Tom Saller lässt Martha tanzen

Karin Prignitz

  • 0
Eckard Hamelmann, Chefarzt der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin am Evangelischen Klinikum Bethel, ist einer der Zuhörer. Hier lässt er sich ein Buch von Autor Tom Saller, der auch Facharzt für Psychotherapie ist, signieren. - © Karin Prignitz
Eckard Hamelmann, Chefarzt der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin am Evangelischen Klinikum Bethel, ist einer der Zuhörer. Hier lässt er sich ein Buch von Autor Tom Saller, der auch Facharzt für Psychotherapie ist, signieren. (© Karin Prignitz)

Oerlinghausen. Ein wenig Spannung, ein wenig Nervenkitzel. Schon vor seiner Lesung im katholischen Gemeindehaus hat Tom Saller diese beiden Komponenten – wohl eher unfreiwillig – mit eingebaut. Um 19.30 Uhr soll die Veranstaltung beginnen. Um 19.15 Uhr sitzen fast alle 80 Besucher auf ihren Plätzen. Nur einer fehlt. Der Autor. Fünf Minuten später fallen Martina Lange „viele Steine vom Herzen", denn „er ist tatsächlich gekommen".

Mit Mantel und Maske strebt Saller zum Vortragstisch. Er platziert sein Buch, schlägt die passende Seite auf, prüft das Mikro, fragt, ob ihn alle hören können und streut schon hier einen kleinen Happen seines feinen Humors ein. Die Lesung mit dem Erfolgsautor aus Wipperfürth bildet den Auftakt der Stadtbuch-Aktion 2021, die gemeinsam vom Förderverein der Stadtbibliothek, der katholischen Bücherei St. Michael und der Buchhandlung Blume veranstaltet wird. Schon im vergangenen Jahr war die Entscheidung gefallen, „Martha tanzt" zum Stadtbuch zu küren, wie Viktoria Affeldt berichtete. Eine wunderbare Geschichte sei das und ebenso wunderbar geschrieben. „Die Verbindung zum Bauhaus in Weimar war so interessant, dass es zwei weitere Veranstaltungen zum Thema geben wird."

Am Freitagabend aber stand Tom Saller im Mittelpunkt und vor allem die Geschichte von Martha. „Schreibe den Roman, den du am liebsten selber lesen willst", das hatte Saller einmal in einem Interview gesagt. Tatsächlich ließ er sich durch seine eigene Familiengeschichte inspirieren, vor allem durch seine Großmutter Hedi. „Das Buch hat einen autobiografischen Kern, alles Drumherum ist Fiktion." Wahrscheinlich, vermutet der 54-Jährige, „würden sich meine Urgroßmutter und meine Großmutter im Grabe umdrehen, wenn sie wüssten, was ich ihnen literarisch untergejubelt habe".

„Die Heldin nach Berlin zu schicken, wäre etwas abgegriffen gewesen", findet Tom Saller. Er schickt sie stattdessen nach Weimar, in eine Stadt also, die so voller Geschichte steckt. Saller selbst war zweimal dort, begann über das einst von Walter Gropius geleitete Bauhaus zu recherchieren. Eine neue Kunstschule, die Leben, Handwerk und Kunst unter einem Dach vereinen sollte. Martha, die die seltene Fähigkeit hat, musikalische Töne als geometrische Figuren zu sehen, studiert dort. Im Buch spielt ihr Skizzenbuch eine entscheidende Rolle. „Leider", sagt Tom Saller in der anschließenden Fragerunde, sei das „komplett frei erfunden".

Die Kunst der kurzen Sätze

Wer das Buch bereits gelesen hat, dem wird die Geradlinigkeit aufgefallen sein. Saller nutzt kurze Sätze ohne jeden Schnörkel. Dass seine Erzählstimme an die eines Therapeuten erinnert, weil sie so ungeheuer beruhigend klingt, ist kein Wunder. Schließlich ist Saller Facharzt für Psychotherapie. Zum Schreiben ist er erst vor einigen Jahren gekommen. „Martha tanzt" war im Jahr 2018 sein Debütroman. In unterschiedlichen Zeitebenen erzählt er das Leben der fiktiven Martha Wetzlaff aus Pommern, die im Jahr 1900 geboren wurde, ein paar Jahre am Bauhaus studierte und nach 1945 in New York als Tanzpädagogin Karriere machte.

„Wie sind Sie auf die geometrischen Figuren gekommen", möchte eine Zuhörerin wissen. „Beim Thema Bauhaus hat sich das angeboten", erklärt Tom Saller. Später erst habe ihn die Wirklichkeit eingeholt, als er darauf stieß, dass einige Menschen die Musik in Farben sehen können. Saller selbst spielt seit 15 Jahren in einer Jazzcombo das Saxophon. Sein Sohn Fabian Saller ist als Singer-Songwriter unterwegs. Das und noch viel mehr erfährt das Publikum. Gleich zu Beginn hat Tom Saller betont: „Ich freue mich enorm, hier zu sein. Es scheint so, als ob meine Bücher in OWL sehr geschätzt werden."

Information
„Zwischen Bauhaus und Bethel" heißt die nächste Veranstaltung der
Stadtbuch-Aktion. Im Mittelpunkt steht am Mittwoch, 10. November, ab
19.30 Uhr im Katholischen Gemeindehaus Bauhauskünstlerin Benita
Koch-Otte. Vorgestellt wird sie von Irene Below und Christine Ruis. Am
Freitag, 12. November, ab 19.30 Uhr wird im AWO-Begegnungszentrum an der
Hauptstraße 48 der Film „Lotte am Bauhaus" gezeigt.

Copyright © Lippische Landes-Zeitung 2022
Inhalte von lz.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.

Kommentare