Minden. „Es hat mir sehr gut geholfen, alles zu verarbeiten“, sagt Joanna Steinmann-Glogowski. Die 48-jährige Mutter des getöteten Philipos Tsanis hat sich seit Beginn des Jahres für den Dokumentarfilm „Echtes Leben: Mein Sohn wurde getötet: Ich muss weiterleben“ von einem TV-Team begleiten lassen. Seit Freitag ist der rund 30-minütige Beitrag über das Schicksal der Frau in der ARD-Mediathek verfügbar, am späten Mittwochabend wird er im Hauptprogramm im Ersten zu sehen sein. In dem Beitrag kommt Joanna Steinmann-Glogowski ausführlich zu Wort, das Gezeigte dreht sich fast ausschließlich um sie und ihren Blick auf die Tat, die Gerichtsverhandlung und wie sie mit dem Tod ihres Sohnes umgeht. „Ich wollte einen Film nur aus Sicht der Mutter drehen“, sagt Regisseurin Gabriele Jenk im Gespräch mit der Redaktion. Sie und eine Kamerafrau waren für die Produktion knapp 20 Drehtage in Minden, Bad Oeynhausen, Rinteln und Bielefeld und bauten schnell ein enges Verhältnis zu Glogowski auf, wie die Regisseurin berichtet. „Es gab viele intime Situationen. Das muss man natürlich eng absprechen.“ Hier können Sie den Film über Philipos’ Mutter sehen: Die Mutter des getöteten 20-Jährigen ist mit dem Ergebnis zufrieden. „Ich hatte immer die volle Kontrolle über das, was gedreht wird.“ Der zuletzt in Minden lebende junge Mann, der von seiner Mutter immer nur Philip genannt wurde, war in der Nacht auf den 23. Juni im Kurpark Bad Oeynhausen so schwer verprügelt worden, dass er zwei Tage später an den Folgen starb. In der Nacht hatte seine Schwester ihr Abitur im Kaiserpalais gefeiert. Im Mai dieses Jahres wurde Mwafak Al-S. (19) zu neun Jahren Haft verurteilt. Derzeit läuft die Revision der Verteidiger. Lesen Sie auch: Angeklagter im Bad Oeynhausener Philipos-Fall: „Ich bin kein Mörder“ „Wir wollten den Täter so gut es geht außen vor lassen“, sagt Jenk über die Doku, in der Steinmann-Glogowski zu Beginn über den ursprünglich so freudigen Abend in Bad Oeynhausen spricht. Es werden Fotos von der Feier gezeigt und die Mutter sagt: „Es war das erste Mal, wo ich meinen Sohn so auf der Tanzfläche erlebt habe.“ Kurze Zeit später wird der Beitrag ernster, denn die 48-Jährige spricht auch über die Attacke selbst und darüber, wie sie versucht, den gewaltsamen Tod ihres Sohnes zu verarbeiten. Dazu hat die Trauernde auch angefangen, zu schreiben, wie in dem Beitrag zu sehen ist. Sie führt ein Tagebuch und arbeitet an einem Buch, das sie zeitnah veröffentlichen will, wie sie der Redaktion bestätigt. „Das einzige, was mir hilft, irgendwie damit klarzukommen, um nicht meinen Mann und meine anderen Kinder zu belasten, ist, dass ich meine Gedanken aufschreibe“, sagt sie in dem Film, der sich intensiv mit den Themen Vergebung beschäftigt. Die gebürtige Polin ist tiefgläubig und stellt sich mehrere Fragen: Darf ich wütend auf den Täter sein? Muss ich ihm verzeihen? In dem Beitrag ist sie zusammen mit dem Mindener Pfarrer Andreas Wilmsmeier zu sehen, der in einer Kirche mit Steinmann-Glogowski genau über diese Fragen spricht. Denn am Landgericht in Bielefeld begegnete die 48-Jährige immer wieder dem Täter: „Ich möchte nicht, dass Hass mich mein ganzes Leben lang begleitet, weil Hass zerstört. Als ich der Mutter des Täters gegenüberstand, ist der Hass komplett von mir abgefallen“, sagt sie. Lesen Sie auch: Mutter von getötetem Philipos: „Ich möchte dem Täter in die Augen sehen“ Diese Szene fängt auch die Kamerafrau ein - ein Moment, der die Regisseurin heute noch bewegt. „Das empfand ist als total bemerkenswert“, sagt sie und fügt an: „Diese Haltung, nicht zu verurteilen, sondern den Hass zur Seite zu schieben, können nicht viele Menschen.“ Neben Joanna Steinmann-Glogowski kommt auch der beste Freund von Philipos Tsanis, Max, zu Wort. Der junge Portaner war am Abend der Attacke dabei, wurde ebenfalls massiv attackiert. Er sagte als Zeuge vor Gericht aus und war selbst Nebenkläger. „Er konnte nichts mehr sagen, aber er wird mich gehört haben“, sagt er über den Moment, als sein Freund in seinen Armen lag. Doku am 11. Juni ab 23.35 Uhr in der ARD Im September werde es noch eine 45-minütige Version des Films im WDR geben, wie Regisseurin Gabriele Jenk erklärt. Sie spricht von einer intensiven und schönen Zusammenarbeit - und so sieht es auch die Mutter des Getöteten. „Ich bin sehr zufrieden, wenn man das in dem Zusammenhang sagen kann. Es spiegelt gut wider, was passiert ist“, so Steinmann-Glogowski. Die ARD strahlt den Dokumentarfilm „Echtes Leben: Mein Sohn wurde getötet: Ich muss weiterleben“ am Mittwoch, 11. Juni, zwischen 23.35 und 0.05 Uhr im Ersten aus.