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Düsseldorf

Lkw werden zu "tonnenschwere Geschossen"

Düsseldorf. Auf der Stirn von NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU) sind tiefe Sorgenfalten zu sehen. Immer häufiger kommt es an Stauenden auf den Autobahnen im Land zu schweren Lkw-Unfällen, immer häufiger enden sie tödlich. Im Jahr 2017 zählte die Polizei 194 Crashs am Ende eines Staus, 44 Prozent mehr als noch vor fünf Jahren. Auch die Zahl der Menschen, die bei solchen Unfällen ums Leben kommen, steigt immer weiter. 2017 waren es schon 16 (vor fünf Jahren: 10), davon 14 bei Lkw-Unfällen.

„Das zeigt, dass der bange Blick in den Rückspiegel am Stauende leider nicht unbegründet ist“, sagte Reul. „Lastwagen können zu tonnenschweren Geschossen werden.“ Dabei ärgert den Minister vor allem, dass die inzwischen vorgeschriebene Notbremstechnik die meisten dieser Unfälle eigentlich verhindern könnte – wenn sie denn von den Lkw-Fahrern nicht so oft ausgeschaltet würde. Weil sie relativ nah am Vordermann im Windschatten fahren wollen oder weil Pkw, wenn sie zwischen den Lkw einscheren, oft harte Bremsmanöver auslösen würden, schalten die Lastwagenfahrer den Brems-Assistenten oft aus, erläuterte Rüdiger Wollgramm, Chef der Verkehrspolizei.
Reul sprach sich für eine europaweite Verschärfung der Vorschriften für Notbremsassistenten aus. „Eine abgeschaltete Notbremstechnik gehört abgeschafft“, sagte Reul.

Eigentlich enthält die NRW-Unfallstatistik, die Reul und Wollgramm präsentierten, auch einige gute Nachrichten: Die Zahl der Verkehrstoten ist um knapp acht Prozent von 524 auf 484 gesunken. Zurück gingen auch die Zahlen bei den Schwerverletzten (-1,8 Prozent auf 13.331) und bei den Leichtverletzten (-2,3 Prozent auf 63.967) zurück.
„Die abgeschaltete Notbremstechnik gehört abgeschafft“
Und dass, obwohl die Zahl der Unfälle selbst – auch wegen der immer höhren Fahrzeugdichte auf den Straßen in NRW – um 2,1 Prozent auf 653.442 stieg.

Doch nicht nur die steigende Zahl der Toten bei den Lkw-Unfällen an den Stauenden wirft dunkle Schatten auf diese an sich positive Entwicklung. Auch die Zahl der Toten bei Motorradunfällen stieg deutlich an – von 75 auf 84. Besorgniserregend ist auch die Entwicklung bei den Unfällen mit E-Bikes. Obwohl die Zahl der getöteten Radfahrer insgesamt von 57 auf 50 zurückging, stieg die Zahl der Toten bei E-Bike-Unfällen innerhalb nur eines Jahres von 12 auf 21. 18 der getöteten E-Bike-Fahrer waren 65 Jahre und älter, 15 sogar älter als 75 Jahre.

„Mit dem ’eingebauten Rückenwind’ wird das natürliche Tempolimit des Radfahrers außer Kraft gesetzt“, sagte Reul. Das könne zu Überforderung und Fehleinschätzung führen. Deshalb sei es für Wieder- und Neueinsteiger wichtig, mit dem E-Bike zu üben und einen Helm zu tragen. Außerdem empfahl Reul die Teilnahme an Fahrtrainings.
Positiv ist die Entwicklung bei den jungen Fahrern. Die Zahl der Toten ging von 78 auf 60 zurück. „Vielleicht sind die Bemühungen um Aufklärung bei den jungen Leuten inzwischen doch erfolgreich.“

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