Paderborn/Werther. Ein starker Luftzug pfeift den Berg hinauf. Wer den höchsten Punkt erklimmen will, wird sich freuen. Der Rückenwind hilft. Doch oben angekommen, wird der Bergsteiger nicht mit einem Blick in Täler und auf tiefer liegende Gipfel belohnt. Stattdessen folgen auf das Tal vor ihm zig weitere Hügel, Täler, Hügel – fast bis zum Horizont. Und alle sind gleich hoch und gleich tief. Und überhaupt sind die Hügel eher Wälle, die sich auch noch links und rechts in unendlich langen Reihen fortsetzen. Eine Monotonie, die verzweifeln lässt. Ob die vier Hektar Raps in Werther im Kreis Gütersloh wohl so wirken – aus der Käferperspektive? Klar ist: Wer sich mit dem Anbau von Pflanzen in Dämmen aus Erde beschäftigt, den werfen manche Beschreibungen in eine kleine Welt mit eigenen Gesetzen. Von Berg- und Talwinden ist da die Rede. Auch von einem Mikroklima, weil die Sonne eine Dammseite erwärmt und die andere im Schatten lässt. Und wer sich noch weiter schlaumacht, stellt fest: Das Leben zwischen den Dämmen ist alles andere als monoton. Sondern eher vielfältig und ziemlich paradiesisch. Als Mensch am Rand des Ackers spürt man von alldem natürlich nichts. Die Vorgänge im ganz Kleinen bleiben Einbildung. Ganz real knabbert dafür der Herbstwind an Nase und Ohren, während Hannes Dicke-Wentrup unter gleichgültig-grauem Himmel über den Anbau von Pflanzen in Dämmen spricht. Landwirt sieht praktische Vorteile 2022 hat der Biolandwirt auf die Methode umgestellt. In Verbindung bringt man sie wohl vor allem mit dem Kartoffel- und Spargelanbau. Dicke-Wentrup hingegen nutzt sie für alle seine Feldfrüchte – vom Raps bis zum Winterhafer. Sie alle graben ihre Wurzeln in kleine, locker aufgeschüttete Dämme. Entsprechende Flächen sehen aus, als hätte sie jemand mit einer riesigen Harke durchgezogen. Aus Sicht des 57-Jährigen hat die Anbauweise zunächst vor allem einen praktischen Vorteil: Sie erleichtere den Kampf gegen das Unkraut, sagt der Landwirt. Denn in den Dämmen wurzeln die angebauten Pflanzen tief, nicht breit. Dicke-Wentrup kann das Unkraut also aus den Dammtälern entfernen – ohne den Wurzeln von Ackerbohne, Triticale und Co. zu schaden. „Das war für mich auch der Grund, warum ich auf das System umgestiegen bin“, sagt der Bio-Bauer, der insgesamt 92 Hektar Ackerfläche bewirtschaftet, was fast 130 Fußballfeldern entspricht. Aber ihm liegt auch die Natur am Herzen. Zwischen den Dämmen fänden etwa Hasen Rückzugsorte, sagt Dicke-Wentrup. Auch den noch kleineren Lebewesen, vom Insekt bis zum Wurm, bieten solche Felder verschiedene Lebensräume. Um seine Flächen zu bearbeiten, nutzt Dicke-Wentrup im Grunde nur ein spezielles Anbaugerät für seinen Traktor. Und das verbindet den hochgewachsenen Ostwestfalen mit der Hitze Spaniens – und mit Julian Turiel. Simples Werkzeug für viele Einsätze Der Metallbaumeister und Landwirt lebt und arbeitet in Paderborn, ist aber in Spanien aufgewachsen. Auf dem elterlichen Hof im Norden des Landes wurden schon damals Feldfrüchte in Dämmen angebaut. Genau die vermisst Turiel aber, als er in den 90er-Jahren nach Deutschland kommt. Vorherrschend ist hier der Flachanbau. Deswegen entwickelt Turiel eine Maschine, damit auch hierzulande mehr Landwirte die traditionelle Kultivierung einsetzen können, die seit Hunderten von Jahren in vielen Gegenden der Welt genutzt wird. 2002 erreicht das erste Gerät Serienreife. Seitdem wurde es stetig weiter entwickelt, ist dabei aber immer simpel geblieben. Letztlich besteht es aus einem massiven Stahlrahmen. Daran können je nach Einsatzzweck Werkzeuge montiert werden – etwa um Unkraut zu entfernen, zu säen und natürlich um die Dämme aufzuschütten. Geerntet wird dann mit üblichen Mähdreschern, die einfach über die Dämme hinwegfahren. Das von dem 63-Jährigen gegründete Unternehmen zählt insgesamt fünf Mitarbeiter. Weitere – vor allem in den Bereichen Schweißen, Montage und Lackieren – werden gesucht, sagt David Turiel, Julian Turiels Sohn. Der studierte Betriebswirt ist 2021 in das Unternehmen seines Vaters eingestiegen. Unternehmen hat Kunden auch in Afrika und Australien Im Jahr 2024 hat es laut Turiel einen Umsatz von etwa einer Million Euro erwirtschaftet. 