Oerlinghausen. Ein Gefangenenausbruch in Detmold: „Simon Heinrich Wolf aus Oerlinghausen hat in der vergangenen Nacht Gelegenheit gefunden aus seiner Haft zu entspringen. Alle Obrigkeiten werden dienstergebenst ersucht auf ihn zu achten und den gefährlichen Mann zu arretieren und ihn an das Amt abzuliefern.“ So beschrieben die „fürstlich-lippischen Intelligenzblätter“ den skandalösen Vorgang am Samstag, 3. Juni 1820. Immer samstags erschienen die „Intelligenzblätter“, es war die erste Zeitung in Lippe und eine der frühesten Publikationen in Deutschland.
Auf „gnädigst landesherrlichen Befehl“ startete man mit der Schriftenreihe am 7. Februar 1767. Gedruckt auf vorerst 16 Seiten grobem Löschpapier fand sich dort eine bunte Mischung aus Landesverordnungen, Stellenangeboten, Suchmeldungen, Kriminalberichten, Verkaufsanzeigen sowie viele „nützliche und unterhaltende Beiträge“ zum Beispiel mit Aufsätzen über aktuelle Fragen der Landwirtschaft.
Nur wenige Abonnenten gab es in Oerlinghausen. Vor allem Ärzte, Gutsbesitzer, einige wohlhabende Geschäftsleute und Beamte leisteten sich den Luxus, eine Zeitung zu lesen, die der Bote einmal in der Woche ins Haus brachte. Das damalige Blatt war ein Vorläufer der heutigen Lippischen Landeszeitung. Die Redaktion lag im „Intelligenzkontor“ der Meyerschen Hofbuchhandlung in Lemgo und dort wurde auch gedruckt.
Meldungen, die der lippische Hof an seine Untertanen weiterleiten wollte
Die Informationen der Zeitung bestanden natürlich in erster Linie aus Nachrichten und Meldungen, die der lippische Hof schnell und unbürokratisch an die Untertanen weiterleiten wollte. So konnte der Regent zum Beispiel auch den an der Grenze zu Preußen wohnenden Oerlinghausern mitteilen, dass er einen „Kram- und Viehmarkt“ am 17. und 18. Oktober jeden Jahres im Bergdorf am Tönsberg genehmigt hatte und den Schaustellern für zwei Jahre die Standgebühren erließ – was zur „Sicherheit und Bequemlichkeit der Handelsleut erfordert wird“.
Interessant für Oerlinghausen war auch eine Meldung aus dem Jahre 1815, wonach die Windmühle auf dem Tönsberg „nebst eines dazugehörigen Gartens im Pieper“ versteigert werden sollte. Selbst den Preis der Mühle inklusive eines Wohnhauses für den Müller nannten die Intelligenzblätter: „750 Reichsthaler“ plus „80 Reichsthaler für den Garten“. Ebenfalls berichtenswert erschien eine weitere Versteigerung im Haus des Gastwirts Lübbertsmeier (gegenüber der Alexanderkirche) am 8. März 1820: „Allerley baumwollene, seidene und wollene Waaren als Strümpfe, Mützen, Tücher, Cattun, Batist, Mousselin öffentlich meistbietend gegen baare Bezahlung.“
52 Ellen vom Webstuhl geschnitten
Kuriose Diebstähle beschrieb die Redaktion in altertümlichem Schriftdeutsch: „Der Witwe Brune bey dem Colon (Hausbesitzer) Sieveke zu Oetenhausen ist in der verwichenen Nacht ein beynahe vollendetes Stück feine Leinwand, etwa 52 Ellen lang, vom Webstuhl geschnitten und entwendet worden. Die Obrigkeiten werden dienstergebenst ersucht, diese Leinwand nebst verdächtigem Besitzer anhalten zu lassen und dem hiesigen Amte davon Nachricht zu ertheilen.“
Bei Fahndungen nach Verbrechern halfen die Intelligenzblätter ebenfalls. So lieferte die Zeitung im Falle des ausgebrochenen Simon Heinrich Wolf den Lesern noch eine Personenbeschreibung hinterher: „5 Fuß und 3 Zoll groß, starkes, schwarzes, krauses Haar, gewöhnliche Nase, gute Zähne, wobei ein Oberzahn fehlt, gelbliche Gesichtsfarbe. Er trug einen hellbraunen Oberrock, welcher ihm in den Schultern zu groß war, eine weiße, linnene (aus Leinen) Hose und Stiefel.“
In der Rubrik „Vermischte Sachen“ fanden die Leser schon mal Verkaufsanzeigen wie „Die Lippische Stuterei zu Lopshorn verkauft drei gelbe Hengste und drei Wallache .... gegen baare Bezahlung in Golde“.
„Der Mensch wurde von einer fremden Furcht benebelt“
Eine andere Anzeige wandte sich an die Liebhaber von Süßigkeiten: „Aufrichtige holländische Chocolade das Pfund zu 24 Groschen vom Kaufmann Christian Kracht aus Lemgo zu kaufen“. Unter „Gelehrte Sachen“ berichteten die Intelligenzblätter über ein Erdbeben in Lippe am 19. Januar 1767. „Alle Creaturen der lippischen Wohnungen empfanden eine merkliche Veränderung in ihrem Erdboden. Die Häuser fingen an zu weichen, die Erde erhob sich und schien mit einem Zittern einzustürzen. Der Mensch wurde von einer fremden Furcht benebelt.“ Der Autor dieser drastischen Situationsbeschreibung war der Land- und Stadtphysicus Dr. Joh. Erh. Trampel. Er beschloss seinen Artikel mit einer langatmigen, „gelehrten“ Abhandlung über das Wesen von Erdbeben.
Eine rührselige Todesanzeige aus Oerlinghausen spiegelte den Zeitgeist von damals ebenfalls wider: „Morgens um 6 1/2 Uhr entschlief unsere theuerste Mutter, die verwitwete Frau Superintendentin Neubourg zu einem besseren Leben. Nur die festgegründete Hoffnung eines frohen Wiedersehens an dem Orte, wo auf jede Aussaat im Felde christlicher Tugend geerntet wird, kann unseren tief empfundenen Schmerz über ihren Hintritt lindern.“
Belobigung für mutige Hilfe bei Feuersbrünsten
Das bunte kulturgeschichtliche Bild der Lippischen Intelligenzblätter wurde ergänzt durch kurze Mitteilungen aller Art: Belobigungen für mustergültige Bienenzucht, für kunstfertiges Spinnen oder auch für mutige Hilfe bei Feuersbrünsten.
Im Jahre 1843 erschien die letzte Ausgabe der Lippischen Intelligenzblätter. Sie wurden abgelöst vom „Regierungs- und Anzeigenblatt“, das man am neuen Verlagsstandort Detmold druckte. Nach 35 Jahren dann schlug die Geburtsstunde der Lippischen Landeszeitung, heutiger Kooperationspartner der Neuen Westfälischen. Am 2. Januar 1878 liefen die ersten Druckexemplare aus den Maschinen der Firma Gebrüder Klingenberg in Detmold.