Urteil nach Bluttat in Borgholzhausen: "Heike M. ist ohne Zweifel geisteskrank"

Andreas Großpietsch

Die Beschuldigte mit Verteidiger Burkhard Menne im Landgercht Bielefeld. - © Andreas Großpietsch
Die Beschuldigte mit Verteidiger Burkhard Menne im Landgercht Bielefeld. (© Andreas Großpietsch)

Borgholzhausen/Bielefeld. Es waren nur 20 Minuten, die der Vorsitzende Richter am Donnerstag für die Begründung des Urteils brauchte – einschließlich der Erklärung möglicher Rechtsmittel, die der Beschuldigten jetzt noch bleiben. Diese Zeit brachte allerdings Klarheit in viele Aspekte der Bluttat am Uekenbrink, der die 86-jährige Evelyn W. am 7. Juni des vergangenen Jahres zum Opfer gefallen ist.

Verstehen kann man die Tat natürlich trotzdem nicht. Die Gutachter sprechen von langjährigem schweren Verfolgungswahn und einer paranoiden Schizophrenie, erklärt Dr. Zimmermann. Für das Gericht steht fest, dass Evelyn W. von ihrer Nachbarin gewaltsam getötet wurde. Nahe Angehörige der Beschuldigten zeigten sich nach der Urteilsverkündung keineswegs vollständig überzeugt davon, dass Heike M. die Tat begangen hat.

Nahe Verwandte bezweifeln, dass Heike M. ihre Nachbarin getötet hat

Sie räumten allerdings ein, dass es sich bei ihren Zweifeln vor allem um eine gefühlsmäßige Einschätzung handele. Auch zeigen sie sich in nachvollziehbarer Weise loyal gegenüber einer Frau, die bis zuletzt die Tat bestritten hat. Bei vielen Punkten der Beweisaufnahme waren die Verwandten ebenso wie der Rest der Öffentlichkeit ausgeschlossen.

Und da Staatsanwalt Veit Walter von Anfang an die Unterbringung der Beschuldigten in einem psychiatrischen Krankenhaus als Ziel seiner Bemühungen angegeben hatte, wurden einzelne Aspekte der Beweisführung meist ohne lange Diskussion zwischen Staatsanwaltschaft und Verteidigung abgehandelt.

Spuren sprechen eindeutige Sprache

Der Richter wies in seiner Urteilsbegründung darauf hin, dass es eine Vielzahl von Spuren gebe, die eine eindeutige Sprache sprächen. Während die Beschuldigte vor Gericht weitgehend geschwiegen hatte, versuchte sie in den Vernehmungen der Polizei, den Verdacht von sich abzulenken.

Der von ihr als besonders verdächtig bezeichnete junge Mann wohnt ebenfalls in Borgholzhausen und war auch hin und wieder in der Wohnanlage, in der Evelyn W. getötet wurde. Kontakte zum Opfer hatte er allerdings nicht, ist das Gericht überzeugt. Außerdem verfügt er über ein „perfektes Alibi", weil er nachweislich während der Tatzeit an seinem Arbeitsplatz in Versmold gewesen sei.

Jahrelang unter Verfolgungswahn gelitten?

In der Wohnung der Getöteten fanden sich ausschließlich Spuren von Evelyn W. – und von der Beschuldigten Heike M., erklärte der Richter.Dazu gehören Fingerabdrücke und auch DNA-Spuren, deren Bedeutung die Beschuldigte in den Vernehmungen der Polizei durch wenig überzeugende Erklärungen zu entkräften suchte. Dazu zählt ein Handabdruck von ihr unmittelbar neben der Leiche im Flur, aber auch DNA-Spuren der Beschuldigten unter den Fingernägeln des Opfers. Richter Zimmermann verwies auf eine Vielzahl weiterer Spuren. Jede einzelne könnte zumindest theoretisch eine andere Erklärung haben, doch in ihrer Gesamtheit sei kein Zweifel möglich.

Die Verwandten räumen ein, dass Heike M. seit Jahren unter schwerem Verfolgungswahn gelitten hat. Eine Behandlung habe sie aber stets abgelehnt. Dr. Zimmermann nannte mehrere Beispiele für das Ausmaß ihrer Wahnvorstellungen. So sei die Beschuldigte davon überzeugt, dass ihr Arzt ihr absichtlich Schmerzen zugefügt habe und dass sie von einer Gruppe unbekannter Männer verfolgt werde.

Ihr geistiger Zustand wird jährlich überprüft

Das Gericht entschied, dass die gegenwärtige Unterbringung beibehalten wird. Heike M. wird dort behandelt und ihr geistiger Zustand wird jährlich überprüft. Käme sie frei, weil die Gutachter sie nicht mehr für gefährlich hielten, müsste sie nicht noch einmal wegen der Tötung von Evelyn W. vor Gericht stehen. Innerhalb der nächsten Wochen kann allerdings gegen das Urteil des Landgerichts Bielefeld auch noch Revision eingelegt werden.

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