Lemgo. Wer Andreas Miehle kennenlernt, würde bei dem auf den ersten Blick eher introvertiert wirkenden Mann im kleinkarierten Hemd nicht sofort an einen Kreativen denken, der die Bühne sucht. Sein eigentlicher Brotjob, die IT bei einem großen Unternehmen in Blomberg, erscheint da naheliegender. Und doch folgt Miehle seit drei Jahren einer Berufung, die ihm sehr viel bedeutet: Er hat sich dem Puppentheater verschrieben. „Es ist meine Leidenschaft für das Geschichtenerzählen, die sich jetzt Bahn bricht“, sagt er. Am Samstag, 20. September, feiert das von ihm adaptierte Stück „Die kleine Hexe“ nach dem Kinderbuchklassiker von Otfried Preußler im Hexenbürgermeisterhaus Premiere. Miehle gibt zu: „Ich bin dementsprechend aufgeregt.“ Der gebürtige Münchner mit dem feinen, punktgenau zündenden Humor hat nicht nur die Geschichte für das Puppentheater umgeschrieben. Er macht alles selbst: die Figuren, deren Kostüme, das Bühnenbild, die Beleuchtung. Ob er dabei Hilfe hatte? Er lacht kurz auf. „Kaffee.“ Daneben habe ihm auch der kürzlich in Rente gegangene Herbert Mische von der in Lippe legendären „Lila Bühne“ viele gute Tipps gegeben. In dessen Nachfolge sieht Miehle sich allerdings nicht: „Dafür bin ich noch lang nicht professionell genug.“ Ausbildung in Bochum Doch Miehle hat durchaus Ambitionen. Und die gehen über schlichtes Kasperletheater weit hinaus. Viele Stunden investiert er neben seinem 40-Stunden-Job in sein „sich massiv auswachsendes“ Hobby, das Puppentheater Schabernack. In Kursen am Figurentheater-Kolleg Bochum lernt er die Grundlagen dieser Kunstform, macht dort „häppchenweise“, wie er sagt, seine Ausbildung im Handpuppenspiel. Zu der Inszenierung der „Kleinen Hexe“ sei er „wie die Jungfrau zum Kinde“ gekommen. Museumsleiter Fabian Schröder hatte die Idee, das Stück im Rahmen der sehr erfolgreichen Sonderausstellung für Kinder zu zeigen. Miehle war ihm von dessen Auftritten bei seinem „Premiumkunden“, wie er die Stadtbücherei augenzwinkernd nennt, bereits ein Begriff. Sofort sei die Fantasie mit ihm durchgegangen, berichtet Miehle. Er schrieb die Geschichte komplett um, gesellte zahlreiche Figuren aus dem Preußler-Kosmos wie den kleinen Wassermann und das kleine Gespenst zur kleinen Hexe – entgeisterte damit jedoch den Verlag. Dieser wollte, dass Miehles Puppentheater-Adaption sich dicht am Original bewegen sollte. Also Kommando zurück. Dennoch musste der Lemgoer eigene Akzente setzen. Die berühmte Schützenfestszene mit ihren vielen Akteuren lasse sich zum Beispiel nicht auf die kleine Bühne bringen. „Ich habe ja nur zwei Hände!“ „Es steht und fällt mit der Story“ Puppentheater könne sehr komplex sein, erklärt Miehle, und mit moderner Technik und KI-Unterstützung ließen sich theoretisch die wildesten Dinge umsetzen. Allein: Nötig sei das alles nicht. Ein Wohnzimmer lasse sich allein über Stehlampe und Sessel stilisieren. „Vielleicht sogar nur mit Lampe.“ Er setzt lieber auf die Stimme und das Schauspiel – und eine gute Story. Mit der stehe und falle alles, weiß der Vater einer Tochter (21) und eines Sohnes (14). Und hier liege auch sein Talent. „Ich möchte, dass meine Energie rüberkommt. Dass die Zuschauer, Kinder wie Eltern, teilnehmen, partizipieren, mitgehen.“ Seine bisherigen Erfahrungen machen ihm Mut. „Bei einer Aufführung im Altenheim haben am Ende alle geschunkelt und ,Es gibt kein Bier auf Hawaii’ gesungen“, was wohlgemerkt zum Inhalt seines selbst geschriebenen Stückes „Krambambuli“ passte. Gut gegen Böse – doch was bedeutet das? Damit auch die kleine Hexe derart zündet, hat er sich überlegt, wie die Figuren ticken, was sie ausmacht und antreibt, etwa den Bösewicht der Geschichte, der Revierförster. Vordergründig sei der Preußler-Stoff eine Abenteuergeschichte. Doch es gehe auch um Groß gegen Klein, um Gut gegen Böse – „und was das eigentlich heißt“ –, und darum, dass ein Mädchen sich etwas traut. „Dass die kleine Hexe sich nicht einschüchtern lässt und eine Idee davon hat, wie sie sich selber helfen kann“, fasst Miehle zusammen. Er hofft, dass er diesen Kern in seinem gut 45-minütigen Stück packend erzählt bekommt. Ja, die Sehgewohnheiten selbst der Kindergartenkinder hätten sich durch die neuen Medien verändert. Die schnellen Reize eines Youtube-Videos könne er nicht liefern, „ich bin ja kein Stuntman“, und solcherart “Krawall“ sei auch gar nicht das Ziel. Die Faszination, eine Geschichte unmittelbar und live zu erleben, sei gerade für Kinder im Vorschulalter ungebrochen. Daraus, wie gespannt er auf die Reaktion der rund 45 Kinder auf sein neuestes Werk ist, macht Miehle keinen Hehl. Er sagt: „Ich lebe dafür.“ Info und Karten Vorstellungen des Puppentheaterstücks „Die kleine Hexe“ am 20. September, 25. Oktober und 22. November 2025, jeweils um 15 Uhr im Hexenbürgermeisterhaus für Kinder ab etwa fünf Jahren kostenfrei, Anmeldung unter Tel. (05261) 213-276 oder per E-Mail an museen@lemgo.de