Abu Dhabi/Düsseldorf. Als die Kameras laufen, beginnt sein Auftritt: Hendrik Wüst steigt die neun gelben Treppenstufen hinauf, um auf den grauen Tornado zu gelangen. Oben angekommen, steht der NRW-Ministerpräsident etwas unbeholfen auf dem Seitenteil des Kampfflugzeugs, um einen Blick in das Cockpit zu werfen. Wüsts Botschaft an diesem Abend in der Wüste von Abu Dhabi ist dennoch klar: Ich stehe zum Militär – und will es stärken. NRW macht Ernst mit der Zeitenwende. „Unsere Demokratie, man muss es leider so sagen, muss auch verteidigt werden in diesen Zeiten. Und dazu wollen wir auch hier einen Beitrag leisten. Wir machen das nicht verschämt, sondern sehr, sehr klar und mit offenem Visier“, sagt Wüst wenig später in die Kameras. Das ist bemerkenswert. Wüst, der nicht dafür bekannt ist, kontroverse Debatten zu setzen, die ihm auf die Füße fallen könnten, spricht in diesem Moment ein stark polarisierendes Thema an, indem er offen ankündigt, die Verteidigungsfähigkeiten zu stärken – und mit ihr Waffen und Soldaten. Aufrüstung wird für NRW konkrete Folgen haben Vielleicht ist es in großen Teilen der deutschen Gesellschaft noch nicht angekommen, was es bedeuten wird, dass sich Europa dazu entschlossen hat, massiv aufzurüsten. Drohnen, Panzer, U-Boote, Cybersicherheit, Flieger: All die müssen irgendwo herkommen – und produziert werden. Kasernen müssen ertüchtigt werden, um Soldaten unterbringen zu können. Erst recht, wenn das passiert, wonach es inzwischen aussieht: „Wenn die USA sich zurückziehen, steigt der Druck auf uns, unseren Job zu machen, unseren Beitrag zu leisten zur Bündnisverteidigung“, sagte Wüst schon zu Jahresbeginn. Im Land sind aktuell mehr als 20.000 Soldaten stationiert, es werden rund 12.000 zivile Mitarbeiter beschäftigt und 25 Bundeswehrstandorte beheimatet, zum Beispiel in Augustdorf, Minden und Höxter. Zuständig für die Unterbringung ist auch das Land. „Der Bund baut und saniert nicht selbst für die Bundeswehr. Das machen wir. Und das ist eine große Herausforderung“, sagt Wüst und kündigt an, dass in den kommenden vier Jahren die Mittel für den militärischen Bundesbau allein in Nordrhein-Westfalen um fast 300 Prozent steigen werden sollen. Kasernen sollen künftig weitaus schneller gebaut werden, durch eine sogenannte Modulbauweise. Bislang gelten die landesrechtlichen Vorschriften im Baurecht nämlich auch für die Bundeswehr. Das Land prüft deshalb aktuell weitere Erleichterungen für Militäranlagen und Anlagen des Zivil- und Katastrophenschutzes. Das Thema habe über viele Jahre „keine Rolle gespielt“, moniert Wüst. NRW soll bei Rüstungsindustrie zentrale Rolle spielen Was bedeutet das nun für die Städte und Gemeinden in NRW? Was passiert mit Militärflächen, die eigentlich anderweitig genutzt werden sollten, zum Beispiel als Gewerbegebiete, die jetzt aber wohl doch wieder für die militärische Nutzung vorgehalten werden sollen – so wie aktuell in Gütersloh der Fall? Wie konkret wird die Zeitenwende vor Ort? Experten halten NRW beim Aufbau einer Rüstungsindustrie geradezu für prädestiniert. „Mit Blick auf die geografische Lage von NRW im Herzen Europas ergibt es einfach sehr viel Sinn, NRW zur industriellen Basis der Zeitenwende zu machen“, sagt Wolfram Diener. Der Vorsitzende der Messe Düsseldorf erkennt darin einen Sektor, der aktuell starke Nachfrage erfahre – und der Arbeitsplätze schaffe und sichere. „Das hätte also auch volkswirtschaftliche Auswirkungen. Das ist eindeutig eine Infrastruktur-Maßnahme.