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Oerlinghausen

Als sich Friedrich Ludwig Tenge in Oerlinghausen einen Tempel baute

Oerlinghausen. Wer früher Geld und Gut besaß, der wollte das auch über den eigenen Tod hinaus zeigen. So ließen sich Adelige und wohlhabende Menschen oftmals Grabstätten bauen, die zu echten Tempelanlagen gerieten – wie in Oerlinghausen. Verborgen im dichten Laubwald schlummert in der Bergstadt eine riesige Grabanlage vor sich hin, das Mausoleum der Gutsbesitzer- und Industriellenfamilie Tenge.

Das große, hallenförmige Gebäude mit dem pompösen Säuleneingang dürfte zu den außergewöhnlichsten Bestattungstempeln weit und breit gehören. Es liegt im Norden der Stadt am Ende der Heidersdorfer Straße. Ein hoher Zaun umschließt den gesamten Friedhof, der sich noch auf dem Gebiet des Gutes Niederbarkhausen befindet.

Nur das fürstliche Mausoleum in Detmold ist noch größer

Friedrich Ludwig Tenge im Jahre 1836. Der Gutsbesitzer und Industrielle leitete von Niederbarkhausen aus sein Firmenimperium. - © Repro: Horst Biere / Quelle: Industriemuseum SHS
Friedrich Ludwig Tenge im Jahre 1836. Der Gutsbesitzer und Industrielle leitete von Niederbarkhausen aus sein Firmenimperium. (© Repro: Horst Biere / Quelle: Industriemuseum SHS)

Mit seinen vier dorischen Säulen erinnert das Gebäude an einen griechischen Tempel. In dem markanten Mausoleum sind Friedrich Ludwig Tenge (1793-1865) und seine Frau Bernhardine Theodore (1799-1860) beigesetzt. Weitere Gräber von anderen Familienmitglieder findet man außerhalb des Gebäudes im umfriedeten Bereich. Die außergewöhnliche Grabanlage, die Friedrich Ludwig Tenge im Jahre 1863 nach dem Tod seiner Frau errichten ließ, wird in ihrer Größe nur von dem fürstlichen Mausoleum in Detmold übertroffen. Anfang des 20. Jahrhunderts wurde das Oerlinghauser Mausoleum um eine Wandelhalle erweitert.

Friedrich Ludwig Tenge, ein gebildeter Mann, der in Frankreich sowie in Göttingen und Heidelberg Landwirtschaft studiert hatte, war der damalige Besitzer des Gutes Niederbarkhausen. Der Spross einer erfolgreichen und sehr wohlhabenden Leinen- und Tabakkaufmannsfamilie aus Osnabrück erwarb im Jahre 1814 das seinerzeit verschuldete Gut von der Familie Barkhausen und baute es zum eigenen Familienbesitz um.

Aber er steuerte von Niederbarkhausen aus auch immer mehr sein wachsendes und weit verzweigtes Firmenimperium. Denn Tenge investierte enorme Summen in neue Ländereien und Industrieanlagen. Eine seiner größten Erwerbungen bildete der Kauf der Grafschaft Rietberg im Jahre 1822 und damit der Domäne Holte.

Der Industrielle baute weitere Unternehmen in OWL auf

Der Industrielle baute weitere Unternehmen in Ostwestfalen auf. Sägemühlen, Ziegeleien, Glashütten und sogar eine neuzeitliche Papierfabrik in Dalbke. Die weitaus bedeutendste Firmengründung Friedrich Ludwig Tenges bildete die Errichtung der Holter Eisenhütte vor den Toren des alten Jagdschlosses der Grafen von Rietberg. Ohne eigentliche Kenntnisse und Erfahrungen auf dem Gebiet des Hüttenwesens schuf Tenge hiermit die erste großgewerbliche Anlage in der vormaligen Grafschaft Rietberg.

Das Gut Niederbarkhausen allerdings, der repräsentative Wohnsitz der Familie Tenge, entwickelte sich zu einem echten kulturellen Zentrum mit Verbindungen zu Musikern, Künstlern und Literaten in ganz Europa. Im weiträumigen Garten des Gutes wurde musiziert und gedichtet.

Oftmals erhielten die Kinder der Familie Tenge Besuch von den Kindern der Fabrikantenfamilie Weber aus Oerlinghausen. Dann führte man gelegentlich unter Anleitung einer Erzieherin kleine Theaterstücke auf. Deutsche Dichter und Denker sowie die ersten Sozialisten zählten zu den Gästen von Friedrich Ludwig Tenge. Hoffmann von Fallersleben beispielsweise begleitete Tenge sogar auf einer Italienreise.

Der verfolgte Schriftsteller Ferdinand Freiligrath fand für einige Zeit eine sichere Unterkunft auf dem Gut. Sogar der erfolgreiche Unternehmer und zugleich Sozialrevolutionär Friedrich Engels reiste gelegentlich aus Wuppertal an. Fürst Leopold II verlieh dem Gut die Landtagsfähigkeit, es wurde dadurch in den Stand der deutschen Rittergüter aufgenommen.

Arbeiter und Tagelöhner entführten den Gutsbesitzer

Eine spektakuläre Aktion erlebte das Gut Niederbarkhausen während der Revolution 1848/49. Eine riesige Gruppe von Arbeitern und Tagelöhnern, die ihren Ursprung in der Domäne Rietberg hatte, erschien vor Tenges Gut und verlangte soziale Reformen und eine Verbesserung ihrer Lebensbedingungen. Da sich Tenge weigerte, mit ihnen zu verhandeln, entführten sie ihn kurzerhand und ließen ihn erst nach mehreren Tagen und einigen Zugeständnissen wieder frei.

Das Rittergut blieb stets im Familienbesitz, auch wenn die Nachkommen der Tenges an verschiedenen Stellen des Firmenimperiums tätig waren. Als Gutserbin war Paula Tenge die letzte Nachfahrin des Stammes der Industriellen und Gutsbesitzer. Sie heiratete Anfang des 20. Jahrhunderts Major Siegfried von Lentzcke aus Berlin, der in der Gegend nur „Herr Major" genannt wurde.

Doch da die Ehe kinderlos blieb, adoptierte sie ihren Verwandten Maximilian Albrecht von Daniels-Spangenberg. Der übernahm nach ihrem Tod 1968 das Gut Niederbarkhausen. Sein ältester Sohn, Hubertus von Daniels-Spangenberg, leitet heute den großen Betrieb und unterhält ein gepflegtes, modernes landwirtschaftliches Anwesen.

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