Bielefeld. Sie sind auf der Suche nach Wahrheit. Und einer besseren Zukunft. Sie freuen sich, vielleicht eine neue Gemeinschaft mit Gleichgesinnten zu gründen. Das schreiben Jürgen und Michaela aus Detmold im August 2023 in eine Telegram-Gruppe, die zur „Reichsbürger“-Organisation „Königreich Deutschland“ (KRD) gehört. Aus ihren Zielen und Wünschen wird aber nichts. Denn der Verein ist seit Dienstag verboten. Jürgen und Michaela sind derweil nicht die einzigen Anhänger aus OWL. Das „Königreich Deutschland“ wurde 2012 gegründet und ist mit der Zeit zu einer der bedeutendsten Gruppierungen in der Szene der „Reichsbürger und Selbstverwalter“ geworden, die die Existenz der Bundesrepublik leugnen. Das „Königreich“ und Oberhaupt Peter Fitzek gingen noch einen Schritt weiter. Sie stellten falsche Ausweise aus, kauften Immobilien und erweiterten Strukturen. Nun wurde das KRD verboten, Fitzek sowie drei weitere Führungspersonen wurden festgenommen. Der Vorwurf: Sie sollen eine kriminelle Vereinigung gegründet haben. Auch in NRW war die Polizei im Einsatz. Nach Informationen dieser Redaktion in Werne (Kreis Unna). Dort lebt ein lizenzierter Vortragsredner des „Königreichs Deutschland“. Der Mann gilt als eine Art Sprachrohr der „Reichsbürger“. Die Einsatzkräfte hätten bei ihm Dokumente, Bücher, Ausweisdokumente mit Bezug zum „Königreich“, Computer und Waffen sichergestellt, hieß es aus Sicherheitskreisen. Zufällig stießen die Ermittler auch auf eine Drogenplantage, ein gesondertes Verfahren sei eingeleitet worden. „Reichsbürger“ veranstalten Seminare in OWL Solche Redner gab es im „Königreich“ einige. Sie sollten neue Anhänger gewinnen, beispielsweise durch Seminare. Mehrere fanden in OWL statt, organisiert von einer Substruktur des KRD namens „Leucht-Turm“, die auch immer wieder zu Wanderungen in Ostwestfalen einlud. Recherchen dieser Redaktion ergaben: Michaela und Jürgen aus Detmold, die zeitweise mit anderen KRD-Anhängern über einen Kauf einer Immobilie in Lübbecke fantasierten, nahmen an mindestens einem dieser Seminare in Ostwestfalen teil, in denen die Ideologie von Fitzek und seinem „Königreich“ verständlich an Interessierte vermittelt wurde. Doch damit ist nun Schluss. Mindestens 100 „Königreich Deutschland“-Anhänger in NRW Generell zählt der NRW-Verfassungsschutz im Bundesland rund 100 Personen, die dem KRD zugerechnet werden. Eine Sprecherin ordnet ein: „Für den Verfassungsschutz relevant sind in erster Linie die Personen, die für die Gruppierung aktiv tätig sind.“ Also solche, die neue Anhänger aktiv gewinnen. Es ist also gut möglich, dass es weitaus mehr Personen gibt, die sich zum „Königreich“ bekennen, bisher aber nicht im Fokus der Sicherheitsbehörden standen. Denn: Laut eigenen Angaben will das KRD bundesweit 6.000 Angehörige haben. Einige von ihnen sind so tief in den Strukturen verwickelt und so von der Ideologie überzeugt, dass sie sogar „Unternehmen“ im selbst ernannten Königreich gründen. Diese, so die Meinung von KRD-Chef Fitzek, müssen keine Steuern an die BRD zahlen – sondern brauchen schlicht und einfach teure Schulungen, in denen ihnen das Basiswissen zur Unternehmensgründung vermittelt wird. Eigenschaften wie diese sind der Grund, weshalb Experten das KRD oft mit einer Sekte vergleichen. Betriebe aus OWL werben im „Königreich“ Solche Unternehmen finden sich bundesweit. Selbst in OWL sind dieser Redaktion zwei Unternehmen bekannt, die sich durch Internetangaben klar zum „Königreich“ und der damit verbundenen, angeblichen Steuerfreiheit bekennen. Eins ist ansässig im Kreis Lippe, ein anderes im Raum Paderborn. Beide sind – wie so viele andere KRD-Unternehmen auch – im esoterischen Sektor ansässig. Darüber hinaus gibt es mehrere Gewerbe in OWL und Umgebung, die ihre Dienste oder Produkte über eigene Online-Marktplätze des „Königreichs“ anbieten. NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU) berichtet: „Das Königreich Deutschland ist kein harmloser Fantasiestaat, sondern ein gefährliches Sammelbecken für Demokratiefeinde. Es täuscht Gemeinwohl mit Rentenkasse und Heilfürsorge vor, macht sich aber die Taschen auf Kosten anderer voll.“ Mit dem Verbot ziehen die Behörden eine „unmissverständliche rote Linie“. Reul weiter: „Der Rechtsstaat duldet keine Parallelstrukturen. Deutschland bleibt Bundesrepublik, wird nicht Königreich.“