Lemgo. Sein Gesicht flimmert regelmäßig in Millionen Haushalte: Kabarettist Christian Ehring ist bekannt als Moderator der öffentlich-rechtlichen Satiresendung „Extra 3“ und als Mitwirkender der „Heute-Show“. Im Moment tourt er mit seinem Soloprogramm „Versöhnung“ durch die Hallen. Am Samstag, 11. Oktober, ist Ehring, der im Januar mit dem Deutschen Kabarettpreis ausgezeichnet wird, ab 20 Uhr in der Phoenix-Contact-Arena in Lemgo zu Gast. LZ-Redakteur Jens Rademacher hat mit Ehring E-Mails hin- und hergeschrieben. Daraus ist dieses Gespräch entstanden, in dem Ehring sich an seine Moderation des LZ-Festakts vor acht Jahren erinnert, erklärt, wie Versöhnen und Satire zusammenpassen, und Einblicke in sein Temperament gibt. Herr Ehring, mein Kollege sagt, ich soll Sie fragen, ob Sie sich noch an Ihren Auftritt beim Festakt zum 250-jährigen Bestehen der Lippischen Landes-Zeitung 2017 im Landestheater Detmold erinnern. Tun Sie? Christian Ehring: Ich kann mich noch gut erinnern. Kay-Sölve Richter hat moderiert, und es ging an dem Abend viel um Fake News und die Verantwortung der seriösen Medien, zu sortieren zwischen Fakten und alternativen Fakten. Dieser Begriff „Alternative Facts“ war gerade erst erfunden worden. Trump war zum ersten Mal gewählt, und man dachte, schlimmer kann es nicht kommen. In der Tat. Wie ich in unserem Bericht von 2017 lese, haben Sie damals gesagt, dass man Donald Trump loben müsse, dann komme man an ihn ran. Mir scheint, das war visionär – und viele Staatenlenker dieser Welt haben Ihren Tipp übernommen. Christian Ehring: Ha, das war mir nicht mehr bewusst. Stimmt, mit gnadenlosem Geschleime kann man bei Trump nicht verlieren. Außer die eigene Würde. Allerdings ist der Einfluss auf ihn immer nur von kurzer Dauer. Er behält ja nur das Letzte, was ihm jemand sagt. Wenn eine neue Meinung reinkommt in sein Gehirn, fällt eine andere raus. Also versuchen ja alle, vor wichtigen Entscheidungen die Letzten zu sein, die mit ihm reden. Auf dem Niveau findet inzwischen internationale Diplomatie statt! Wenn man Pech hat, sieht er nach dem Gespräch noch fern und plappert dann nach, was ihm Fox News souffliert. Oder er fordert, das Gefängnis von Alcatraz wieder aufzumachen, weil im Fernsehen „Flucht von Alcatraz“ mit Clint Eastwood läuft. Sind es also im Moment gute Zeiten für Satiriker – oder wird Ihnen mitunter angst und bange? Immerhin kann man in Amerika seinen Job im Fernsehen zumindest zeitweise verlieren, wenn man die falschen Sachen über den Präsidenten sagt. Christian Ehring: Mir wird angst und bange, aber nicht so sehr, weil ich befürchte, dass hier die AfD den Sender bald dichtmacht. Sondern weil die Zeiten einfach beängstigend sind. Mein Eindruck ist, dass Satiresendungen unter diesen Voraussetzungen als tröstend empfunden werden. Man lacht über Dinge, die nicht zum Lachen sind. US-amerikanische Late Night Shows sind für mich zumindest gerade ein wesentlicher Grund, dass ich den Glauben an dieses Land nicht verliere. Es tut gut zu sehen, dass es dort noch einige gibt, die ihre Kastanien beieinander haben und sagen, was zu sagen ist. Solange man sie lässt. Wenn Satire tröstet, ist das etwas Ungewohntes für mich. Auch wenn Trost gut tut. Kündigen Sie deshalb für Ihr Programm, das Sie in Lemgo auf die Bühne bringen, an, versöhnen statt spalten zu wollen? Das meinen Sie als Satiriker doch anders ... Christian Ehring: Keine Sorge, ich werde nicht zum Fernsehpfarrer. Und Satire muss ja gar nicht weniger scharf sein, um tröstend zu wirken. Es geht ja letztlich nur um die Erfahrung, dass sich da jemand ähnliche Gedanken macht wie man selbst. Mir ist auch sehr bewusst, dass Versöhnen bislang nicht zu meinen Kernkompetenzen zählte. Aber ich versuche in meinem neuen Programm, tatsächlich etwas mehr zuzuhören, auch Themen einzubeziehen, die das Publikum mitbringt. Und sogar in Erwägung zu ziehen, dass ich eventuell nicht immer in allem Recht habe. So unwahrscheinlich und absurd das auch klingen mag. Ich habe vor nicht allzu langer Zeit eine Extra-3-Sendung mit Ihnen gesehen, in der Sie Ihre Gags während der Corona-Zeit kritisch unter die Lupe genommen und bei manchem gesagt haben: Da sind wir