Kindesmissbrauch in Lügde: Was wir über die Taten wissen, und was nicht

Friderieke Schulz

Auf dem Campingplatz in Lügde-Elbrinxen sollen drei Männer zahlreiche Kinder im Alter von 4 bis 13 Jahren missbraucht haben. - © Bernhard Preuss
Auf dem Campingplatz in Lügde-Elbrinxen sollen drei Männer zahlreiche Kinder im Alter von 4 bis 13 Jahren missbraucht haben. (© Bernhard Preuss)

Lügde. Drei Männer sollen im Kreis Lippe Kinder missbraucht haben und die Taten für kinderpornografisches Material gefilmt haben. Sie sitzen in Untersuchungshaft. Die Staatsanwaltschaft ermittelt.

Wer sind die Beschuldigten?

Angeschuldigt werden der 56-Jährige aus Lügde und zwei weitere Männer. Bei einem von ihnen soll es sich um einen 33-jährigen Mann aus Steinheim, bei dem anderen um einen 48-Jährigen aus Stade handeln. Der 56-Jährige soll ein Dauercamper sein, der auf dem Campingplatz in Lügde-Elbrinxen in einer Blockhütte gelebt hat. Seit 2016 hatte er ein Pflegekind in seiner Obhut. Der mutmaßliche Täter soll gegenüber Mitcampern angegeben haben, das Kind sei die Tochter einer Bekannten, die sich aufgrund ihrer Drogenabhängigkeit nicht um das Kind habe kümmern können. In einem verwandtschaftlichen Verhältnis zum Kind stand der Mann nicht.

Was wird den Männern vorgeworfen?

Die Beschuldigten sollen über Jahre hinweg mindestens 23 Kinder im Alter zwischen vier und 14 Jahren missbraucht haben. Darunter auch das sechsjährige Pflegekind, das bei dem Camper lebte. Neben dem Missbrauch sollen die Männer auch kinderpornografisches Material hergestellt und verbreitet haben und die Kinder gezielt für diesen Zweck missbraucht haben. Gegen sie wird wegen schweren sexuellen Missbrauchs ermittelt.

Wo haben die Taten stattgefunden?

Tatort ist der Campingplatz in Lügde-Elbrinxen, genauer die Blockhütte des beschuldigten 56-Jährigen.

Gab es keinen Verdacht?

Der Betreiber des Campingplatzes beschreibt den mutmaßlichen Täter als unauffällig. "Von außen gab es keinerlei Anzeichen", sagt er. Umso schockierter sei man nun. Denn auch von den eingeleiteten Untersuchungen haben weder der Betreiber, noch die anderen Camper auf dem Platz etwas mitbekommen, heißt es.

Bereits 2016 hatte es Hinweise wegen sexuellen Missbrauchs gegen den Lügder gegeben. Laut Staatsanwaltschaft ist diesen nicht ordnungsgemäß nachgegangen worden. Gespräche mit den betroffenen Kindern erhärteten zwar damals den Verdacht, dass sich der 56-Jährige an den drei Töchtern eines befreundeten Paares sexuell vergangen haben könnte. Dennoch blieben die Ermittlungen damals ohne hinreichenden Tatverdacht und das eigene Pflegekind in seiner Obhut.

Noch immer bleibt unklar, warum die Mutter des Mädchens ihr Kind in der Obhut des 56-Jährigen ließ. Die Ermittler beschreiben das Verhältnis von Mutter und 56-Jährigem als Bekanntschaft.

Wie kam es nun zu den Ermittlungen?

Im November 2018 gab es weitere Hinweise auf sexuellen Missbrauch. Diesmal erhärtete sich der Verdacht schnell und konkreter, sodass der 56-Jährige festgenommen wurde und seitdem in Untersuchungshaft sitzt.

Was vermutet die Staatsanwaltschaft?

Bei der Staatsanwaltschaft geht man davon aus, dass der 56-Jährige das inzwischen sechsjährige Kind, das sich in seiner Obhut befand, gezielt dafür benutzt habe, Kontakte zu anderen Kindern zu knüpfen. Zudem soll auch das Mädchen selbst missbraucht worden sein.

Welche Beweise gibt es?

Neben den Hinweisen und Aussagen einiger Kinder, die die Täter schwer belasten, wurden 13.000 Dateien mit kinderpornografischen Inhalten sichergestellt. Die Polizei konnte 23 Opfer identifizieren. Sie sind alle zwischen vier und 14 Jahre alt.

Die Zahl ist laut Ermittlungsleiter Guntmar Weiß keine abschließende. Die Ermittler gehen außerdem von mehr als 1.000 Einzeltaten aus, so der Leiter der Ermittlungskommission Camping, Gunnar Weiß. „Wir haben noch einen Haufen Arbeit vor uns", sagte Weiß.

Der Tatzeitraum erstreckt sich offenbar von 2008 bis Dezember 2018.

Wer sind die Opfer und wie kam der Täter mit ihnen in Kontakt?

Die Opfer sollen zum Großteil aus dem Umfeld des Campingplatzes kommen. Der mutmaßliche Haupttäter, der dauerhaft auf dem Campingplatz lebte, soll Ausflüge auf dem Campingplatz organisiert haben, um in Kontakt mit Kindern zu kommen. Zudem soll er seine Pflegetochter als Schnittstelle zwischen sich und anderen Kindern genutzt haben.

Was wusste das Jugendamt?