60 Neukunden verzeichnet der Betrieb mit dem Namem „Turiel Dammkultur“ pro Jahr, sagt der 28-Jährige. „Wir sind dabei vorwiegend in den deutschsprachigen Ländern vertreten“, erklärt er. Das Unternehmen habe mittlerweile aber auch im europäischen Ausland sowie Australien und Afrika Kunden. Im Nordwesten Spaniens half die traditionelle Anbauweise einst, Wetterextreme abzupuffern. „Trockenheit in den Sommermonaten war die Regel“, sagt David Turiel. Alle fünf bis zehn Jahre habe es viel geregnet. Die locker aufgeschütteten Dämme kamen damit zurecht. In kurzer Zeit konnten sie viel Wasser aufnehmen und es in Trockenphasen lange halten, erklärt Turiel. Zudem schützen die Dämme gegen Erosion. Die Erde könne nicht so leicht weggeschwemmt werden. Ein Luftzug hin zur Dammspitze unterstütze die Pflanzen darüber hinaus bei der Aufnahme von Kohlendioxid. Und auch in der Erde finde ein Luftaustausch statt. Davon profitieren Wurzeln, Mikroorganismen und Pilze, betont der Unternehmer. Aus betriebswirtschaftlicher Sicht seien sogar Ertragssteigerungen möglich. Auf ökologisch bewirtschafteten Flächen könnten diese gar im zweistelligen Prozentbereich liegen, berichtet Turiel. Wissenschaftlerin sieht auch Nachteile des Systems Bei Hannes Dicke-Wentrup sind die Erträge im Vergleich zur normalen ökologischen Bewirtschaftung ohne Dämme ungefähr gleich geblieben. Durch das System der Turiels habe er aber einen Kostenvorteil, sagt der Landwirt. Denn die Maschine kann je nach Einsatzzweck mit wenigen Handgriffen umgebaut werden. Für das Säen, die Pflege und weitere Arbeiten braucht es also nicht jeweils ein eigenes Gerät. Rund 30.000 Euro habe er für den Turiel-Rahmen samt Werkzeugen gezahlt, sagt Dicke-Wentrup. „So viel würde schon eine normale Sämaschine kosten, die kann aber dann auch nur das“, betont der Landwirt. Auch Tanja Schäfer, Agrarwissenschaftlerin von der Fachhochschule Südwestfalen in Soest, sieht Vorteile der Dammkultur. Vor allem im Bereich Erosionsschutz und Wasserspeicherung. Dennoch ist diese Art des Anbaus aus ihrer Sicht nicht für jeden Betrieb geeignet. Landwirte, die konventionell wirtschaften, nicht ökologisch, könnten etwa Schwierigkeiten bei der Unkrautbekämpfung mit chemischen Mitteln bekommen. Die würden sich ungleichmäßig auf Dammkultur-Flächen verteilen, erklärt die Wissenschaftlerin. Das könne die Wirkung beeinträchtigen. Eine weitere Einschränkung: „Die Technik nach dem System von Turiel ist auf geringe Arbeitsbreiten ausgelegt, die auf Betrieben mit großen Ackerflächen an ihre Grenzen stößt.“ Unternehmer sieht viel Potenzial aufgrund des Klimawandels Hannes Dicke-Wentrup ist jedenfalls von der Dammkultur und dem Paderborner System überzeugt. Großes Potenzial sieht natürlich auch David Turiel – und das gerade vor dem Hintergrund des Klimawandels. „In Zeiten von extremen Wetterereignissen spielt die Art der Bewirtschaftung in der Landwirtschaft eine wichtige Rolle“, sagt er. „Überschwemmungen, Wassererosion und Trinkwasserqualität sind direkt davon abhängig, wie der Boden bearbeitet wird.“ Der Anbau in Dämmen sei sehr widerstandsfähig, erklärt Turiel und betont: „Uns ist es ein großes Anliegen, die Landwirtschaft zukunftsfähig zu machen.“ Und das bedeute, dass man sich Bedingungen, die sich verändern, anpasse.