Bielefeld. Täglich laufen hunderte Kunden an ihm vorbei - doch lange bemerkt ihn niemand. Vor einigen Wochen dann schaut ein Bielefelder doch genauer hin. Seit vielen Jahren unterhält ein Gartencenter im Bielefelder Süden ein großes Aquarium im Verkaufsraum. Kurz hinter dem Eingang steht es zwischen den Pflanzen und Töpfen. Zuletzt hat die Anlage wahrscheinlich niemand mehr wirklich wahrgenommen. Denn das Aquarium hat seine gepflegten Tage schon länger hinter sich. Seit Jahren lebt hier ein Stör. Störe sind urtümlich anmutende Knochenfische. Manche Unterarten werden meterlang und über eine Tonne schwer. Das Tier im Bielefelder Gartencenter ist auch stattlich, aber lange nicht so ein Riese. Blaugrau gefärbt mit typischer, spitzer Schnauze dreht er seine Runden, flankiert von zwei Goldfischen. Bei genauerem Hinsehen jedoch fällt auf, dass der rustikal anmutende Fisch noch viel knöchriger aussieht, als man es von Stören kennt. "Irgendwas stimmt da nicht", dachte sich vor einigen Wochen ein Bielefelder beim Gartencenter-Besuch und machte einige Fotos des Tieres. Doch niemand, dem er die Bilder zeigte, wagte eine Diagnose. Dann geht alles plötzlich ganz schnell Als Tierärztin Susanne Schepers in Rheda-Wiedenbrück die Fotos in die Hände bekommt, geht plötzlich alles ganz schnell. Die besondere Expertise deren Behandlungsspektrums der Praxis liegt in der tiermedizinischen Versorgung von Reptilien, Vögeln und Fischen. Und der Expertin reicht ein Blick. Ihre Diagnose: Der Fisch ist völlig unterernährt. Sofort schaltet Schepers das Bielefelder Veterinäramt ein. Das ist am 18. Januar. Am 19. Januar um 14.40 Uhr steht das Veterinäramt auf der Matte. Zur "Tierhaltungskontrolle bezüglich der Aquariumshaltung zweier Störe". Den zweiten Fisch hatte der aufmerksame Kunde bei seinem Besuch seinerzeit gar nicht bemerkt. Im Vergleich sei eines der Tiere "mit einem mäßigen Ernährungszustand" aufgefallen. Seitens des Gartencenters hatte man dem Amt mitgeteilt, bereits die Ernährung des Fisches umgestellt zu haben. Offenbar hatte dies jedoch keinen Einfluss auf den Zustand des Tieres. Beide Störe seien aktuell noch vor Ort. Sie sollen aber laut dem Veterinäramt im Frühjahr bei stabileren Wetterverhältnissen in einen Teich umsiedeln - in der Hoffnung, dass das abgemagerte Tier sich hier erholt. Das Gartencenter äußerte sich auf Anfrage nicht. "Von liebenswert bis egal" Ein Kommentar von Alexandra Buck Was wäre das Geschrei groß gewesen, hätte im Gartencenter ein dürres Hundchen in einem Verschlag gesessen. Aber ein Fisch? In der Zuneigungsskala bezogen auf die Tiere unseres Planeten herrscht ein klares Gefälle von liebenswert bis relativ wurscht. Ganz unten finden wir das sogenannte Nutzvieh, mit dem hierzulande bekanntlich nicht gerade zimperlich umgegangen wird. Eine Spezies, der ebenfalls immenses leid angetan wird, haben die meisten gar nicht auf dem Zettel: Fische. Viele werden in der Natur eingefangen und in Massen transportiert. Auf dem Weg sind die Fische eng zusammengepfercht, bekommen oft zu wenig Nahrung. Die Welternährungsorganisation FAO und das Umweltprogramm der Vereinten Nationen (UNEP) schätzen, dass bis zu 80 Prozent (!) der wild gefangenen Fische beim Fang und Transport bis ins Aquarium sterben - an Unterernährung oder Stress. Die meisten hier gehandelten Störe indes sind in Aquakulturen gezüchtet. Doch wenn sie Pech haben, landen sie in Aquarien wie dem in Bielefeld. Ein Tier, das in der Natur weite Strecken zurücklegt. Das lange Fließgewässer braucht und in Gefangenschaft auf so engem Raum nichts verloren hat, vegetiert hier einsam vor sich hin. Als abgemagerter, lebendiger Deko-Artikel. Hoffentlich lässt man die Pflanzen nicht so im Stich.