Trotz Öffnungen: Hälfte der Firmen im Gastgewerbe noch in Existenznot

Martin Krause

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Leere Stühle im Biergarten. - © Symbolbild: Pixabay
Leere Stühle im Biergarten. (© Symbolbild: Pixabay)

Bielefeld. Andreas Büscher mag den Teufel nicht an die Wand malen. Auf die Frage, ob es tatsächlich ein großes Sterben von Gaststätten, Restaurants und Hotels geben wird, antwortet der sonst um keine Antwort verlegene Präsident des Hotel- und Gaststättenverbandes (Dehoga) Ostwestfalen ausweichend: „Es gibt Licht am Ende des Tunnels, aber mit der zunehmend möglichen Wiedereröffnung sind wir noch nicht über den Berg".

Alles hänge nun davon ab, wie sich die Corona-Inzidenzen weiter entwickeln. Ob sie überall so weit fallen, dass die Testpflicht wegfällt, die etwa in Bielefeld und dem Kreis Gütersloh derzeit auch für die Außengastronomie noch gilt. Ob die Öffnung dauerhaft ist. Oder ob eine vierte Welle droht. Und ob es weiterhin finanzielle Unterstützung von Bund und Land gibt: „Ohne die Coronahilfen würde es 80 Prozent der Betriebe unserer Branche sicher nicht mehr geben – unseren auch nicht", räumt der Hotelier aus dem Bielefelder Stadtteil Quelle ein. Doch die Hilfe müsse noch weitergehen: „Denn viele Gastronomen haben ihre Reserven aufgebraucht." Ihnen steht eine Zitterpartie ins Haus.

"Viele Arbeitskräfte haben sich anderweitig orientiert"

Wer in diesen Tagen durch die Städte der Region geht, mag sich wundern, dass manches Restaurant und manche Gaststätte noch nicht geöffnet ist. Vorboten einer bevorstehenden Geschäftsaufgabe? Nicht unbedingt, glaubt Büscher. Vor allem für Kneipen ohne große Außenterrasse rechne sich die Öffnung nicht, solange die Gäste nicht im Haus bewirtet werden dürfen. Das unbeständige Wetter beschere aber selbst denen, die ausreichend Platz im Freien haben, zusätzliche Risiken.

Ein weiteres Problem ergebe sich durch den langen Lockdown: „Viele Arbeitskräfte haben sich nach sieben Monaten inzwischen anderweitig orientiert", weiß Büscher. Die Reaktivierung des Personals sei ein Problem. Dabei sei die Branche vor allem auf Aushilfskräfte angewiesen – doch die hätten in vielen Fällen inzwischen Jobs in ganz anderen Branchen gefunden.

Dehoga fordert Verlängerung der Überbrückungshilfen

Büschers Skepsis deckt sich mit den düsteren Ergebnissen aktueller Branchenumfragen. Eine „desaströse" Beurteilung der Geschäftslage im Gast- und Reisegewerbe hatte im Frühjahr bereits Holger Piening diagnostiziert, der Vorsitzende des Dienstleisterausschusses der Industrie- und Handelskammer Ostwestfalen.

Vom Dehoga-Bundesverband heißt es nun, die Freude über die angelaufene Wiedereröffnung sei zwar groß, doch die existenzielle Not sei weiter groß – noch immer bangten 45,6 Prozent der Betriebe um ihre Existenz. Im Januar waren es sogar 75,5 Prozent. Im Mai 2021 habe das Gastgewerbe trotz des Neustarts Umsatzeinbußen von 67,8 Prozent gegenüber Mai 2019 hinnehmen müssen.

Dehoga–Deutschland-Chef Guido Zöllick fordert daher eine Verlängerung der Überbrückungshilfe III bis zum Jahresende für alle Betriebe, „die noch nicht öffnen dürfen beziehungsweise weiter Umsatzeinbußen von 30 Prozent und mehr zu verkraften haben". Besonders betroffen seien die Stadt- und Tagungshotellerie und der Bereich der Eventgastronomie, Bars und Discos, „da Veranstaltungen nur unter hohen Auflagen und mit Teilnehmerbegrenzungen durchgeführt werden können."

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Hotelkette Maritim trennt sich von Standorten

Zu den Unternehmen des Gastgewerbes, die durch den langanhaltenden bundesweiten Lockdown schwer getroffen wurden, gehört die Hotelkette Maritim mit Sitz im lippischen Bad Salzuflen. Mitinhaberin und Aufsichtsrats-Chefin Monika Gommolla hatte die Branche im April mit der Ankündigung aufgeschreckt, dass „Hotel-Notverkäufe" notwendig seien, um das Überleben zu sichern. Welche Standorte konkret betroffen sind, teilte sie damals nicht mit.

Einzelne Standortaufgaben sind bekannt: So berichtete jüngst die WAZ, das Maritim-Hotel in der Innenstadt von Gelsenkirchen (222 Zimmer) werde zum 1. August den Besitzer wechseln und künftig von der Plaza-Gruppe betrieben. Auch das Personal werde übernommen.
Der Onlinedienst nordbayern.de (Nürnberger Nachrichten) hatte im Januar gemeldet, das Maritim in Nürnberg (316 Zimmer) schließe zum 31. August 2021. Der Pachtvertrag sei ausgelaufen, die Immobilie sei für 61 Millionen Euro an einen schwedischen Investor verkauft worden.
Bereits zum 31. Dezember trennte sich die Maritim-Kette wegen der Coronakrise von ihrem Kongresshotel in Berlin mit 505 Zimmern. Das Kongressgeschäft war wegen Corona fast komplett ausgefallen.

Die Kette mit zuletzt rund 5.000 Mitarbeitern und etwa 40 Hotels in Deutschland und im Ausland habe in der Pandemie einen Liquiditätsverlust von 140 Millionen Euro verkraften müssen, so das Unternehmen.

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