Beverungen. Es geht um ein schreckliches Verbrechen, um einen verurteilten Mörder, der bis heute seine Unschuld beteuert - und um ein Tonbandgerät, das seine Unschuld beweisen soll. Werner Mazurek behauptete, es auf einem Flohmarkt in Beverungen gekauft zu haben. Die Spurensuche im Fall des Todes der zehnjährigen Ursula Herrmann führt nach Beverungen. 1981 wird die Zehnjährige in einem Waldstück am Ammersee entführt. Erst 29 Jahre nach der Tat wird Werner Mazurek als Entführer und damit Verantwortlicher für Ursulas Tod verurteilt. Ein anonymer Hinweis hatte ihn in das Visier der Ermittler gebracht. Bis heute beteuert er vehement seine Unschuld. Im Jahr 2023 wurde Mazurek aus der Haft entlassen, was ein großes Medienecho verursachte. Auch deshalb, weil er seitdem auf der Suche nach Beweisen für seine Unschuld ist. Das Format ARD-Crime-Time, das dem Fall eine eigene Staffel (Staffel 27) mit drei Folgen widmet, hat den Ex-Häftling bei seinen Recherchen nach entlastenden Beweisen begleitet. Das Hauptindiz soll auf einem Flohmarkt in Beverungen verkauft worden sein Ein zentraler Dreh- und Angelpunkt und Hauptindiz für die Verhaftung des vermeintlichen Täters war das Tonbandgerät, Marke Grundig, Typ TK 248. Ermittler hatten ein solches Gerät in der Wohnung von Werner Mazurek beschlagnahmt. Mehr als 20 Jahre nach der Tat. Mazurek gab damals an, es Mitte Oktober 2007 auf einem Flohmarkt in Beverungen gekauft zu haben. Es ist deshalb wichtig, weil Ermittler davon ausgegangen waren, dass es bei Erpressungsanrufen bei den Eltern eingesetzt wurde. Eine Ermittlerin des LKA hatte ausgesagt, dass wahrscheinlich von genau dem Tonband ein Tonsignal abgespielt worden sein muss, das während der Erpresser-Anrufe bei den Eltern für das Abspielen einer kurzen Melodie genutzt wurde. Der Ex-Häftling geht in der Region auf die Suche nach Beweisen für seine Unschuld Hätte er das Gerät tatsächlich erst 2007 in Beverungen gekauft, könnte das womöglich beweisen, dass er unschuldig ist - die Tat wurde ja 25 Jahre davor begangen. Die Polizei hatte damals auch in der „Neuen Westfälischen“ um Hinweise zu dem Gerät gebeten: Wer hatte es auf dem Flohmarkt oder anderswo gesehen? Entscheidende Hinweise gab es wohl nicht. Nach seiner Entlassung macht sich Mazurek selbst auf die Suche: Findet er den Flohmarkthändler, der ihm das Gerät vor 17 Jahren verkauft hat? Sein Ziel: Er will seine Unschuld beweisen und ein Wiederaufnahmeverfahren des Falles erreichen, wie er in der ARD-Sendung freimütig einräumt. Rechtlich braucht es für ein Wiederaufnahmeverfahren neue Tatsachen oder Beweismittel, die die damalige Entscheidung des Gerichts infrage stellen. Schon kurz nach der Verhandlung gab es Kritik an der Ermittlungsarbeit Nach 15 Jahren kam Mazurek aus dem Gefängnis frei - keinesfalls selbstverständlich für einen Täter, der leugnet, eine Tat begangen zu haben. So nimmt es nicht wunder, dass der Mordfall auf Wikipedia in der Liste von Justizirrtümern in der deutschen Rechtsprechung geführt wird. Der Beweis aber, dass es wirklich ein Justizirrtum war, er steht aus. Dass nicht ordentlich ermittelt wurde, meinte allerdings auch schon kurz nach der Haft der Bruder des Opfers, Michael Herrmann. Er glaubte nicht an die Schuld Mazureks, was er diesem schon während dessen Haft am Telefon mitteilte. Die Autorin Christa von Bernuth, die bereits einen Kriminalroman über den bekannten Fall geschrieben hat, hegt in der Sendung der ARD mittlerweile einen ganz anderen Verdacht. Veranstalter des Flohmarktes in Beverungen hatte mit der „NW“ gesprochen Da die Familie Herrmann alles anders als wohlhabend gewesen sei und das Lösegeld in Höhe von zwei Millionen Euro nicht hätte aufbringen können, geht sie davon aus, dass Ursula mit einem anderen Kind verwechselt worden war - immerhin besuchte sie die Turnstunde, von der sie entführt wurde, auch nicht regelmäßig. Womöglich würde das auch erklären, warum der oder die Entführer sich einfach nicht mehr bei den Eltern gemeldet hatten, nachdem die Lösegeldforderung übermittelt worden war: Der oder die Täter hatte seine Verwechslung selbst erkannt. Als Oberstaatsanwalt Nemetz der Presse 2008 erklärte, „neue Mosaiksteine“ hätten sich ergeben, „die jetzt das Bild zu einem Gesamtbild“ abrunden, zielten die Ermittlungen auf Mazurek und das Tonband ab. Womöglich waren die Behörden damals aber schon einen Schritt weiter? Wie die „Neue Westfälische“ am 11. Juli 2008 berichtete, soll der Tatverdächtige Werner Mazurek nicht nur behauptet haben, das Tonband am 14. Oktober 2007 auf einem Flohmarkt in Beverungen gekauft zu haben - er will es auch noch auf dem Markt ausprobiert haben. Das sagte der Veranstalter des Marktes damals gegenüber der „NW“. So lief die damalige Gerichtsverhandlung auf die Variante mit dem Flohmarkt Allerdings habe es am fraglichen Wochenende nur einen Standbesitzer mit dem dafür notwendigen Stromaggregat gegeben, und bei diesem sei, so der Veranstalter, kein Tonbandgerät ausprobiert worden. Die zuständige Staatsanwaltschaft in Augsburg wollte den Stand der Ermittlungen damals nicht kommentieren. In der zweiten Folge der ARD-Crime-Time-Staffel über den Fall wird jedoch klargestellt, dass während der Gerichtsverhandlung 40 Zeugen zu Wort gekommen seien. Niemand habe etwas von dem Tonband gewusst. „Es sprach vieles dafür, dass diese Flohmarktgeschichte erfunden war“, räumt Gerichtsreporter Hans Holzhaider von der „Süddeutschen Zeitung“ in der „ARD“-Dokumentation ein. „Und wenn er sich so eine Geschichte ausdenkt, dann wird es wohl einen Grund dafür geben.“ Auch bei „Spiegel online“ war der Flohmarkt in Beverungen ein Thema Laut Berichterstattung von „Spiegel online“ aus dem Jahr 2008 hatte es am 14. Oktober 2007 einen Flohmarkt in Beverungen gegeben. 30 Händler hätten ihre Waren angeboten, ihre Namen seien allerdings vom Veranstalter nicht namentlich erfasst worden. Der zehnjährigen Ursula helfen all diese Spekulationen aber nicht. Zwar waren in der Kiste, in der sie eingesperrt war, zwei Rohre angebracht, aber ein Luftaustausch war laut Polizei nicht möglich. Nach sechs Stunden in ihrem unterirdischen Gefängnis starb das Mädchen - und nahm womöglich die Wahrheit über ihre Mörder mit ins Grab.