Porta Westfalica.14 Lehrer unterrichten an der Luther-Schule in Kleinenbremen 80 Schüler. Doch es werden stetig weniger. An Stellenzuweisungen vom Land mangelt es nicht, jedoch an Bewerbern. Schon für den Sommer wird dringend eine Lehrkraft benötigt. In rund vier Jahren beginnt die große Pensionswelle – 40 Prozent des Kollegiums gehen in Rente. Schulleiter Rainer Kachel sieht das mit großer Sorge, denn der Lehrermangel bedroht die Qualität und die Existenz der Schule.
An der Luther-Schule sind die Lehrer mehr als reine Wissensvermittler. Die Schüler haben einen hohen Förderbedarf im Bereich sozial-emotionale Entwicklung. Umso wichtiger ist es, geeignetes Lehrpersonal zu finden. „Überall herrscht Lehrermangel, da sind wir nicht allein", sagt der Schulleiter. Doch während an Regelschulen die staatliche Lehrerversorgung greife, Quereinsteiger Posten füllen und so Zwischenlösungen gefunden würden, gehe die Privatschule leer aus. „Wir dürfen keine Quereinsteiger einstellen", sagt Kachel. Das liegt an der Berufsqualifikation.
Nach einem Referendariat an einer beliebigen Schulform kann aufgesattelt werden. „Vier Fünftel von uns, auch ich, haben das Förderschulstudium berufsbegleitend gemacht", sagt Kachel. Doch dieser Weg sei kaum bekannt.
Förderschulen
haben keine Berechtigung mehr
Die Ausbildung an den Universitäten sei konsequent Richtung Regelschule geprägt, Förderschulen werden kaum behandelt. Eine Lehramtsanwärterin aus Bielefeld berichtet sogar, dass ihr aktiv abgeraten wurde, den Weg einzuschlagen. „Diese Schulform sei Stress und zudem in Zeiten von Inklusion überlebt", sagt sie.
Für Kachel nichts Neues. „Förderschulen haben keine Berechtigung mehr. Sie sind ein Tabuthema", sagt er. Die Referendare, die kommen, müssen sich aktiv um einen Platz bemühen. Den Letzten hatte er vor fünf Jahren, den Vorletzten vor zwölf Jahren. Ein Kollege, der das Referendariat machen wollte, durfte nicht: „Weil er im Regelschulbereich studiert hatte. Dort muss er auch referendieren", weiß Marco Leopold, Vorstand der Stiftung Gotteshütte, zu der die Schule gehört.
Auch wenn die Schulform „vom Image her an die Hölle grenzt", wie Kachel gern lachend sagt, sind die meisten Kollegen seit Jahrzehnten da. Durch die Anbindung an zwei Intensivwohngruppen und Tagesbetreuung ist das Arbeiten nicht mit normalen Förderschulen zu vergleichen. Zwar sei das Dorf nicht Bielefeld, oder gar Köln oder Dortmund. Doch gerade das habe Vorteile. „Die ländliche Atmosphäre kommt den Schülern hier zugute."
Der Beruf hat Zukunft, denn in Kleinenbremen werden die Schüler unterrichtet, die beim gemeinsamen Lernen nicht klarkommen. Das reicht vom „Klassiker mit der großen Schnauze, der gelegentlich zuschlägt", bis hin zu einer zunehmenden Anzahl nicht erzogener Kinder, Schülern mit psychischen Störungen oder traumatisierten Kindern „mit furchtbaren Erfahrungen."
Die Lehrer kennen die Kinder und ihre Geschichten, erstellen gemeinsam mit den Pädagogen der Jugendhilfegruppen die Erziehungskonzepte und können sich so um die Ursache, nicht das Symptom eines Wutausbruches kümmern. „Und genau da liegt der Unterschied. Wir fragen uns, wie wir mit jedem Schüler arbeiten können, was er gerade braucht und können dementsprechend individuell reagieren. Dieses Maß an Individualisierung können Inklusionsschulen nicht leisten", sagt Leopold. An der Luther-Schule werden Absprachen und Regelungen mit dem Ziel getroffen, jeden Schüler so bald wie möglich, idealerweise am selben Tag, wieder in den Unterricht zu integrieren.
Solche individuellen Modelle fordern auch immer mehr Eltern ein, deren Kinder in Regelschulen inkludiert werden. Dort gehen viele Schüler unter, werden zu Problemen und vom Unterricht suspendiert. „Bei uns machen die meisten einen ordentlichen Hauptschulabschluss." Bis jetzt. „Wenn es keine Lehrkräfte mehr gibt, blutet das Förderschulsystem aus", sagt Kachel.
Stipendien sollen Stellen füllen
Um gegen den Mangel zu arbeiten, setzt Schulleiter Rainer Kachel seit Jahren auf Mund-zu-Mund-Propaganda. Gern bietet er Interessierten und auch ganzen Studienseminaren die Möglichkeit, an der Schule zu hospitieren. Nun möchte die Stiftung Stipendien für ein Förderschul-Studium vergeben. Bis die ersten Studenten fertig wären, würde es aber mindestens vier bis fünf Jahre dauern – zu lange, um die Lücken zu füllen. Auch in Fachpublikationen informieren die Lehrer immer wieder über besondere Projekte und hoffen so, auf die Schule aufmerksam zu machen – bisher erfolglos.