Herford/Bielefeld/Kreis Minden-Lübbecke. Mit dieser Entwicklung hatte zum Verhandlungsauftakt im Februar dieses Jahres wohl niemand gerechnet: Im Prozess um die angebliche Gruppenvergewaltigung am früheren Go Parc in Herford fordern nicht nur die Verteidiger der Angeklagten Freisprüche für ihre Mandanten – sondern auch die Staatsanwaltschaft. Unter Ausschluss der Öffentlichkeit hatten die Rechtsbeistände und die Anklagevertretung am Montagmorgen, 22. September, ihre Plädoyers gehalten. Zuvor war die Beweisaufnahme geschlossen worden. Neben den Freisprüchen sei die Aufhebung etwaiger noch bestehender Haftbefehle beantragt worden. Die Urteilsverkündung der XX. Strafkammer des Bielefelder Landgerichts ist für nun kommenden Freitagmorgen, 26. September, anberaumt. Dann wird der seit mehreren Monaten laufende Mammutprozess, der bundesweit für Schlagzeilen gesorgt hatte, wohl sein Ende finden. Ursprünglich waren noch bis Ende Oktober weitere Verhandlungstage angesetzt gewesen – nun geht es deutlich schneller. Schon zuletzt hatte die Kammer größtenteils unter Ausschluss der Öffentlichkeit verhandelt. In der vergangenen Woche hatten Gutachter im Zeugenstand Platz genommen. Dabei war es wohl unter anderem um die Glaubwürdigkeit des angeblichen Opfers – eine zum Tatzeitpunkt 18-jährige Frau aus dem Münsterland – gegangen. Mutmaßliche Vergewaltigung gefilmt? Hauptangeklagte in dem Fall sind zwei junge Iraker (beide 19) aus dem Nachbarkreis Minden-Lübbecke. Sie sollen – laut Anklage – vor knapp einem Jahr eine junge Frau aus Ahlen (Kreis Warendorf) in einem Auto vergewaltigt haben. Die Heranwachsende soll unter dem Einfluss von Drogen und Alkohol gestanden haben, sei nicht mehr in der Lage gewesen, ihren Willen zu artikulieren. Diese Lage hätten die beiden Hauptbeschuldigten ausgenutzt – davon war die Staatsanwaltschaft zunächst ausgegangen. Fünf weitere junge Männer und eine Frau – einer der Beschuldigten war zum angeblichen Tatzeitpunkt noch minderjährig – waren wegen Beihilfe zur Vergewaltigung angeklagt worden. Das Quintett – alle stammen ebenfalls aus dem Kreis Minden-Lübbecke – habe den Wagen, in dem die Sextat geschehen sein soll, vor fremden Blicken abgeschirmt, die Vorgänge im Auto sogar gefilmt, hieß es zumindest in der Anklageschrift. Lesen Sie auch: Vergewaltigung am Go Parc in Herford? Gericht zeigt Videos vom mutmaßlichen Opfer Im Zuge der umfangreichen Beweisaufnahme und Zeugenvernehmungen hatte das vermeintliche Opfer selbst auch ausgesagt – unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Allerdings soll sich die junge Frau dabei teilweise in Widersprüche verstrickt haben. Das dürfte wahrscheinlich den Wendepunkt in dem Mammut-Prozess markiert haben. Wann Urteile fallen könnten Denn Fakt ist: Die Hauptangeklagten waren Ende Juni nach einem entsprechenden Antrag ihrer Verteidiger nach knapp neun Monaten aus der Untersuchungshaft entlassen worden – weil keine Flucht- und Verdunklungsgefahr mehr bestanden habe. „Der Haftbefehl gegen die beiden Angeklagten wurde gegen Meldeauflagen außer Vollzug gesetzt“, hatte Landgerichtssprecher Guiskard Eisenberg vor knapp zweieinhalb Monaten erklärt. Als Auflage mussten sich die damals 19-Jährigen regelmäßig bei der Polizei melden. Die Hauptverhandlung vor der XX. Kammer des Landgerichts wird am kommenden Freitag um 10 Uhr fortgesetzt.