“ Diener versucht jetzt, eine große Rüstungsmesse nach NRW zu holen. „Wir sind dazu im Gespräch mit der Messe Essen, um ein Format einzurichten, das an beiden Standorten spielen würde“, sagt der Messe-Geschäftsführer im Gespräch mit dieser Redaktion. „Wir könnten uns in Düsseldorf eine Messe vorstellen, die die Segmente Luft, Wasser und Land abdeckt. Wir bilden die gesamte Wertschöpfungskette ab. Möglich wären mehrere Hundert Aussteller in mehreren Hallen.“ Das hänge aber alles stark vom Willen der Politik ab. Diener wolle nun „alles mir Mögliche“ mobilisieren, um solch eine Messe nach NRW zu holen. Dann könnte das Format im Februar 2026 stattfinden. „Die Tür in Düsseldorf steht dafür offen.“ Umsatz von Rheinmetall steigt auf rund zehn Milliarden Euro Das Geld mit und durch Rüstung sprudelt schon jetzt. In Deutschland sitzen wichtige Rüstungsunternehmen wie MBDA, Diehl, Renk, KNDS, Thyssenkrupp Marine Systems und Rheinmetall. In dem Düsseldorfer Konzern dürften sie ihr Glück gerade kaum fassen können. Das Unternehmen gab kürzlich ein Umsatzwachstum von 36 Prozent zum Vorjahr bekannt – auf knapp zehn Milliarden Euro. Für das nächste Jahr werde eine erneute Steigerung um bis zu 30 Prozent erwartet. Rheinmetall-Chef Armin Pappberger rechnet damit, dass in den nächsten zwei Jahren rund 8.000 neue Stellen geschaffen werden. Der Konzern plant, mehrere zivile Produktionsstätten auf Rüstung umzustellen. .responsive23-j1gUu7KvMhPLfY3m-ttc-linechart-rheinmetall-aktie-stand-4-3-25 { width: 100%; padding-top: 100%; } @media (max-width: 600px) { .responsive23-j1gUu7KvMhPLfY3m-ttc-linechart-rheinmetall-aktie-stand-4-3-25 { padding-top: 100%; } } @media (max-width: 360px) { .responsive23-j1gUu7KvMhPLfY3m-ttc-linechart-rheinmetall-aktie-stand-4-3-25 { padding-top: 142.86%; } } In Weeze, ganz im Westen des Landes, bauen Deutsche und Amerikaner schon in diesem Jahr gemeinsam Teile des Kampfflugzeugs F35; Wüst spricht von einer „richtungsweisenden“ Kooperation. Die ersten Auslieferungen aus der Fabrik, die vom Bielefelder Unternehmen Goldbeck gebaut wurde, sollen Ende 2026 erfolgen. NRW wird industrielle Basis der Zeitenwende NRW macht sich also gerade in mehreren Bereichen auf, industrielle Basis der Zeitenwende zu werden. Wüsts Truppen-Kurz-Besuch in der Wüste von Abu Dhabi kommt jedenfalls gut an. Die Soldaten des taktischen Luftwaffengeschwaders 33 aus Büchel in Rheinland-Pfalz, die in der Golf-Region derzeit an einer internationalen Tornado-Übung teilnehmen, sind von Wüst und dem großen Presseauflauf beeindruckt. Sie freuen sich über das Interesse und die Wertschätzung. Zum Schluss wird es dann nochmal kurz persönlich. Ob er heute als junger Mann noch einmal zur Bundeswehr gehen würde, fragt ein Journalist Wüst auf der Flieger-Landebahn. „Na ja, ich bin gemustert worden, ich bin dann irgendwann auch ausgemustert worden“, räumt Wüst ein, sagt dann aber dennoch: „Selbstverständlich würde ich heute auch wieder zur Bundeswehr gehen, völlig klar.“