Leinenherstellung in Oerlinghausen

Sigurd Gringel

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Weber-Villa: Die baute Carl Weber 1885 im Stil der Neorenaissance. Zwölf Jahre später kamen Fachwerkaufbauten hinzu. - © Müller
Weber-Villa: Die baute Carl Weber 1885 im Stil der Neorenaissance. Zwölf Jahre später kamen Fachwerkaufbauten hinzu. (© Müller)
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Historische Stadtführung (© Sigurd Gringel)

Oerlinghausen. Bürgervillen, Bruchsteinmauern, versteckte Gassen und Stiegen - die Oerlinghauser Altstadt am Tönsberghang weist einen reichen historischen Schatz auf. Diesen will die NW in einem Rundgang mit Stadtführerin Annegret Müller näher bringen.

In Oerlinghausen hatten die Herstellung und der Handel mit Garn und Leinwand eine lange Tradition. Der Haupterwerbszweig war seit dem 17. Jahrhundert das Leinengewerbe. Die Spinner und Weber stellten in Heimarbeit das besondere weißgebleichte, fehlerlose "Oerlinghauser Feinleinen" her. Johann Barthold Tölcke bekam im Jahr 1764 als erster Leinenhändler eine Konzession zum Handel mit Leinen. Sein Absatzgebiet reichte von Kopenhagen bis Norditalien. Den Verkauf der Manufakturwaren übernahmen unselbstständige Händler, die sogenannten Leinen-Hopser. Als 1804 die Gebrüder Becker und später weitere Kaufleute Konzessionen bekamen, verlor Tölcke seine Monopolstellung. 1820 gab es bereits zwölf Leinenhandlungen, eine Bleiche und ein Mangelhaus in Oerlinghausen. Das Leinengewerbe war bestimmend für das Wirtschaftsleben und den Wohlstand der kleinen Dorfgemeinde.

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Altstadtrundgang Oerlinghausen, Historischer Stadtspaziergang (© Müller)

Doch die große Zeit des Leinens neigte sich ab 1825 einem vorläufigen Ende zu. In Lippe entwickelte sich eine Leinenkrise. Auslöser war billiges Leinen, das den qualitativen Vergleich mit dem Oerlinghauser Feinleinen nicht standhielt und in den neuen Spinnereien und Webereien im Ravensberger Raum auf mechanischen Spinnmaschinen und Webstühlen hergestellt wurde. Auch die Gründung einer Spinnschule (1835) und einer Legge (1850), in der das Leinen die Lippische Rose als Qualitätsstempel bekam, konnten den Untergang der Leinenmanufaktur nicht aufhalten. Die Spinner und Weber wanderten nach Amerika aus, gingen als Wanderziegler nach Norddeutschland oder fanden Arbeit in der sich entwickelnden Zigarrenfabrikation. Viele Leinenhändler erholten sich nicht mehr von der Krise. Tölckes Enkel zogen nach Amerika, und die Gebrüder Becker ließen sich in Süddeutschland nieder.

1848, inmitten in der Leinenkrise, eröffnete der 26-jährige Bielefelder Unternehmer Carl David Weber eine Leinenhandlung. Weber stammte aus einer führenden Bielefelder Leinenhändlerfamilie und hatte seine Ausbildung zum Leinenhändler in Spanien beendet. Als er nach Bielefeld zurückkam, um den elterlichen Betrieb zu übernehmen, sollte er erst noch den preußischen Wehrdienst ableisten. Da dies jedoch nicht in seine Lebensplanung passte, verlegte er 1850 sein Geschäft nach Oerlinghausen, gab seinen preußischen Pass ab und wurde Lipper.

Carl David Weber entwickelte neue Verkaufsstrategien. Er legte den großen Geschäften seine Warenproben vor, um Aufträge zu erwerben. Sogar seine Hochzeitsreise mit seiner Frau Marianne (geb. Niemann), die ebenfalls aus einer Bielefelder Leinenhändlerfamilie stammte, soll Carl David Weber genutzt haben, um die Kunden der väterlichen Firma Weber, Laer und Niemann in Brüssel, Paris und Madrid aufzusuchen und die Geschäftsbeziehungen aufzufrischen.

Die feinen Leinenstoffe waren bis zu achtmal teurer als maschinengewebtes Leinen. Zu den Kunden gehörten deshalb das vermögende Bürgertum, viele Fürstenhäuser Europas, die Königshöfe in Madrid und Stockholm und der französische Kaiser. Im Jahr 1868 schickte Weber sogar Kisten, gefüllt mit "Oerlinghauser Feinleinen", an das Königshaus von Hawaii. Das Leinengewerbe in Oerlinghausen erlangte mit der Firma Carl Weber & Co. eine neue Blütezeit. Die Weber-Villa, die Alte Müllerburg oder die Villa Richard Müller - und natürlich der Weberpark - erinnern an diese Zeit.

Noch bis zum Ende der 50er Jahre hatte der Ceweco-Konzern 1.500 Beschäftigte. Dann geriet das Unternehmen in den Sog der allgemeinen weltweiten Textilkrise. In den Folgejahren wurden Zweigwerke abgestoßen oder geschlossen, und 1970 ging die Firma Carl Weber und Co. in den Bielefelder Textilwerken auf. Bis 1973 bestand der Betrieb in der Stadt Oerlinghausen mit noch 300 Beschäftigten.

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