook-Post wird derzeit heftig diskutiert. - © Screenshot Facebook
Dieser Facebook-Post wird derzeit heftig diskutiert. (© Screenshot Facebook)

Die Meinungen unter dem Beitrag gingen erwartungsgemäß weit auseinander. Während einige die Aufregung nicht verstehen konnten und die Aussage als "astreines Demokratieverständnis" sahen und die Aktion des Cafés gut finden, sahen andere Kommentatoren in dem Posting eine Hetze gegen die AfD. Vereinzelt gab es auch Vergleiche zur Nazi-Vergangenheit.

Die LZ bat die Stiftung Eben-Ezer um eine Stellungnahme zu der Veröffentlichung:

"Es handelte sich um eine spontane Reaktion der Geschäftsführung", sagt Christine Förster, Pressesprecherin der Stiftung Eben-Ezer. Das Café Vielfalt habe den Facebookeintrag inzwischen gelöscht. Das Team um Geschäftsführerin Ina Meise-Laukamp lege als inklusiv geführtes Haus großen Wert auf Respekt, Toleranz und Vielfalt, heißt es in der Stellungnahme.

Die Stiftung Eben-Ezer sei als diakonisch-kirchliche Einrichtung der politischen Neutralität verpflichtet, bekenne sich zu den demokratischen Grundwerten und lade alle Menschen ein, die diese Werte zu teilen.

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Kommentar: Ekelhafte Eskalation

Von Till Brand

Das Lemgoer Café Vielfalt hat politisch Stellung bezogen: Wähler der AfD sind unerwünscht. Es dauerte nicht lange, bis der Mob im Internet tobte: Demokratiefeinde! Doppelmoral! Wie im Dritten Reich! Mit einer überzogenen, über das Internet organisierten und sprachlich entgleisten Kampagne haben die Gegner ihr Ziel erreicht: Die Stiftung Eben-Ezer, Träger des Cafés, löscht den Facebook-Eintrag, entschuldigt sich, rudert zurück: Man sei zu politischer Neutralität verpflichtet.

Dabei hat ein Gastronom hier nur sein Hausrecht ausgeübt: Jeder Gastwirt darf Besucher rauswerfen, wenn sie andere Gäste verprellen oder Unfrieden stiften. Und im Falle des Café Vielfalt lassen sich durchaus Gründe finden, dass AfD-Sympathisanten hier nicht richtig aufgehoben sind. Ist es doch die Gründungsidee des Cafés, Menschen mit Behinderung eine Perspektive zu bieten, indem sie Seite an Seite mit Nicht-Behinderten arbeiten.

So ist das Café Vielfalt eben kein normales Kaffeehaus, sondern eine politische Aussage an sich. Bekenntnis zur Integration. Der Integration Behinderter, die die AfD im Falle von Schulen polemisch ablehnt. Wer das tut, kann nicht allen ernstes im Café Vielfalt seinen Espresso trinken wollen...

Auf diese Diskrepanz wies der, zugegeben plakative, Beitrag hin.
Im Internet wird das Café mit der Dritte-Reich-Parole "Juden werden hier nicht bedient" in Verbindung gebracht – eine Eskalation, die nur eines ist: ekelhaft! Zur Erinnerung: Als das Rauchverbot verschärft wurde, haben Kneipen auch Politik gemacht und plakatiert: "Lokalverbot für Grüne". Der Aufschrei? Blieb aus. Damals wurde noch sachlich diskutiert, heute eskaliert die Debatte. Kein Wunder, wenn die Spitze solchen Ton vorgibt: "Wir werden sie jagen."

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