Jugendamt zum Missbrauchsskandal: "Nach unseren Kritierien hätte der Mann keine Pflegschaft erhalten"

Martin Hostert

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Auf dem Campingplatz in Lügde-Elbrinxen sollen drei Männer zahlreiche Kinder im Alter von 4 bis 13 Jahren missbraucht haben. - © Bernhard Preuss
Auf dem Campingplatz in Lügde-Elbrinxen sollen drei Männer zahlreiche Kinder im Alter von 4 bis 13 Jahren missbraucht haben. (© Bernhard Preuss)

Kreis Lippe. Karl-Eitel John ist Sozialdezernent beim Kreis Lippe. Er nimmt Stellung zur Arbeit des Kreisjugendamtes und zur Aussage des Landkreises Hameln-Pyrmont, umsichtig und richtig gehandelt zu haben.

Herr John – wie kann man ein Kind in einer solchen Baracke unterbringen?
Karl-Eitel John: Nach unseren Kriterien hätte der Mann keine Pflegschaft erhalten. Wir haben den Hamelner Kollegen mitgeteilt, dass wir die Unterkunft absolut nicht für geeignet halten, nachdem wir rausgefahren waren. Zuständig ist das Jugendamt des Kreises Hameln/Pyrmont.

Aber Sie sind dennoch rausgefahren? Wann?
John: Das Jobcenter hatte uns nach einem Termin im November 2016 eine Kindeswohlgefährdung mitgeteilt. Das Kind sei unordentlich gekleidet, dreckig, die finanzielle Situation sei nicht in Ordnung. Also haben wir die Situation überprüft. Zwei Mitarbeiterinnen von uns haben in Hameln dann darauf gedrungen, dass sich die Situation verbessert. Aber wir hatten auf dieser Grundlage keinen Hinweis auf sexuellen Missbrauch.

Sozialdezernent Karl-Eitel John. - © Torben Gocke
Sozialdezernent Karl-Eitel John. (© Torben Gocke)

Haben Sie später in Hameln nachgefragt?
John: Konkret nachgefragt haben wir nicht. Das ist sicherlich ein Punkt, den man uns zurechnen kann.

Und Hameln-Bad Pyrmont betont, alles richtig gemacht zu haben.
John: Ein Kind bei einem alleinstehenden Mann auf einem Campingplatz unterzubringen und eine Pflegschaft einzurichten, ist meiner persönlichen Meinung nach nicht die richtige Entscheidung. Als wir dann am 13. November 2018 von der Strafanzeige gehört haben, haben wir sofort reagiert und das Kind in Obhut genommen, obwohl Hameln eigentlich zuständig ist. Jetzt ist das Mädchen dort im Landkreis untergebracht.

Noch einmal zum Verständnis: Sie hatten von dieser Situation also erstmals durch das Jobcenter zwei Jahre zuvor erfahren?
John: Nein, schon vorher einmal im August 2016 durch eine Meldung des Kinderschutzbundes Hameln-Pyrmont über die Polizei an uns.

Sind Sie da auch schon vor Ort gewesen?
John: Nein. Wir haben uns am gleichen Tag mit dem Kinderschutzbund Hameln-Pyrmont in Verbindung gesetzt. Die haben uns mitgeteilt, dass sie auch das Jugendamt des Landkreises informiert hätten. Auch wir haben das Jugendamt Hameln-Pyrmont damals am gleichen Tag gebeten, sich um den Fall zu kümmern und ihnen die Mitteilung des Kinderschutzbundes gefaxt. Im Dezember 2016 wurde uns von dort dann mitgeteilt, es sei alles in Ordnung.



Aber auch da haben Sie nicht nachgefragt?
John: Richtig.

Ist das denn nicht üblich?
John: Eigentlich nicht. Wenn ein anderes Jugendamt involviert ist, geht man davon aus, dass es auch fachliche Arbeit leistet.

Sind Sie im Gespräch mit den Hamelnern?
John: Im Moment nicht, nein. Es gibt keine Kommunikation.

Gibt es Konsequenzen hier im Jugendamt?
John: Nein. Aber natürlich überprüfen wir unsere Vorgehensweise. Parallel bewertet das auch die Staatsanwaltschaft. Die gucken, ob jemand im Rahmen der Kommunikation etwas versäumt hat. Wir legen alles offen und müssen abwarten.

Sind denn Ihre Mitarbeiterinnen geschult, eventuellen Missbrauch zu erkennen?
John: Ja, denn machen wir uns nichts vor: Das Thema Missbrauch ist ja durchgängig in der Gesellschaft vorhanden. Und wenn die Kinder sich nicht öffnen, etwa gegenüber den Eltern, ist es ganz schwierig. Wenn es dann Anzeichen gibt, ist es meistens zu spät.

Gab es ähnliches in Lippe?
John: Nein. Wir bringen Kinder natürlich wegen Missbrauchs unter, haben vernünftige Standards. Unsere Mitarbeiter sind alle sehr betroffen. Das lastet massiv auf uns. Jetzt gucken wir: Was hätten wir eventuell besser machen können?

Und Sie haben genug Leute?
John: Ja. Die Arbeitsgemeinschaft der Kinder- und Jugendhilfe hat bei Kreisen eine Fallzahl von 35 Fällen pro Mitarbeiter ermittelt, die Gemeindeprüfungsanstalt geht von einer Fallzahl von 30 Fällen pro Mitarbeiter aus, bei uns sind es 20. Die Kollegen sind sehr nah an den Familien.

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