Lemgo. Schon sein Vater August Schnitger, der 1927 das „Fahrradschloss mit Speichenriegel“ erfand, war ein kreativer Kopf. Kein Wunder also, dass es im Keller des elterlichen Hauses in der Lemgoer Petristraße häufiger brodelte und knallte. Denn auch sein Sohn Heinrich Schnitger entpuppte sich früh als Tüftler. Mit der ersten Kolbenhubpipette revolutionierte er 1957 die Labortechnik weltweit. Exakt an seinem 100. Geburtstag hat die Alte Hansestadt Lemgo den bereits 1964 im Alter von nur 39 Jahren auf tragische Weise verstorbenen Mediziner und Wissenschaftler mit einer Feierstunde im Engelbert-Kämpfer-Gymnasium (EKG) gewürdigt, welches Heinrich Schnitger acht Jahre lang bis 1943 besuchte. Bereits im Abschlusszeugnis, das Schulleiterin Bärbel Fischer und Stellvertreter Thorsten Lüngen ausstellten, war sein starker Hang zu den naturwissenschaftlichen Fächern nicht zu übersehen. Ins Bewusstsein der Lipper fand die bahnbrechende Erfindung von Dr. Heinrich Schnitger durch eine LZ-Berichterstattung im Sommer 2020. Bis dahin lief der als eigenbrötlerisch geltende Genius in seiner Geburtsstadt „unter dem Radar“. „Auch wir wussten es nicht“, sagte Thorsten Lüngen und erläuterte, wie mühselig das Pipettieren vor der Erfindung der Kolbenhubpipette war. Krieg und Tuberkulose bremsen ihn aus Durch die Wirren des Krieges verloren sich schnell die Spuren von Heinrich Schnitger. Unmittelbar nach der Reifeprüfung wurde der gesamte Oberstufenjahrgang eingezogen und an die Ostfront geschickt. 1945 kehrte Schnitger schwer kriegsbeschädigt aus Russland zurück. Eine Tuberkulose fesselte ihn mehrere Jahre ans Bett. Erst 1949 war er in der Lage, sein Medizinstudium an der Universität Marburg aufzunehmen. Er schloss es mit Auszeichnung ab. 1955 promovierte Schnitger und fand in Prof. Dr. Theodor Bücher einen Mentor, der seinen Wissens- und Forschungsdrang richtig einsetzte, lenkte und zu höchster Entfaltung brachte. Bücher war es auch, der den Kontakt zur Netheler und Hinz GmbH in Hamburg herstellte, dem Vorläufer der heutigen Eppendorf Gruppe. „Er berichtete von einer mechanischen Pipette, in der sich Flüssigkeit präzise dosieren ließe und für die Schnitger ein Patent angemeldet habe. Doch an einer Vermarktung sei der Erfinder nicht sonderlich interessiert“, berichtete Dr. Axel Jahns aus der Geschäftsführung der Eppendorf Gruppe, die 1958 einen Exklusivvertrag über die revolutionierende Erfindung abschloss und auch dank der „Marburg-Pipette“ heute weltweit 4500 Mitarbeiter beschäftigt. „Dr. Heinrich Schnitger hat einen sehr prominenten Platz in unserer inzwischen 80-jährigen Unternehmensgeschichte“, sagte Dr. Jahns, der die Pipette als „Ikone der modernen Lebenswissenschaften“ bezeichnete. „Eine biomedizinische Forschung ohne Pipette ist undenkbar.“ „Ich lerne sehen“ Für Prof. Dr. Jürgen Krahl, Präsident der Technischen Hochschule OWL, war Heinrich Schnitger „ein Wissenschaftler mit ganzer Seele“. Als elementaren Satz zitierte er „Ich lerne sehen“ aus „Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge“. Prof. Dr. Krahl: „Wissenschaft ist mehr das Erkennen als das Wissen. Wissen liefert zur Not auch das Handy.“ Wissenschaft sei ermüdend, erfinderisch und strebe nach Anwendung. Schnitger habe nach Präzision und nach Reproduzierbarkeit gesucht. Er sei eine große Persönlichkeit und ein großes Vorbild für die Schüler, weshalb er sich freuen würde, wenn einmal eine Straße in Lemgo nach Dr. Heinrich Schnitger benannt werde: „Es sollte nur keine Sackgasse sein.“ Bürgermeister Markus Baier, der Dr. Schnitger in einem Satz mit Engelbert Kämpfer nannte, hatte im Vorfeld bereits eine Gedenktafel am Marstall des EKG anbringen lassen. Auch auf dem Campus soll an einer digitalen Stele an Schnitger erinnert werden. Auch Koagulometer stammt von Dr. Schnitger In einer von Julia Plötzgen, der neuen Leiterin des Stadtarchivs, moderierten Fragerunde, entlockten Schülerinnen und Schüler des EKG dem Neffen des Wissenschaftlers, Jürgen Höthker, einige weitere Besonderheiten. Bereits als Doktorand entwarf sein Onkel ein Koagulometer zum Messen von Blutgerinnungszeiten, das von der Lemgoer Firma Amelung umgesetzt wurde. Zudem habe Heinrich Schnitger die Musik geliebt und galt in der Familie als hervorragender Geigenspieler. Die von Hannah Bulwien (Klarinette) und Madleen Diefenbach (Klavier) in der Feierstunde vorgetragenen musikalischen Stücke (einstudiert von Sabrina Garlik und Csaba Fülöp) hätten Heinrich Schnitger „sicher sehr gefallen“, mutmaßte der als Diplom-Journalist und Tennis-Experte (Eurosport) bekannte Höthker, dem eine eigene Erinnerung an seinen Onkel bis heute unvergessen ist. Höthker: „Ich war damals drei Jahre alt. In solch einem Alter behält man normalerweise keine Erinnerungen. Aber ich weiß noch genau, wie ich unter dem Küchentisch saß und an den Schuhbändern meines Onkels rumfummelte.“ Es war die letzte persönliche Begegnung. Wenige Tage später kam Dr. Heinrich Schnitger auf tragische Weise beim Baden im Eibsee ums Leben. Er wurde am 3. September 1964 auf dem Friedhof an der Rintelner Straße begraben.