Wegen des Mädchens, das der 56-jährige Beschuldigte in seiner Obhut hatte, soll das Jugendamt mehrfach vor Ort gewesen sein, um sich nach dem Kind und den Wohnverhältnissen zu erkundigen. Auffälligkeiten habe es jedoch keine gegeben, so die Mitarbeiter vom Jugendamt. Das Amt wusste von einer vorliegenden Anzeige wegen sexuellen Missbrauchs in 2016. Weil sich damals jedoch der Verdacht nicht erhärtete, blieb das Kind bei dem Dauercamper.

Als Ende 2018 erneut Vorwürfe aufkamen, wurde der Fall an die zuständige Behörde in Hameln-Pyrmont weitergeleitet, mit der Bitte, die Unterbringung des Kindes zu überprüfen. Die Zuständigkeit sei nach Hameln gefallen, da die Mutter in dem Landkreis wohnt. Das Kind sei Ende 2018 in einer Bereitschaftspflegefamilie im Kreis Lippe untergebracht worden. Die zuständige Behörde in Hameln-Pyrmont wurde ebenfalls in Kenntnis gesetzt, das Jugendamt dort übernahm schließlich auch die Obhut des Kindes.

Was wird den Jugendämtern vorgeworfen?

Dass das Pflegekind ausgerechnet in die Obhut eines Mannes gegeben wurde, der seit Jahrzehnten allein auf einem Campingplatz lebt, ist laut Stellungnahme des zuständigen Jugendamts Hameln auf den Wunsch der Mutter zurückzuführen. Das Pflegeverhältnis sei erst nach umfangreicher Prüfung anerkannt worden.

Der Landkreis Hameln-Pyrmont verteidigt die unter anderem von der Staatsanwaltschaft heftig kritisierte Unterbringung auf einem Campingplatz: „Weder der Gesundheitszustand, die finanzielle Lage noch das Führungszeugnis des Mannes gaben Grund zur Beanstandung."

Entscheidend seien die gute Bindung des Kindes zum Pflegevater, dessen Einsatz für das Kind und deutliche Verbesserungen des Entwicklungszustandes gewesen. Die Situation sei wöchentlich überprüft worden. „Die Wohnsituation war sicherlich nicht optimal, hat im Vergleich zu einer funktionierenden sozialen Bindung allerdings einen deutlich geringeren Stellenwert und ist kein Indiz für die Feststellung für eine Kindeswohlgefährdung. Sie entspricht einem winterfesten Wochenendhaus mit einem Schlafbereich für das Kind, das in gutem Pflegezustand vorgefunden wurde."

Der Pflegevater habe sich seinen Lebensmittelpunkt geschaffen, Freizeitaktivitäten koordiniert, sei in das Umfeld eng eingebunden gewesen. Dem Jugendamt Lippe wurde Ende 2018 die Strafanzeige bekannt. „Das Kind wurde am selben Tag in Obhut genommen und in einer Bereitschaftspflegefamilie untergebracht. Hameln-Pyrmont übernahm schließlich die Obhut des Kindes."

Bereits Ende 2016 sei eine Kindeswohlgefährdung angezeigt worden. „Diese bezog sich auf den Verdacht der Verwahrlosung – nicht eines möglichen Missbrauchs", so eine Sprecherin. Aber: „Das Kind lebte in keinem verwahrlosten Umfeld." Das sieht der Betreiber des Campingplatzes anders. Er beschreibt die Parzelle des 56-Jährigen als durchaus unordentlich. Die Bedenken habe er auch gegenüber dem Jugenamt mehrfach geäußert. Auch die Staatsanwaltschaft zweifelt daran, dass es in der Anzeige von 2016 kein Indiz für Missbrauch gegeben habe.

Welche Konsequenz gibt es für die Jugendämter?

Laut der Staatsanwaltschaft habe es auch in der Anzeige wegen Kindeswohlgefährung Hinweise auf sexuellen Missbrauch gegeben. Das Jugendamt sei diesbezüglich jedoch nicht wachsam gewesen, so die Staatsanwaltschaft. Weil sie dem Verdacht nicht ordnungsgemäß nachgeganen sind, müssen sich die Jugendämter in Lippe und Hameln nun verantworten. Gegen sie wird nun ermittelt.

Welche Reaktionen gibt es?

Der Betreiber des Campingplatzes, sowie andere Camper reagieren schockiert auf die Vorwürfe. Niemand dort habe sich so etwas vorstellen können, geschweige denn etwas geahnt, heißt es. Der Betreiber berichtet, dass er sofort seine eigenen Töchter gefragt habe, ob sie Kontakt zu dem Mann gehabt hätten. "Ein Glück, sagten sie nein", so der Betreiber. Ähnlich soll es vielen Eltern im Umfeld des Platzes gegangen sein.

Auch Familienminister Joachim Stamp reagierte auf den Fall und sagte dazu: „Ich bin ich zutiefst erschüttert über den widerlichen Kindesmissbrauch in Lügde. Zuallererst geht es mir um die Opfer, denen unvorstellbares Leid widerfahren ist und die umfassend betreut werden müssen. Die massenhaften Straftaten müssen von Polizei und Staatsanwaltschaft vollumfänglich und gründlich aufgeklärt werden. Wir werden zudem systematisch vorgehen und analysieren, wo Verbesserungen erfolgen können und müssen. Dazu gehört unter anderem, dass Personalbedarfe vor Ort überprüft sowie Prävention und Sensibilisierung verstärkt werden - hierüber werden wir mit den Kommunen sprechen. Gemeinsam mit Experten werden wir zügig prüfen, ob und wo Defizite bestehen und wie diese zeitnah behoben werden können."

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