Lemgo. „Manchmal“, sagt Anette Stocksmeier, „fühlt es sich an, als ob sich der Kopf und die Beine verknoten würden.“ Sie lacht. Seit zwei Jahren hat die Kalletalerin die Organisation der Landfrauen-Lindedance-Gruppe übernommen, die vor inzwischen zehn Jahren ins Leben gerufen wurde - als lippeweite Premiere. Wer selbst erfahren möchte, was sie meint, reiht sich am besten ein in die Reihen der knapp 20 tanzfreudigen Frauen aus dem Kreis, die sich zum Jubiläumsabend in der Tanzschule Hey eingefunden haben. „Aber nicht ganz hinten!“, schallt die Stimme von Margret Hey durch den Saal. „Ab in die Mitte, da hast du auch nach den Drehungen immer jemanden vor dir, bei dem du die Schritte abschauen kannst.“ Ohne Partner, aber nicht allein Linedance ist Tanzen ohne Tanzpartner – aber garantiert nicht allein. Menschen jeden Alters bewegen sich zu klaren Schrittfolgen, stehen nebeneinander und sind trotzdem im selben Takt verbunden. Das Schöne: Wer mitmachen möchte, braucht keinerlei Vorkenntnisse, nur Lust an Bewegung und Musik. Linedance funktioniert zu Country, Pop, Rock oder Schlager – und verbindet Tradition und Moderne. Die Wurzeln des Reihen-Tanzes liegen in den USA des 19. Jahrhunderts. Der weltweite Durchbruch geschah in den 1990er Jahren: Filme, Musikvideos und Hits mit Country-Anklängen wie „Achy Breaky Heart“ machten Linedance massentauglich. „Eins, zwei, Tap und Wie-ge-schritt!“, ruft Marget Hey, die - selbst als Landfrau im Verein aktiv - die Choreografie anleitet und -führt. Und während die Konzentration voll auf den Füßen der Vorderfrau liegt, müht sich das Gehirn, die Schrittfolgen abzuspeichern. Nach einigen Wiederholungen passiert etwas Schönes: Der Körper beginnt, die Theorie mit Leben zu füllen, sich dem Rhythmus hinzugeben - und somit einen Zustand zu erreichen, der Linedance auszumachen scheint: eine Art von Flow. „Wir haben so viel Spaß“ „Man merkt es daran, dass man sofort rauskommt, wenn man an etwas anderes denkt - an die Einkaufsliste zum Beispiel“, sagt Ilse Petig. Sie war es, die eine Idee aus den Reihen der Kreis-Landfrauen in die Tat umsetzte, indem sie im Oktober 2015 bei Margret Hey einen Schnupperkurs organisierte. Sagte ihr Linedance damals überhaupt etwas? Petig überlegt, dann grinst sie: „Ich glaub, ich hab’s gegoogelt.“ Die Impulsgeberin selbst, so ist es manchmal, wurde schlussendlich gar nicht Teil der Gruppe. Doch die Faszination für diesen Gesellschaftstanz, die blieb. Bis heute. „Wir haben so viel Spaß“, nennt Petig den Hauptgrund. Einmal im Monat, meist am dritten Montag, treffen sich die 15 bis 20 Frauen in der Aula der Lemgoer Ostschule, um anderthalb Stunden das Tanzbein zu schwingen. „Das ist schon anstrengend“, sagt Petig, „denn wir machen nur zehn Minuten Pause.“ Linedance, das sei zudem Gehirn- und Gedächtnistraining. „Wenn ein neuer Tanz kommt, bin ich nach all den Jahren immer noch manchmal am Verzweifeln.“ Kein falscher Ehrgeiz Doch wenn die Gruppe dann mit einem Mal im Gleichschritt, in Harmonie, durch den Raum wiegt und „steppt“, dann entfalte sich ein starkes Gemeinschaftsgefühl. „Freies Tanzen in Formation“, bringt sie es auf den Punkt. „Einfach mal rauskommen und unter Leute“, nennt Margret Hey einen weiteren Grund für die Beliebtheit der Gruppe. „Es geht nicht darum, alles richtig zu machen.“ Das findet auch Petig. Ihrer Erfahrung nach verkrampften sich manche Menschen bei Freizeitvergnügen wie Doppelkopf viel zu sehr in einem unnötigen Ehrgeiz. „Beim Linedance ist es dagegen total ok, auch mal aus der Reihe zu tanzen“, stimmt Anette Stocksmeier ihr zu. Neu-Einsteigerinnen seien herzlich willkommen. „Auch Gäste“, betont Ilse Petig, dass auch Nicht-Landfrauen einfach zum Schnuppern kommen können. Der nächste fixe Termin ist am 16. Februar 2026. „Feliz Navidad ...“ schallt es nun aus den Boxen der Tanzschule - eine offensichtlich altbekannte Choreografie. Kein Hirn muss sich hier mehr verknoten. Geschmeidige Abläufe, punktgenaue Wendungen, Glückshormone - und für den Zuschauer eine Ahnung, dass Linedance wohl ein klein wenig süchtig macht.