Bielefeld. „Wer stiehlt stumpfe Schwerter aus einem Auto?“, fragt Florian Lemmer. Seit Wochen grübeln er und seine Frau Josephine Schönberg über das Motiv für den Einbruch in seinen VW Golf. In der Nacht von Mittwoch, 9. Juli, auf Donnerstag, den vorletzten Schultag vor den Sommerferien, passierte der Bruch auf dem Parkplatz in der Sackgasse des Meier-zu-Eissen-Weges in Schildesche: Mit einem Stein schlugen der oder die Täter die Scheibe des Beifahrerfensters ein und zwängten sich ins Innere des Autos. Dort stießen sie auf einen zerlegten Bollerwagen samt Plane sowie auf einen Trekkingrucksack mit Sportkleidung und eine Tasche mit Schwertern und Streitäxten. „Meine Sportkleidung warfen sie auf den Parkplatz und nutzten wahrscheinlich den Rucksack für den Transport der Sportgeräte“, rekonstruiert Lemmer den Akt der Zerstörung. „Das muss ganz schön geklappert haben, wenn da Metall gegen Metall scheppert – und bei der Länge der Waffen müssen die große Axt und das Zweihandschwert auch herausgeschaut haben“, sagt Josephine Schönberg. Auch ihr Schwert gehöre zu dem Diebesgut, sie trage es als wehrhafte Elfe. Die beiden Mittelalterfans nutzen die Waffen einerseits als Deko und zur Show beim Besuch von Märkten oder Festen, und Lemmer dienen sie zugleich für den Sport namens „Buhurt“. Dabei rangeln gut gepanzerte Ritterteams miteinander „und schubsen sich zu Boden“, frotzelt Josephine Schönberg. Am Boden sei gegenwärtig aber nur ihre Stimmung, denn neben dem materiellen Wert sei der emotionale Verlust eigentlich nicht aufzuwiegen. Und weil ihnen die Polizisten bei der Aufnahme der Anzeige auch keine Hoffnung gemacht hätten, die Unikate jemals wiederzusehen, gehen sie jetzt in die Offensive – mit einer Belohnung von bis zu 1000 Euro für die unversehrte Rückkehr der gestohlenen Handarbeiten aus Stahl: „Für Sammler sind die Sachen wertlos, die wollen historische oder zumindest scharfe Waffen, und in der Szene weiß jeder um die Waffen der anderen“, erzählt Lemmer. Tatsächlich sei ein Schwert auf Ebay aufgetaucht, das seinem extrem ähnele. Täter gehen mit viel Zerstörungswut ans Werk Der angeschriebene Anbieter habe nicht auf seine Anfragen geantwortet und auch ein Profil-Check durch die Polizei habe keinen Hinweis auf mögliche Hehlerware gegeben. Was bleibe, sei ein mulmiges Gefühl. Auch wegen der Zerstörungswut, die mit dem Einbruch einherging: Ein CD-Wechsler im Fond des über 20 Jahre alten Autos – herausgebrochen und samt der überwiegend selbst gebrannten CDs gestohlen. Das Autoradio – immerhin in einem Stück extrahiert. Die Dashcam vom Rückfenster – abgebrochen und eingesteckt. „Das hat doch auch mit Beschaffungskriminalität nichts zu tun, die Dinge sind doch völlig wertlos“, sagt der Realschullehrer. Wertlos wie zwei abgelaufene Verbandskästen, die ebenfalls fehlen, inklusive des Neuen. Aber das sei noch nicht alles, denn zum Raub der Waffen und der Zerstörung von Technik komme auch noch das Bekritzeln der Windschutzscheibe mit Theaterschminke: „Im Handschuhfach hatte ich meine grüne Theaterschminke deponiert, und damit hatten der oder die Diebe auf seine Windschutzscheibe ’Sorry aber Leben hart’ (sic) geschrieben sowie ein Herz dazu gemalt – auf die Windschutzscheibe von meinem Auto haben sie ein Hakenkreuz geschmiert“, sagt die Kunstlehrerin. Das habe die Polizei natürlich sofort entfernt. Und Schönberg habe die Schminkreste weggeworfen, an denen sich fremde Finger vergriffen hatten, um sie dann dafür zu missbrauchen. Persönliche Racheakte von Schülern gegen die beiden Lehrenden? Missgunst aus der Szene? Fremde im Drogenrausch? Es darf spekuliert werden, ob der unkonventionellen Tat. Zumal es in der Nacht noch einen weiteren Autoeinbruch auf dem am Ende der Sackgasse gelegenen Parkplatz gegeben habe. Das bestätigte Polizeisprecherin Hella Christoph. Dabei habe es sich um einen Nissan Micra gehandelt, sagt Lemmer, der den Besitzer aus der Nachbarschaft der großen LEG-Siedlung kennt. Der Kleinwagen habe direkt unter einer der beiden Laternen gestanden, was aber offenbar wenig abschreckend gewirkt habe. Und nur einen Monat vor dem Lemmerschen Malheur hatten Diebe das Auto seiner Frau aufgebrochen. Der blaue Honda Jazz steht ebenfalls auf einem gemieteten Stellplatz direkt neben dem Golf. Seit Jahren Autoeinbrüche auf schlecht einsehbarem Parkplatz „Seitenscheibe eingeschlagen und dann versucht, das Schloss am Lenkrad zu knacken, aber gescheitert“, erzählt Schönberg. Und das ist jetzt schon zum zweiten Mal passiert. Beim ersten Mal wurde auf den Parkplätzen noch wild geparkt, sogar fremde Lastwagen seien dort abgestellt worden. Bereits vor fünf Jahren berichtete die NW über die Probleme der Anwohner. Dann kommerzialisierte die Wohnungsgesellschaft das Parken, baute Bügel auf jeden Platz und gelobte mehr Sicherheit. „Bisher ohne Wirkung“, konstatiert Lemmer. „Die dürfen keine Videoüberwachung installieren, weil das gegen den Datenschutz verstoße. Ich würde ja eigenes Geld investieren, darf das aber auch nicht.“ Was insofern irritiert, als jede Baustelle mittlerweile auf Planen wirbt oder warnt vor dem Fischauge mit dem scharfen Rundumblick. Bleibt die Hoffnung, dass vielleicht jemand die Schwerter und Streitäxte irgendwo in der Umgebung findet und sich meldet. Dabei handelt es sich um folgende stumpfe Waffen, die als Freisteller auf den Fotos zu sehen sind: die lange Zweihandaxt (Bardiche), die kurze Einhandaxt (Bartaxt), fünf Einhandschwerter, eins davon mit Scheide sowie ein langes Zweihandschwert und einen Falchion, die beiden ebenfalls mit Scheide. Gefertigt meist in der Tschechischen Republik, wo die Szene recht groß sei und erworben auf Märkten von kleinen Händlern oder Handwerkern. So wie auf dem Sparrenburgfest: Wohl gerüstet, weniger gepanzert, wollte sich das Paar auch dieses Jahr wieder den Besuchern des Spektakels zeigen: Er böse dreinblickend mit diabolischen Hörnern aus Moosgummi auf der Stirn und sie gewandet in Grün mit spitzen Ohren und Schwert als wehrhafter Waldgeist. Die Autoknacker aber packten selbst die Hörner ein und vermasselten den beiden gehörig das Wochenende. „Es ist unser Hobby, wir haben Spaß daran, die Kinder haben Spaß dabei, darum wäre es schön, bekämen wir unsere Sachen heile zurück“, sagt Schönberg. Infos an lemmer.florian@web.de