Wettlauf gegen die Zeit: EK-Leiter berichten zum ersten Mal über Ermittlungen zum Fall Lügde

Janet König

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 Ermittlungsleiter Thorsten Stiffel (links) und sein Aktenführer Norbert Freier äußern sich zum ersten Mal zu der Ermittlungsarbeit der vergangenen Monate. - © Jannik Stodiek
 Ermittlungsleiter Thorsten Stiffel (links) und sein Aktenführer Norbert Freier äußern sich zum ersten Mal zu der Ermittlungsarbeit der vergangenen Monate. (© Jannik Stodiek)

Bielefeld. Sechs lange Monate hat die Ermittlungskommission (EK) „Eichwald" auf den Termin kommenden Donnerstag hingearbeitet. Dann will das Landgericht Detmold das Urteil gegen Andreas V. und Mario S. wegen hundertfachen sexuellen Kindesmissbrauchs sprechen. Kurz vor Prozessende geben EK-Leiter Thorsten Stiffel und sein Stellvertreter Norbert Freier Einblick in die Ermittlungsarbeit zum Fall Lügde.

"Eine intensive Zeit"

Lange hat das Polizeipräsidium Bielefeld Presseanfragen für ein persönliches Gespräch mit den Ermittlungsleitern abgelehnt. Der Umgang mit den Fall Lügde sei sensibel, erst nach Abschluss der Beweisaufnahme wird ein Treffen möglich. „Das war eine intensive Zeit, die mir auch gesundheitlich zugesetzt hat", gibt Aktenführer Norbert Freier zu. Besonders herausfordernd sei gewesen, ein laufendes Verfahren von den lippischen Kollegen zu übernehmen. „Es hat gedauert, bis wir uns eingearbeitet hatten – und der öffentliche Druck war einfach enorm", sagt Freier. Das gesamte Ausmaß des Falls habe man damals noch gar nicht fassen können.

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Morgendlichen Meetings, regelmäßige Berichte ans Innenministerium und die tägliche Bewertung neuer Hinweise gehörten zum Alltag. 80 Ermittler seien in Spitzenzeiten mit den Ermittlungen betraut gewesen – darunter Beamte aus ganz NRW. „Teilweise leben Kollegen jetzt seit einem halben Jahr im Hotel", sagt Ermittlungsleiter Thorsten Stiffel. Der persönliche Einsatz jedes einzelnen Beamten sei enorm gewesen. „Wir kannten uns größtenteils nicht und haben uns erst finden müssen", sagt der 50-Jährige.

Überstunden und schlaflose Nächte

Unzählige Überstunden, verschobene Urlaube, schlaflose Nächte – davon habe sich kaum ein Beamter freisprechen können. „Gerade die Zeit Februar, März, April ist hart gewesen. Das will man nicht immer machen." Insgesamt 18 Jahre beschäftige sich Stiffel mit Sexualdelikten. Mit seinem Stellvertreter Norbert Freier habe der EK-Leiter bereits bei den Mordermittlungen zum Fall Bosseborn zusammengearbeitet. „Ich hatte vollstes Vertrauen in mein Team, wir haben gute Arbeit geleistet", sagt Stiffel. Auch wenn dies nicht immer in der Öffentlichkeit angekommen sei.

Durch die Übernahme des laufenden Verfahrens von der Kreisbehörde Lippe sei der zeitliche Druck enorm gewesen. Schließlich habe Andreas V. zum damaligen Zeitpunkt schon sechs Wochen in U-Haft gesessen. „Wir haben recht schnell festgestellt, dass wir nicht alles gleichzeitig schaffen", sagt Stiffel. Daher habe sich die EK ein Mantra gesetzt, nachdem die Arbeit strukturiert worden sei. „Wir wollten herausfinden, wer welches Kind wann missbraucht hat", erklärt Stiffel. Das sei die oberste Priorität gewesen. Gerade das junge Alter der Opfer habe dies erschwert. „Teilweise waren die Kinder erst vier Jahre alt, die kann man nicht einfach ins Präsidium bestellen", sagt Freier. Solche Vernehmungen seien manchmal über Wochen vorbereitet worden. Am Ende war die Beweislast erdrückend.

Zu sehen oder bloß in Besprechungen zu hören, was den Kindern angetan wurde, sei für alle äußerst belastend gewesen. Dazu habe der öffentliche Druck zusätzlich an den Nerven gezehrt. „Wenn du immer hörst, was du angeblich alles falsch machst, macht es die Arbeit nicht leichter", sagt Stiffel. Dabei gebe es trotz aller Kritik wohl kaum einen Tatort, der so akribisch durchsucht worden wäre wie die Parzellen der Angeklagten auf dem Campingplatz. „Wir haben den Tatort wie bei einem Mordfall behandelt." Zwischendurch hätten auch immer wieder Beamte am liebsten alles hingeschmissen. „Doch die haben wir alle wieder einfangen", sagt Norbert Freier.

Krankheitsausfälle wegen der Ermittlungen habe es nicht gegeben, dennoch sei dies ein Fall, den selbst der erfahrenste Ermittler nicht Zuhause einfach vergessen habe. „Man nimmt das ins Bett und steht wieder damit auf", sagt der 58-Jährige. Nun erwartet die gesamte Ermittlungskommission das Urteil. „Dass die Kinder Gerechtigkeit erfahren, darauf haben wir hingearbeitet", betonen die beiden Polizisten.

Ermittlungen gehen zu Ende

Aktuell sind von 80 Beamten noch 14 Teil der EK Eichwald. Bis Anfang Oktober sollen laut Leiter Thorsten Stiffel alle Ermittlungen abgeschlossen sein. Bis dahin müssten noch einige Hinweise behandelt werden. Besonders gut funktioniert habe darüber hinaus die Zusammenarbeit mit der Staatsanwaltschaft Detmold. „Das ist nicht selbstverständlich, schließlich gibt es manchmal unterschiedliche Ansichten", sagt der Ermittlungsleiter.

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