übers Ziel hinausgeschossen, das war nicht richtig. Respekt. Christian Ehring: Danke. Aber das wirkt wahrscheinlich nur deshalb ungewöhnlich, weil unser Berufsstand so eine schlaubischlumpfige Besserwisser-Attitüde kultiviert. Rechthaben gehört ja quasi zur Jobbeschreibung. Dabei ist es eigentlich das Normalste von der Welt, seine Meinung zu revidieren oder zu erkennen, dass man Fehler gemacht hat. Auf jeden Fall. Haben Sie trotzdem manchmal Angst, Gags zu machen, die Sie in fünf Jahren bereuen? Christian Ehring: Das geht manchmal sogar schneller. Mir fällt in dem Zusammenhang eine Geschichte aus diesem Sommer ein. Es gab eine Kleine Anfrage der AfD im Bundestag, welche Vornamen bei Bürgergeld-Empfänger die häufigsten wären. Das rassistische Narrativ hinter dieser Anfrage war eindeutig. Die Antwort des Arbeitsministeriums: Michael, Andreas, Thomas, Daniel. Darüber habe ich mich mit bester Laune auf der Bühne ausgelassen. Klare Niederlage für die AfD. Kurz darauf musste die Liste noch einmal überarbeitet werden, weil Namen mit unterschiedlichen Schreibweisen einzeln aufgeführt worden waren, das hatte das Ergebnis verzerrt. Um diesen Fehler bereinigt, lag nun Mohammed auf Platz 1. Tja. Ich habe die Passage in meinem Programm wieder gestrichen. Fand ich interessant, weil es mir noch einmal gezeigt hat, wie sehr man sich doch manchmal wünscht, dass Fakten zum eigenen Welt- und Menschenbild passen. Ich glaube, es ist für viele eine Herausforderung, nicht nur das wahrzunehmen, was ihnen in den Kram passt – Stichwort: Algorithmen von Facebook & Co. Apropos: Ziehen Sie jetzt noch mal durch die Hallen von Bünde bis Emsdetten, weil Ihr Beruf und meiner und die meisten anderen bald sowieso durch die KI ersetzt werden? Christian Ehring: Ja, es ist das letzte Aufbäumen. Mein Programm ist komplett ohne Zuhilfenahme von KI entstanden. Noch sind die Sprachmodelle humortechnisch zum Glück sehr unterbelichtet. Aber ich mache mir keine Illusionen, das wird sich bald ändern. Ich habe für diesen Fall keinen Plan B. Ich hatte ja bislang nicht mal nen Plan A. Funktioniert das Schreiben der Texte für die Bühne genauso wie beim Fernsehen? Können Sie auf Tour die gleichen Gags machen wie bei Extra 3? Christian Ehring: Grundsätzlich ja, bei den Gags gibt es keine Unterschiede. Der Unterschied ist, dass ich auf der Bühne zwei Stunden lang alleine bin. Ohne Einspieler, ohne Studiogäste, ohne Grafiken, ohne den ganzen Budenzauber des Fernsehens. Dafür bin ich etwas persönlicher, vielleicht auch etwas zweifelnder, kann es auch mal riskieren, dass die Stimmung kurz abraucht, um sie dann wieder hochzuziehen. Es ist ein anderer Rhythmus, der vielleicht etwas mehr Tiefe erlaubt. Dann zum Schluss unsere übliche Frage an Kabarettisten aus dem Rheinland: Wie viel mehr Energie müssen Sie bei Auftritten in Ostwestfalen-Lippe aufbringen, bis einer mal das Gesicht verzieht? Christian Ehring: Es dauert mitunter etwas länger. Aber das ist gar nicht schlimm. Im Gegenteil. Es muss nicht immer schenkelklopfend durchgewiehert werden. Den Kontrast zum Rheinland erlebe ich zum Beispiel bisweilen durchaus als wohltuend. Ich bin ja vom Temperament her nun auch kein Brasilianer. Die Erfahrung hat gezeigt: Wir kommen da schon ganz gut zusammen, die Ostwestfalen, die Lipper und ich. Karten für Ehrings Gastspiel in Lemgo sind ab 26 Euro zu haben. Es gibt sie unter anderem im Internet auf www.adticket.de und über die LZ-Tickethotline, Tel. (05231) 911-113. Persönlich Christian Ehring (53) wuchs in Krefeld auf und wohnt heute in Düsseldorf. Er ist verheiratet und hat drei Kinder. Seit 2009 gehört er zum Ensemble der Heute-Show im ZDF, seit 2011 moderiert er das NDR-Satiremagazin Extra 3, das seit 2014 auch in der ARD zu sehen ist. Er studierte erst Jura und dann Germanistik in Köln, machte aber wegen seines Engagements als Kabarettist keinen Abschluss. Ehring arbeitete am und mit dem Düsseldorfer Kom(m)ödchen und zog als Extra-3-Moderator 2016 den Zorn des türkischen Präsidenten Erdogan auf sich. Er hat zahlreiche Kleinkunstpreise erhalten. Im Januar wird er mit dem Deutschen Kabarettpreis ausgezeichnet. Ehring hat drei Kinder und wohnt in Düsseldorf. (rad)