Lemgo. Während Wilfried und Christine Seidel, die vom Amtsgericht Lemgo dazu verurteilt wurden, den mutmaßlichen Mietbetrügern wieder Zutritt zu ihrer Ferienwohnung zu verschaffen, die Berufung am Landgericht vorbereiten, geht der Fall in der Hansestadt Lemgo munter weiter. Nachdem das Ehepaar P. bei seinem letzten Vermieter am Entruper Weg ausgezogen war - wiederum ohne zu bezahlen -, kontaktierte es zuletzt am vergangenen Freitag Friedrich-Wilhelm Falke in Brake. Der wusste anfangs nichts von den Mietnomaden - und fiel auf die beiden herein. Mitleiderregende Geschichte „Ich vermiete in meinem eigenen Haus Zimmer an Monteure oder auch Berufsschüler“, erzählt Falke der LZ. Er ist sehr aufgebracht, wurde ihm von Herrn P. doch eine mitleiderregende Geschichte aufgetischt, so der 65-Jährige. „Sie hätten die Zusage für eine Mietwohnung gehabt, was sich kurzfristig zerschlagen hätte.“ Normalerweise vermiete er gar nicht für zwei oder drei Nächte, doch die beiden hätten ihm leid getan. „Ich Blödmann habe sie sogar noch zum Supermarkt gefahren und dort eine Stunde später wieder abgeholt, damit sie sich etwas zu essen kaufen konnten“, berichtet Falke entrüstet. Lesen Sie auch: Interview mit dem Lemgoer Haus & Grund-Vorsitzenden zu dem Fall Da er ab Freitag (28.11.2025) neue Gäste erwartet habe, hätte er die beiden zum Auszug spätestens am Donnerstag um 9.15 Uhr aufgefordert. Inzwischen hatte er von einem Bekannten erfahren, dass er offenbar das nächste Opfer der mutmaßlichen Betrüger sein könnte. Das Ehepaar P., das ihn zuvor gefragt hatte, ob es einige Kisten bei ihm unterstellen könne, sei ihm dann bereits auf der Treppe entgegen gekommen. „Und als ich gesagt habe, dass ich jetzt gerne noch abrechnen würde, wurde Herr P. patzig.“ Anwalt aus Hannover Er habe darauf bestanden, Falke habe ihm zugesichert, die Rechnung an seine GmbH zu schicken. Das sei jedoch überhaupt nicht Thema gewesen, und Falke lehnte ab. Sodann habe Herr P. ihm eine Visitenkarte mit der Adresse einer Anwaltskanzlei in Hannover überreicht; dorthin solle er die Rechnung schicken. Der dortige Anwalt, Max Marc Malpricht, taucht immer wieder im Umfeld des Ehepaars P. auf. Doch als Falke M. anrief, hieß es wohl seitens der Kanzlei, er könne die Rechnung ruhig schicken, bezahlt würde sie ganz sicher nicht. Falke fuhr zur Polizei, um Anzeige zu erstatten. Die Beamtin dort habe ihm jedoch gesagt, er müsse in jedem Fall die Rechnung mit Zahlungsziel schicken und könne erst dann tätig werden, wenn sie tatsächlich nicht bezahlt würde. Für Falke unverständlich, da doch längst zahlreiche Fälle dieser Art vorlägen. „Ich habe diesen beiden älteren Leuten einen Gefallen getan, und dann das“, sagt er. Opfer aus Garbsen Aufgrund der Berichterstattung zu dem Fall meldete sich eine Frau bei der LZ, in deren Reihenhaus das Ehepaar P. insgesamt fünf Jahre wohnte, bis sie endlich mit einer Räumungsklage Erfolg hatte. Jahrelang habe sie keinen Cent Miete gesehen, berichtet Tatjana Beer. Anfangs habe sie der Frau, die sie im Wartezimmer ihres Arztes in Garbsen kennenlernte, helfen wollen. Sie habe von der kriminellen Vergangenheit des Ehepaares gewusst: Beide seien laut Beer vom Landgericht Hildesheim wegen Betruges und Steuerhinterziehung zu Gefängnisstrafen verurteilt worden. Mittels gefälschter Bilanzen und Steuerbescheide hatte das Ehepaar offenbar Hunderttausende Euro von unterschiedlichen Geldinstituten erschwindelt. Da die Frau eher aus der Haft entlassen wurde als ihr Mann, habe sie dringend