Ohne diesen Mann hätte der NS-Prozess kaum stattfinden können

Gütersloher Gerontopsychiater Bernd Meißnest im Porträt

Ludger Osterkamp

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Überwacht den Gesundheitszustand des Angeklagten: Bernd Meißnest, Chefarzt der Klinik für Gerontopsychiatrie und Psychotherapie am LWL-Klinikum in Gütersloh. - © Bernhard Preuß
Überwacht den Gesundheitszustand des Angeklagten: Bernd Meißnest, Chefarzt der Klinik für Gerontopsychiatrie und Psychotherapie am LWL-Klinikum in Gütersloh. (© Bernhard Preuß)

Gütersloh. Druck? Eine besondere geschichtliche Verantwortung? Wenn Bernd Meißnest, Chefarzt der Gerontopsychiatrie am LWL-Klinikum in Gütersloh, ein psychiatrisches Gutachten anfertigt, sind solche Kategorien für ihn unerheblich. Ihm geht es immer nur um den Menschen. Selbst wenn es sich dabei um einen ehemaligen Wachmann im Konzentrationslager Auschwitz handelt.

Dieser Wachmann, der ehemalige SS-Unterscharführer Reinhold Hanning, wurde jetzt schuldig befunden, Beihilfe zum Mord in 170.000 Fällen geleistet zu haben. Das Detmolder Landgericht hat ihn zu einer Freiheitsstrafe von fünf Jahren verurteilt. Hanning, wohnhaft im lippischen Lage, ist heute 94 Jahre alt. Und der Gütersloher Arzt Bernd Meißnest war derjenige, der ihn für den Prozess als eingeschränkt verhandlungsfähig erklärt hat. Ohne diese Einschätzung hätte einer der letzten großen NS-Prozesse unserer Zeit, ein Verfahren, das weltweit Beachtung fand, nicht stattgefunden.

„Solche Aspekte muss ich ausblenden", sagt Meißnest. Nicht die geschichtliche Relevanz eines Gutachtens habe ihn zu interessieren, sondern allein dessen inhaltliche Güte. Und daher sei er nicht anders und genauso sorgfältig vorgegangen wie immer – mit dem Ergebnis, dass er Hanning für fähig hielt, dem Prozess zu folgen und ihn durchzustehen.

Mit einer Einschränkung allerdings: Die Prozesstage durften nicht länger als zwei Stunden dauern. Meißnest war stets dabei, wenn das Gericht tagte. Er nahm seinen festen, ihm zugeteilten Platz ein und behielt Hanning stets im Blick. Während des gesamten Verfahrens sah er keine Veranlassung, an seiner ersten Einschätzung etwas zu ändern.

Für Meißnest war es nicht das erste Mal, das er um seine Expertise gebeten wurde. Im Strafrecht, im Betreuungsrecht – oft hängt es von Gutachtern wie ihm ab, inwieweit jemand für schuld- oder steuerfähig erklärt wird. Die Anfrage vom Landgericht Detmold hatte Meißnest im Sommer 2015 erreicht. Das Gericht gab ihm Bedenkzeit – angesichts der Bedeutung des Verfahrens naheliegend.

Meißnest sagte zu. Drei Mal traf er sich mit Hanning, stets in Absprache mit dessen Anwälten. Die Gespräche dauerten gar nicht lange, ein bis zwei Stunden jeweils. Auch Hannings Söhne waren dabei, ein Umstand, den Meißnest aus Erfahrung begrüßt: Vertraute an der Seite zu haben, erleichtere einem Menschen das Sprechen über sich, ebenso eine vertraute Umgebung.

In den Gesprächen sei es in keiner Weise darum gegangen, die Vergangenheit aufzuarbeiten, so der Geronto-psychiater. Ihn interessierte allein der medizinische, psychiatrische Aspekt: Zeigte Hanning Züge von Demenz? Konnte er auf Fragen gezielt antworten? Konnte er dem Geschehen und Themenwechseln folgen? Konnte er sich an frühere Geschehnisse erinnern, auch lange zurückliegende? Verstand er komplizierte Sachverhalte?

Um solche Dinge zu ergründen, geht Meißnest seine Gespräche offen an, zunächst ohne festen Fragenkatalog. Er redet sozusagen über das Wetter, über Freunde, Hobbys oder Ernährungsgewohnheiten, und dabei macht er sich nach und nach ein Bild davon, wie es um Konzentrationsfähigkeit und Abstraktionsvermögen seines Gegenübers bestellt ist, wie um dessen Reflexion und Orientierung.

Die Erkenntnisse aus seinen Gesprächen mit Hanning brachte Meißnest in ein medizinisches Gutachten ein, dessen psychiatrischer Teil 25 Seiten umfasst. Um die anderen Aspekte kümmerten sich die Kollegen anderer Disziplinen: Etwaige Gebrechen, Pflegebedürftigkeit, körperliche Krankheiten, Behinderungen oder die regelmäßige Einnahme von Medikamenten – alles Aspekte, die einen Prozess einschränken oder gar unmöglich machen könnten.

In Neubrandenburg zum Beispiel wurde unlängst, Mitte März, der Prozess gegen einen ehemaligen SS-Sanitäter zum zweiten Mal ausgesetzt: Eine Amtsärztin hatte den 95-jährigen Mecklenburger, der ebenfalls wegen Beihilfe zum Mord angeklagt ist, wegen Bluthochdruck und anderer Leiden für nicht verhandlungsfähig erklärt.

Ob das Urteil vollstreckt wird, Hanning tatsächlich ins Gefängnis geht, ist noch offen. Derzeit läuft eine Frist, in der beide Seiten, Anklage wie Verteidigung, Revision einlegen können – dann ginge die Sache an den Bundesgerichtshof, der sich bereits mit dem Lüneburger Auschwitz-Prozess gegen Oskar Gröning befasst. So oder so hätte am Ende eine Strafvollstreckungskammer über die Haftfähigkeit Hannings zu entscheiden – und dieser Kammer steht es frei, direkt darüber zu entscheiden oder wieder einen Sachverständigen zu beauftragen. Wen auch immer.

Information
Gedenkstätte für NS-Opfer
  • Bernd Meißnest (49) ist am LWL-Klinikum Gütersloh Chefarzt der Klinik für Gerontopsychiatrie und Psychotherapie, Ärztlicher Leiter des Zentrums für Altersmedizin sowie stellvertretender ärztlicher Direktor.

  • Zusammen mit anderen Beteiligten sorgte er dafür, dass das LWL-Klinikum im Oktober 2014 eine Gedenkstätte für die Opfer des Nationalsozialismus einrichtete. Während des Terrorregimes der Nationalsozialisten waren in der damaligen Provinzialheilanstalt 1.017 Psychiatriepatienten als „nicht heilbar" abgestempelt, abtransportiert und systematisch ermordet worden.

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