Missbrauch Lügde: Andreas V. soll Hinweise auf weitere Verdächtige gegeben haben

Erol Kamisli, Lothar Schmalen und Janet König

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Vor den Toren des Campingplatzes: Die Polizei zeigt Präsenz. - © Vera Gerstendorf-Welle
Vor den Toren des Campingplatzes: Die Polizei zeigt Präsenz. (© Vera Gerstendorf-Welle)

Düsseldorf/Lügde. Im Fall des Kindesmissbrauchs von Lügde gibt es zwei weitere Beschuldigte, von denen die Öffentlichkeit bislang nichts wusste. Nach LZ-Informationen soll der Hauptbeschuldigte Andreas V. den Ermittlern die Hinweise auf die zwei weiteren Tatverdächtigen gegeben haben.

Polizei und Staatsanwaltschaft ermitteln seit Mitte April gegen einen 21-jährigen Mann mit geistigen Einschränkungen. Das geht aus einem vertraulichen Bericht der Staatsanwaltschaft an den Rechtsausschuss des Landtags hervor. Der junge Mann war zum Tatzeitpunkt noch Heranwachsender und lebt in einer Behinderteneinrichtung. Bei einer Durchsuchung seines Zimmers wurde ein Mobiltelefon beschlagnahmt, dessen Auswertung andauert. Es besteht der Verdacht, dass er selbst Opfer geworden ist.

Fünf Millionen Fotos und 218.000 Videos

Außerdem ermitteln die Behörden seit Mitte April gegen die Mutter eines Geschwisterpaars, das zu den Opfern gehört. Der Vorwurf: Beihilfe zum sexuellen Missbrauch eines der beiden Geschwister. Das Verfahren gegen die 63-jährige Mutter ist von der Staatsanwaltschaft allerdings inzwischen wieder eingestellt worden, das teilte die Polizei am Mittwoch mit. Damit werde derzeit gegen acht Beschuldigte ermittelt.

In dem Bericht heißt es weiter, die Auswertung der beschlagnahmten Dateien sei inzwischen zu 80 Prozent abgeschlossen. Es seien fünf Millionen Foto- und 218.000 Videodateien ausgewertet worden. Zwei Drittel seien gelöscht gewesen und hätten wiederhergestellt werden müssen. 31.000 Bilder und 11.000 Videos Kinder- und Jugendpornografie, davon allein 26.500 Bilder und 10.300 Videos, die dem inhaftierten Beschuldigten Heiko V. gehört haben sollen. Selbst erstellte Dateien seien nur bei den ebenfalls Inhaftierten Andreas V. und Mario S. gefunden worden.

Die neuesten Entwicklungen

Die Verteidiger: Jürgen Bogner verteidigt Mario S., einen 34-jährigen, ledigen Arbeitslosen aus Steinheim. Er muss sich wegen schweren sexuellen Missbrauchs verantworten. „Er ist sich der Vorwürfe bewusst, und wir haben ausführlich darüber geredet." Gegenüber den Ermittlungsbehörden habe Mario S. noch keine Angaben gemacht. Der Pflichtverteidiger setze auf ein Aussageverhalten des 34-Jährigen „im Sinne der Opfer". Im Klartext: Rechtsanwalt Bogner will seinen Mandanten zur Aussage bringen. „Ich bin optimistisch, dass er diesen Weg einschlagen wird", erklärt Bogner.

Er habe intensiven Kontakt zu den Familienangehörigen des Steinheimers, die ebenfalls eine Bereitschaft zur Aussage begrüßten. Derzeit werde sein Mandant begutachtet: „Der Sachverständige überprüft nun seine Schuldfähigkeit." Zum Thema Anklageschrift könne der Jurist nur sagen: „Ich gehe davon aus, dass das Schriftstück bis Ende der Woche vorliegt."

Auch Rechtsanwalt Johannes Salmen, Verteidiger des 56-jährigen Hauptbeschuldigten Andreas V., rechnet mit der Anklageschrift zum Ende dieser Woche. Salmen lehnt derzeit eine Begutachtung seines Mandanten ab. „In so einem Gespräch wird natürlich auch über konkrete Taten gesprochen: Da wir derzeit nicht wissen, was meinem Mandaten definitiv vorgeworfen wird, gibt’s aus meiner Sicht keinen Bedarf für ein solches Gespräch." Dies könne sich natürlich ändern, wenn die Anklagepunkte konkret benannt würden.

Jann Henrik Popkes aus Schlangen verteidigt den 48-jährigen Heiko V. aus Stade, der via Internet an zwei kostenlosen Sex-Videochats teilgenommen haben soll. Sein Mandant ist geständig. Nach erfolgloser Haftprüfung 
und -beschwerde an den Detmolder Gerichten liegt die Sache nun zur Entscheidung beim Oberlandesgericht in Hamm. Der Vorwurf gegen Heiko V. lautet: Anstiftung zu schwerem sexuellen Missbrauch an Minderjährigen.

Die Staatsanwaltschaft: Oberstaatsanwalt Ralf Vetter bestätigte, dass eine „Begutachtung der Beschuldigten im Rahmen des Ermittlungsverfahren" erfolge. Zu den Terminen der Anklageschrift wolle er sich nicht äußern. Nicht nur die Ermittlungen gegen die drei Inhaftierten dauern an. Gegen sechs weitere Beschuldigte werde nach neuesten Entwicklungen wegen des Verdachts auf Strafvereitelung oder Beihilfe ermittelt. Ob einige der Verfahren möglicherweise eingestellt werden, könne erst nach Abschluss entschieden werden.

Der Campingplatz: Die uniformierte Präsenz der Polizei auf dem Campingplatz „Eichwald" ist Geschichte. Da sich nun zusätzliches Personal der Polizei auf dem Platz aufhält, um erneute Befragungen der Camper durchzuführen, sind die an der Schranke des Eingangs postierten Beamten abgezogen worden, teilt die Polizei Bielefeld mit. Die Beamten waren dorthin beordert worden, um die Lage vor Ort zu beruhigen.

Der Vater des Pflegekindes: Der leibliche Vater des missbrauchten Pflegekindes hatte in einem NDR-Bericht massive Vorwürfe gegen das Jugendamt Hameln-Pyrmont erhoben. Der 25-Jährige hätte laut eigenen Angaben erst aus der Presse vom Missbrauch seiner Tochter erfahren. Laut Stellungnahme des Kreises Hameln-Pyrmont soll der Mann kein Recht auf Information gehabt haben, da er nicht das Sorgerecht für das Kind habe.

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