Solidarität mit Hanau: Spontane Demonstration vor Bielefelder Rathaus

Stefan Becker

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Spontandemo vor dem Bielefelder Rathaus. - © Stefan Becker
Spontandemo vor dem Bielefelder Rathaus. (© Stefan Becker)

Bielefeld. Als Reaktion auf die Morde von Hanau zeigt sich Bielefeld solidarisch: Das kosmopolitische Bündnis "Wir sind mehr" ruft auf zur Demonstration vor dem Rathaus am frühen Donnerstagabend um 18 Uhr. "Kommt zahlreich vorbei - gedenkt der Opfer und setzt ein Zeichen gegen Rechtsradikalismus", schreiben die Veranstalter in ihrem Facebook-Post. Laut Polizei seien für die Veranstaltung 50 Personen angemeldet worden. Die Behörde geht allerdings von einer wesentlich größeren Teilnehmerzahl aus.

Zum Beginn der Veranstaltung bittet Murisa Adilovic um eine Schweigeminute für die Opfer. Sie spricht von der neuen Dimension des Hasses in den vergangenen Monaten und Jahren und der Salonfähigkeit rechter Parolen innerhalb der Gesellschaft. Es sei endlich an der Zeit, sich ernsthaft mit den Ursachen des Rassismus zu beschäftigen und nicht länger allein mit den Symptomen.

Mittlerweile füllte sich der Platz vor dem Rathaus weiter und die Polizei schätzte ungefähr 250 Teilnehmer.

Die stellvertretende Vorsitzende des Bielefelder Integrationsrates übergab das Mikrofon an Schahina Gambir von den Grünen. Die Sprecherin des Vorstandes wendete sich vehement dagegen, solche und ähnliche Taten als fremdenfeindlich zu bezeichnen, da die Opfer keine Fremden seien: "Das Wort heißt Rassismus!"

Sie wolle in ihrem kurzen Statement den Getöteten ein Gesicht und einen Namen geben, an deren Familien und ungelebte Träume erinnern - leider werde in vielen Medien lieber über die Psyche des Täters spekuliert. Ihre Botschaft solle lauten, dem rechten Gedankengut entgegenzutreten, besonders im Internet, um eine Atmosphäre des Mitgefühls und Zusammenhalts in der Gesellschaft zu schaffen.

Bezirksvertretung unterbricht Sitzung

Die Mitglieder der Bezirksvertretung Mitte unterbrachen ebenfalls ihre Sitzung im Rathaus und stellten sich für rund zehn Minuten vor die Tür zu den Demonstranten. Dann ging es zurück zur politischen Arbeit.

Draußen sprach währenddessen Jasmin Wahl-Schwentker von der FDP. Sie nannte die Morde von Hanau widerlich und appellierte daran, dass sich die Demokraten im Land durch solche Taten nicht auseinander dividieren lassen dürfen. Auch titulierte sie die rechten Terroristen als "Braune Armee Fraktion", gegen die alle Demokraten zusammen stehen müssen. Eine kleine Schar von Demonstranten ließ es sich jedoch nicht nehmen und attackierte die Ratsfrau verbal wegen des Verhaltens ihrer Partei bei der Wahl des  Ministerpräsidenten in Thüringen.

Auch der Ton-Techniker meldete sich bei der Gelegenheit zu Wort und schimpfte auf die Liberalen. Jasmin Wahl-Schwentker trug die harsche Kritik mit Fassung, ignorierte ihrerseits aus der Menge gerufene Beleidigungen. Zurück zur Gesprächskultur ging es dann mit Klaus Rees vom Bündnis gegen Rechts. Er plädierte für ein stärkeres und mutigeres Auftreten der Zivilgesellschaft angesichts der zunehmenden Gefahr von rechts.

Er forderte ebenfalls, dass endlich die Ursachen für solche Taten in den Fokus gelangen und dann entsprechend bekämpft werden - die Aufarbeitung blieb bisher jedoch durchweg oberflächlich. "Lasst uns laut bleiben und auf die Straße gehen", schloss Rees seine Rede und warb damit zugleich für die Demonstration am Freitag um 17 Uhr.

Zudem gebe es noch eine zweite Anmeldung für eine Demonstration an gleicher Stelle und zur gleichen Zeit. Allerdings planten die Veranstalter neben dem Gedenken am Rathaus auch einen Protest-Zug durch die Innenstadt. Dessen Route verlief von der Rathausstraße über den Alten Markt und die Niedernstraße zum Jahnplatz und von dort via Friedrich-Ebert-Straße zur Abschlusskundgebung auf den Kesselbrink.

Auch die Stadt reagierte auf das schreckliche Ereignis, allerdings symbolisch: Vor dem Rathaus hingen die Fahnen von Europa, Deutschland und NRW auf Halbmast zum Zeichen der Trauer. Und die sonst ab abends angestrahlte Sparrenburg bleibt in der Nacht zum Freitag dunkel. Oberbürgermeister Pit Clausen erklärte warum:


Ob der geplante Demonstrationszug durch die Innenstadt den Verkehr beeinträchtigt, konnte die Polizei mangels Kenntnis der Strecke noch nicht sagen. MoBiel geht bisher davon aus, dass der Bus- und Bahnverkehr nicht beeinträchtigt wird.

2. Demo am Freitag

Am späten Freitagnachmittag um 17 Uhr wird es eine weitere Demonstration in der Innenstadt wegen der Morde von Hanau geben: Das "Bündnis gegen Rechts" nennt den Hauptbahnhof als Treffpunkt. Von dort führt die Demo bis zum Rathaus, wo die Abschlusskundgebung stattfinden soll.

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