Lemgo-Brake. Beim Reflektieren über die Bedeutung von Kunst kann man leicht vom Weg abkommen. Selbst beim Betrachten eines einzigen Gemäldes, einer einzigen Installation, kann einem schnell schwindelig werden, besonders wenn man sich zusätzlich übermäßig lange mit der Geschichte hinter dem Bild oder der Geschichte des Künstlers beschäftigt. Die Jury im Stipendium „Junge Kunst“ muss allerdings genau das tun. Am Wochenende schließlich endete die Debatte um den ersten Platz. Neuer Stipendiat in Lemgo wird ab Mai der Noch-Bremer Vafa Aminikia. Sein Geburtsland ist der Iran, seit acht Jahren lebt und studiert Aminikia in Deutschland. Bald zieht er nach Lemgo. Es gibt in der Kunst oft eine Vielzahl von Details, die sich in den Vordergrund drängen und deren Bedeutung man ergründen kann. Für die Jury hatte alle Sequenzen von Vordergrund und Hintergrund Friederike Korfmacher aus dem Marta in Herford in einer Laudatio zu begründen. Die Ausstellung im Eichenmüllerhaus enthielt wie immer die Arbeiten der drei „letzten Mohikaner“, also die Werke der drei Bewerberinnen und Bewerber, die es aus der Gruppe zahlreicher Künstlerinnen und Künstler ins Finale geschafft hatten. Neben Aminikia waren das Catalena Janitz und Karo Schultz. Herkulesaufgabe Lebensunterhalt Zur Begrüßung hatte Ralf Gerke von der Staff Stiftung noch bei eisigen Temperaturen vor dem Eichenmüllerhaus warme Worte für das Trio in petto. Gerke verwies zudem darauf, dass auch Bewerber, die am Ende nicht das Stipendium in der Tasche hätten, überaus erfolgreich am Kunstmarkt agieren könnten. Beispielhaft nannte Gerke den Leipziger Jörg Ernert, der in Lemgo ebenfalls mal den „Sieg“ verfehlte, mittlerweile aber in seiner Heimatstadt Leipzig eine veritable Karriere hingelegt hat. Ist er doch nunmehr Professor für Malerei, Zeichnen und Komposition. Trotzdem richtete Gerke den Fokus in seiner Begrüßung auf die fraglos nicht einfacher gewordenen Rahmenbedingungen am Kunstmarkt. Wirtschaftlich von der Malerei oder von Installationen zu leben, sei weiterhin eine Herkulesaufgabe. Das wusste bekanntlich schon Vincent Van Gogh; er gilt nicht nur als einer der wichtigsten Begründer der modernen Malerei, er ist auch das wahr gewordene Klischee des armen Künstlers, der Zeit seines Lebens nur wenige Bilder verkaufte und erst nach seinem Tod zu Weltruhm gelangt. Die Ausstellung Bis Sonntag, 25. Januar, sind also die eingereichten Arbeiten der drei Finalisten im Eichenmüllerhaus zu sehen (donnerstags bis sonntags jeweils ab 10 Uhr). Friederike Korfmacher zerlegte die Werke sprachlich schon mal in ihre Einzelteile. Besucherinnen und Besucher erwarten „Karten aus den Bergen, in denen Worte nicht entfliehen können“, um mal eine Installation von Aminikia ins Deutsche zu übersetzen. Der gebürtige Iraner nutzte den kompletten Raum eins im Eichenmüllerhaus, um kleine Figuren auf blauem Untergrund zu zeigen, die ebenso märchenhaft wie surreal wirken. Er arbeitete mit Filz und zeigt in Raum vier noch eine Multimediainstallation („Things without Bodies“). Zwei Räume „bespielt“ auch Catalena Janitz. Einmal lässt sie eine riesige Schaumstofffläche entstehen, auf die sich die Besucher auch setzen können, um möglicherweise ohne fremde Hilfe nicht wieder hochzukommen - Spekulation. Zudem bietet sie Bilder (Acryl auf Leinwand) an, die in der bildenden Kunst womöglich leichter für das ungeübte Auge „zugänglich“ sind. Zwei Räume nutzt auch Karo Schultz. Hier kommen Rückspiegel, Vorhangstangen, Haarbürsten, Aluminium, Infusionsschläuche, Wasserpumpen, Lupen und LED-Lampen ins Spiel. Eine wahre Materialschlacht also. Zeitgemäßer Diskurs Korfmacher versuchte sich in der Erklärung, warum sich die Jury für Aminikias Werke und ihn als neuen Stipendiaten entschieden habe, auch an bekannten Gleichnissen: Mensch trifft Technik. Und doch bleibt vieles unsicher. Ob der moderne Mensch sich nach und nach mit der Technik - beispielsweise seinem Smartphone - zu einer Masse verbindet, fragen sich bekanntlich seit Jahren auch schon Sozialwissenschaftler und Psychologen. Die Kunst ist hier also in einem zeitgemäßen Diskurs angekommen. Wer sich auf die Suche nach Antworten machen will, besucht also die Städtische Galerie in der Braker Mitte. Wer den Gewinner Vafa Aminikia an seinem neuen Arbeitsplatz in der Echternstraße begrüßen will, muss bis Mai warten. Dann löst er Neda Aydin ab. Das Stipendium Junge Kunst 2025 wurde im vergangenen Jahr an eben sie verliehen. Abschlussausstellungen zeigt die Stadt in der Regel in der Städtischen Galerie Eichenmüllerhaus Ende März/Anfang April.