Mit dem Latein am Ende? Wieso es sich lohnt, eine "tote Sprache" zu lernen

Katharina Thiel

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Carpe diem - nutze den Tag! Dieses lateinische Sprichwort kennt wohl fast jeder.  - © Symbolbild: Pixabay
Carpe diem - nutze den Tag! Dieses lateinische Sprichwort kennt wohl fast jeder.  (© Symbolbild: Pixabay)

Bielefeld. Lateinunterricht bedeutet für viele vor allem stumpfes Auswendiglernen, Geschichten über alte Männer in Rom und niemanden, mit dem in der "toten Sprache" gesprochen werden kann. Was aber, wenn in einer Quizsendung der Hauptgewinn von der folgenden Frage abhängt: Welche Insel leitet ihren Namen von dem dort vorkommenden Kupfer ab? Der Lateiner dürfte damit kein Problem haben, auch wenn er die Antwort zuvor nicht wusste. Denn der lateinische Name "cuprum" ist abgeleitet von "(aes) cyprium" und bedeutet "Erz von der griechischen Insel Zypern".

In einer aktuellen Studie über den Nutzen von Lateinunterricht kommt der deutsche Soziologe Jürgen Gerhards allerdings zu dem Schluss, dass es heutzutage nur wenig Sinn mache, Latein zu lernen. "Kein kommunikativer Nutzen", heißt es dort. Außerdem handele es sich bei den mit Latein in Verbindung gebrachten Vorteilen wie besseres Grammatik- und allgemeines Sprachverständnis um eine Illusion, die "in allen Bildungsgruppen wirksam ist, doch besonders von den Hochgebildeten vertreten wird."

"Brücke zur Mehrsprachigkeit"

Dem widerspricht Lore Benz, Professorin an der Universität Bielefeld. "Dass das Erlernen der lateinischen Sprache das analytische Denken schult und grundsätzlich hilft, ein vertieftes Verständnis für Grammatik zu entwickeln, ist ein bekannter Fakt", sagt sie. Zudem bilde Latein eine "Brücke zur europäischen Mehrsprachigkeit", was das Erlernen von Fremdsprachen erleichtert. Ein Projekt der Humboldt-Universität Berlin habe sogar belegt, dass Schüler mit Migrationshintergrund besser Deutsch lernen können, wenn sie Latein-Kenntnisse haben.

Benz begleitet aktuell rund 120 Latein-Studierende in Bielefeld. Das kleine Latinum ist dort Teil des Lehramts-Studiums in den Fächern Geschichte und Philosophie. Dazu kann Latein als Bachelor-Nebenfach studiert werden, was in Kombination mit dem Master ein volles Lehramts-Studium ergibt. Dabei falle auf, dass sich "Studierende bewusst und zielgenau für das Fach entscheiden", sagt Benz. Aus einer Laune heraus fange niemand damit an.

Moderner Unterricht

"Die Liebe zu Latein war eine Liebe auf den zweiten Blick", sagt Bernadette Schmidt. Die 31-Jährige unterrichtet Latein an einem Gymnasium im Kreis Gütersloh. In der Schule sei sie nicht sonderlich erfolgreich gewesen, habe die Sprache an der Universität jedoch wieder für sich entdeckt. "Das habe ich noch keinen einzigen Tag bereut", sagt sie. An ihrer Schule habe der Lateinunterricht nichts mit "trocken, verstaubt und langweilig" zu tun. "Vielmehr geht es darum, zu verstehen, was eine Sprache ausmacht. Und zwar nicht irgendeine Sprache, sondern die Sprache, die unsere europäische Kultur und Identität geprägt hat wie keine andere. Ich habe es mir zur Aufgabe gemacht, stets die Schüler zum Mittelpunkt des Unterrichts zu machen. Bei allem, was wir machen, fragen wir nach einem gewissen Nutzen", sagt sie.

Auch Lore Benz betont diesen Aspekt: "Latein ist nicht nur eine Philologie. Vielmehr ist das Fach ein enorm breit aufgestellter Vermittler von geistes- und kulturwissenschaftlichen Inhalten: Die lateinischen Texte behandeln kulturelle, geistige, mediale, soziale, historische, politische und religiöse Fragen und regen zur Reflexion der eigenen Lebenswirklichkeit an", sagt sie. Viele der aktuellen Fragestellungen, etwa der Umgang mit Migration oder die Frage nach der Bedeutung von Religion, haben auch in der römischen Antike schon bestanden. "So stellt sich die Frage, warum man heute dieses Wissen in der Regel nicht berücksichtigt und meint, das Rad immer wieder neu erfinden zu müssen", sagt Benz.

Noch kein Lehrer-Mangel in OWL

Der moderne Latein-Unterricht habe dieses Potenzial erkannt, so Benz. "Über die Inhalte gelingt es fast spielend, die Schüler für die römische Antike zu begeistern", sagt sie. Schmidt bestätigt, dass nicht nur junge, sondern auch sehr erfahrene Kollegen an den neusten didaktischen Methoden interessiert seien. So könne durchaus auch für Nachwuchs im Kollegium gesorgt werden. Denn obwohl es aktuell in OWL keinen Mangel an Lateinlehrern gebe, könne sich das durch Pensionierungswellen wieder ändern, so Benz.

Ausstellung "Die Sprache Europas"

Dass die Sprache Latein heute noch längst nicht am Ende ist, soll 2021 eine Ausstellung des LWL-Landesmuseums für Klosterkultur in Lichtenau-Dalheim (Kreis Paderborn) zeigen. Unter dem Arbeitstitel "Latein. Die Sprache Europas" wird die Sonderausstellung auf insgesamt 600 Quadratmetern der Geschichte des Lateinischen nachgehen und fragen, welche Bedeutung Europas Sprache
heute noch hat.

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