Missbrauchsfall Lügde: 17-jähriger Angeklagte wird freigesprochen

Jutta Steinmetz

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Das Landgericht Paderborn hat entschieden, den Fall unter Ausschluss der Öffentlichkeit zu verhandeln. - © picture alliance/dpa
Das Landgericht Paderborn hat entschieden, den Fall unter Ausschluss der Öffentlichkeit zu verhandeln. (© picture alliance/dpa)

Paderborn. Jahrelang hat ein heute 17-Jähriger als kleines Kind die Hölle durchmachen müssen. Wieder und wieder wurde er von einem erwachsenen Mann missbraucht. Irgendwann wurde der Teenager selbst zum Täter. Er vergriff sich an drei jüngeren Kindern, die er von seiner Paderborner Schule kannte. Jetzt wurde er von der 5. Jugendkammer des Landgerichts Paderborn freigesprochen.

Zweifel an Verantwortungsreife

Drei Prozesstage lang verhandelten die Richter unter dem Vorsitz von Nicole Klein unter Ausschluss der Öffentlichkeit - auch wenn diese an dem Fall besonders interessiert war. Schließlich gehörte der angeklagte Jugendliche zu den Opfern von Mario S., jenem Mann aus Steinheim, der auch zusammen mit Andreas V. jahrelang auf einem Campingplatz bei Lügde zahlreiche Kinder sexuell missbrauchte. Immer wieder vergriff sich S. an dem Teenager, "in seiner sexuellen Prägephase", wie Verteidiger Thorsten Fust am ersten Verhandlungstag den Medienvertretern erklärte. Der große seelische Druck, aber auch das falsche, von Mario S. vorgelebte Sexualverhalten ließen den Schüler zum Täter werden.

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Umstände, die das Gericht letztlich zu einem Freispruch kommen ließ. Zwar hatte der 17-Jährige die ihm vorgeworfenen Taten schon während der Ermittlungen umfänglich gestanden. Doch die Kammer mochte ihn trotzdem nicht verurteilen. "Strafrechtlich verantwortlich ist ein Jugendlicher nur dann, wenn er zur Zeit der Tat nach seiner sittlichen und geistigen Entwicklung reif genug ist, das Unrecht seiner Tat einzusehen und nach dieser Einsicht zu handeln", so die Argumentation der 5. Kammer. Und genau da hatten die Richter laut einer Pressemitteilung des Landgerichts massive Bedenken. "Mit Rücksicht auf die Umstände und das Ausmaß des vorhergehenden sexuellen Missbrauchs zu Lasten des Angeklagten selbst" seien Zweifel geblieben, dass der Teenager "im Hinblick auf die vorgeworfenen Taten verantwortungsreif war."
Jugendlicher weiter in Therapie

Kein Freifahrtschein

Als einen Freifahrtschein wollen die Richter das Urteil aber nicht verstanden wissen. Die Entscheidung betreffe einen besonderen Einzelfall und lasse sich auf andere Sachverhalte nicht ohne Weiteres übertragen.
Rechtsanwalt Thorsten Fust verteidigte den Jugendlichen Angeklagten.

"Mein Mandant ist sehr erleichtert", sagte Verteidiger Thorsten Fust auf Nachfrage dieser Zeitung. "Er kann seine Therapie weitermachen." Genau das hatte Fust am ersten Verhandlungstag als Ziel der Verteidigung formuliert. Schließlich gehe es darum, all das Notwendige zu tun, damit "seine Seele heilen kann". Zwei bis drei Jahre werde die Therapie sicherlich in Anspruch nehmen, vermutete Thorsten Fust. Ihm war aber gleichfalls wichtig darauf hinzuweisen, dass auch das nun abgeschlossene Strafverfahren schwer auf dem Jugendlichen lastet. Zwei Monate lang musste der Schüler in Untersuchungshaft verbringen. Nur ein einziges Mal habe er Besuch von seinem Vater bekommen dürfen, prangerte Fust an.

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