eine Bleibe gesucht. Beer stellte Frau P. daraufhin 2017 vorerst nur ein Zimmer in ihrem Haus zur Verfügung. Am Ende zog jedoch auch Herr P. mit ein - und blieb bis 2023. Zuschuss für Miete, die sie nicht zahlten Viel sei in der Zeit vorgefallen, so habe Herr P. auch eine Mietbescheinigung mit ihrer Unterschrift gefälscht - das Verfahren hierzu habe die Staatsanwaltschaft dann wegen „fehlenden öffentlichen Interesses“ eingestellt, so Beer. Zudem soll sich das Paar beim Sozialamt einen Mietzuschuss erschlichen haben - zahlte jedoch an Beer gar keine Miete, wie sie erzählt. Ihr Eindruck: „Herr P. sitzt den ganzen Tag vor seinem Rechner. Er ist so raffiniert, so ausgekocht. Er sucht Lücken in unserem Rechtssystem und nutzt sie eiskalt aus.“ Auch in ihrem Fall sei bereits der Hannoveraner Anwalt im Spiel gewesen, wie Beer bestätigt. Der habe dabei geholfen, den Prozess immer weiter in die Länge zu ziehen. Als sie über Google-News auf den LZ-Artikel gestoßen sei, sei es ihr „eiskalt den Rücken herunter gelaufen“. Warum die P.s sich ausgerechnet in Lemgo aufhalten? Dazu hat sie eine Vermutung: „Herr P. hat an der dortigen Hochschule Elektrotechnik studiert“, so Beers Kenntnisstand. Vor Ort hatte sich P. unter anderem bei den Seidels auch als Professor der TH OWL ausgegeben. Deren Sprecher Harald Fichtner bittet um Verständnis dafür, dass er ein Studium des Herrn P. aus Datenschutzgründen „weder bestätigen noch dementieren“ könne. Potenzieller Haftgrund Alexander Görlitz von der Staatsanwaltschaft Detmold betont derweil, dass der Eindruck, es passiere wenig, um dem Ehepaar das Handwerk zu legen, nicht zutreffend sei. Er verweist auf das laufende Ermittlungsverfahren und stellt „prozessuale Maßnahmen“ bei hinreichendem Tatverdacht in Aussicht. Görlitz erläutert zudem, dass es für die einzig denkbare Sofortmaßnahme, der Untersuchungshaft, neben einem „dringenden Tatverdacht“ auch einen Haftgrund brauche. Dazu zähle neben Verdunklungs- und Fluchtgefahr allerdings auch eine sogenannte Wiederholungsgefahr. „Das könnte man in diesem mutmaßlichen Betrugsfall prüfen“, räumt er ein. Die Schwierigkeit sei, dass für jeden Vorgang die vertragliche Sachlage zu klären sei. „Was war abgesprochen, wie sehen die Verträge genau aus?“ So sei dieser Fall im Detail eben nicht so eindeutig, wie wenn jemand unter vorgehaltener Waffe eine Tankstelle ausraube. Der Anwalt reagiert Der Hannoveraner Anwalt Max Marc Malpricht antwortete unterdessen auf die schriftliche Anfrage der LZ, warum seine Kanzlei von Herrn P. als Rechnungsadresse angeführt wird und er offenbar seit Jahren einen vorbestraften Betrüger vertritt, per E-Mail. Er schreibt: „Zunächst darf ich klarstellen, dass uns nicht bekannt ist, ob und wann durch die Eheleute P. Rechnungen bezahlt werden. Bislang gehe ich davon aus, dass dies erfolgt.“ Für Herrn P.s GmbH, die Firma Deltec, die sich in Abwicklung befindet, werde die Kanzleianschrift als Postanschrift angegeben, um einen Postempfang sicherstellen zu können. „Eine weitergehende Bearbeitung erfolgt durch uns nicht.“ Zwischen ihm und den Eheleuten P. bestehe „ein normales Mandatsverhältnis, wie es zwischen Rechtsanwalt und Mandant üblich ist.“ Malpricht weist darauf hin, dass er unter anderem Fachanwalt für Strafrecht sei - „und damit die Vertretung von Bürgern, die mit dem Gesetz in Konflikt geraten sind, eines meiner Haupttätigkeitsbereiche darstellt“. Transparenzhinweis: Dieser Artikel wurde nach Veröffentlichung um die Aussagen des Anwaltes ergänzt.